Sowohl EADS und auch Boeing haben die angebote abgegeben! Und derzeit noch keine Abgabefrist verlängerung zwecks US Aerospace.
Wie wir schon alles dachten das war von sehr weit hergeholt...
US-Aerospace/Antonov („AN“) hat es wie von mir erwartet gewagt, eine Offerte für den Tanker abzugeben. Was soll das? Kriegt AN den Auftrag?
An internationalen Ausschreibungen nehmen immer wieder „Fly-By-Nights“ teil. Deshalb beinhalten alle Ausschreibungen eine Vielzahl von Folterinstrumenten mit denen man dieser Schmeißfliegen habhaft werden kann. Der Käufer muß den Auftrag an einen Bieter verhindern, den dieser nachher nicht oder schlimmer sehr schlecht erfüllt.
1)Was soll der Blödsinn?
- Kalkül der Ukraine/Rußland: Antonov ist ein Ukrainisches staatsnahes Unternehmen. Moskau soll gerüchteweise in der AN-Offerte direkt involviert sein. Ingenieurtechnik – insbesondere die Flugzeugtechnik – waren der Stolz des Sovietbürgers und sind es auch heute noch. Die Flugzeugindustrie liegt dort völlig am Boden. Daran ändern auch Superjet-100 und AN-148 nichts. Das Angebot durch AN – und das mit der berühmten AN-124 - signalisiert den Technikbegeisterten im Osten: Wir werden im Westen technisch ernstgenommen; wir sind wieder wer! Insofern ist AN eine PR für die Staatsführung. Das lenkt von der täglichen Not ab.
- Kalkül der Antonov-Geschäftsführung: Obwohl seit langem kein Großflugzeug gebaut wurde und AN-148 Probleme macht, kann man seine Reputation steigern.
- Kalkül des Finanzier/Oligarch: Es muß (s.u.) einen kapitalkräftigen Finanzier geben, der aber real trotz/wegen untenstehender Argumente kein echtes Finanzrisiko hat. Er kann sich dann später megagroß feiern, weil er mit dem Pentagon einen 30Mrd$-Deal verhandelt hat. Das bringt neue Kunden. Seine Gala-Fete auf Schoßhotel „X“ wird eine gigantische Ovation werden.
- Kalkül US-Aerospace: Die ältlichen Manager der 29-Mann-Bude US-Aeropsace werden später mit ein paar Aufträgen abgespeist und nach Verlustjahren sind Einkommen und Rente gesichert.
Zwischenergebnis: Für AN ist die Angebotsabgabe sinnvoll. Alle gewinnen etwas ohne jemals einen Tanker liefern zu müssen.
2) Droht die Vergabe an AN?
Nein, denn die folgenden Folterwerkzeuge reichen, um den „Fly-By-Night“ AN rauszukicken. Die „Nationale Sicherheit der USA“ böte dem Pentagon schon von vorne herein jegliche Entscheidungsfreiheit gegen AN.
- Das Angebot besteht zunächst aus 30 – 50 Angebotsseiten inklusive diverser Formblätter
Das konnte AN bestimmt leisten; Ob auch inhaltlich wissen wir nicht.
- Als Anlagen erhält das Pentagon von jedem Anbieter zig-tausende von Seiten mit Spezifikationen und Zeichnungen. EADS-Military hat dafür monatelang 200 Leute abgestellt, die dies zum dritten Mal vorbereiten. Diese Seiten müssen alle auf Englisch sein; Russisch in kyrillischen Lettern hilft nicht. Wer nun glaubt, Antonov hätte für nachrangige Teile, Anlagen und Maschinen, immer englischsprachige Zeichnungen täuscht sich gewaltig. Normalerweise müssen die Dokumente bereits bei Abgabeschluß ( hier 9.7.) vorliegen; Logisch, daß AN so etwas niemals erfüllen kann. Pentagon hat also jederzeit alle Möglichkeiten zum Nock Out.
Übrigens: Bürokratische Folter kann man auch manchmal willkürlich gegen einen Hauptwettbewerber wie EADS einsetzen, aber das gibt es sicherlich nur in Afrika..
- Um sicherzustellen, daß der Verkäufer auch bei Auftragserteilung noch zu seinem Angebot steht, verlangen zivile Ausschreibungen eine Bietungsgarantie, Bid Bond genannt von meist 1% oder 2% des Angebotswertes. 1% von 29,5Mrd$ bedeutet, AN muß 295 Mio.US-$ bei einer US-Bank hinterlegen, die sofort „auf erste Anforderung“ ohne wenn und aber an das Pentagon ausgezahlt werden.
Anmerkung: Warum sollten im Defense-Bereich schwächere Normen gelten, als bei uns.
- Um sicherzustellen, daß der Verkäufer nachher auch vertragsgemäß liefert, wird mit Auftragserteilung eine Vertragserfüllungsgarantie = Performance Bond in Höhe von 5% oder 10% des Auftragswertes verlangt. Dann muß AN also mindestens 1,5 Mrd US-$ Bargeldreserve bei einer US-Bank zeigen, um anfangen zu können. Investitionskosten für Anlagen, Prototypen etc. nicht gerechnet. Wären die Regel hier ähnlich wie im Zivilbereich, fließt der erste Cash-flow erst dann, wenn USAF ein Dutzend Maschinen als aktiv übernommen hat.
Logischerweise kann die Ukraine diese Bankgarantien selbst nicht stellen, egal welche tatsächliche Höhe gefordert ist; AN sowieso nicht. Deshalb braucht es den mir noch nicht namentlich bekannten finanzierenden Oligarchen. Solange dieser Finanzier sicher ist, daß seine Bietungsgarantie nicht zum Tragen kommt, weil das Angebot einfach „Schrott“ ist, kann er die Garantie ausstellen. Das Geld wird er genauso haben, wie später seinen Spaß im Schloßhotel „X“.
3) Droht EADS und Boeing zusätzliche preisliche Erpressung?
Die Angebostpreise stehen fest. Es ist das Wesen der Ausschreibung, daß man sofort allen Rabatt geben muß. Nachträgliche Preisverhandlungen sind grundsätzlich ausgeschlossen – möchte man meinen... Aber, aber, aber viele Detailklärungen sind in realiter Nachverhandlungen. Da werden offene Punkte konkretisiert, die eine erhebliche Kostenwirkung haben. Anforderungen fallen weg, neue kommen dazu, ohne daß sich der Nominalpreis ändert. Es gibt tausenderlei Tricks und Facetten.
Argumente aus den Nachverhandlungen mit AN kann das Pentagon gegen Boeing und EADS nutzen, um Druck bei einzelnen Konditionen aufzubauen.
Auf allen Seiten sind aber absolute Vollprofis tätig, die sich nicht ins Boxhorn jagen lassen. Zusätzlichen signifikanten Preisdruck durch AN wird es m. E. nicht geben. Zumindest gab es nach m. E. keinen Grund für EADS, den Angebotspreis nur wegen der AN-Teilnahmedrohung zu überdenken.
4) Droht durch die AN-Offerte weiterer zeitlicher Verzug?
Boeing hat das Rieseninteresse, die Verhandlungen schnellstens zu beenden. Möglichst, bevor das WTO-Boeing-Verdikt bei den Parlamentariern in Washington analysiert ist. Dies gilt, egal was drin stehen wird. Um so mehr eilt es aber, falls das Verdikt wie von EADS erhofft eine gravierende Kritik an Forschungssubventionen enthalten sollte. Die Lobby wird dem Pentagon Dampf machen, zu entscheiden.
EADS hat aus gleichem Grund Interesse an einer gewissen Verschleppung. Auf technische Fragen aus AN-Verhandlungen könnte man geschickt mit Gegenfragen einen Klärungsbedarf erzeugen, d. h. Zeit schinden.
AN sucht m.E. den Zeitpunkt für einen siegreichen PR-Abgang ohne Auftrag.
Ich glaube, das Pentagon wird AN eine längere Weile zum Spielen im Rennen halten.
Warum sollte man auf „Nationaler Sicherheit“ pochen? Man kann subtiler vorgehen. Wir werden es sehen.
Gruß Gustl
Hinweis: Der Autor beteiligt sich in einer anderen Branche regelmäßig an internationalen Ausschreibungen und reist geschäftlich oft nach Rußland/GUS.
Der Autor hat Erfahrungen im Zivilgeschäft. Die Ableitungen auf den Bereich Defense müssen bitte von Kennern der Materie kritisiert und kommentiert werden; so sie es dürfen.
Wäre der Autor im Military tätig, hätte er übrigens wohl nicht schreiben dürfen.
Bekanntlich hat EADS-Miltary einen zweistelligen Millionenbetrag aufgewandt, um zum dritten Mal den Tanker anzubieten. Das geht auch günstiger.
US-Aerospace/Antonov habe sich einen – in der Mehrdeutigkeit des Wortes – absolut „billigen Spaß“ gegönnt.
Der Oligarch/Finanzier hat noch am meisten bezahlt. Er muß ja die Bietungsgarantie, Bid Bond genannt von ca. 295 MioUS-$ hinterlegen. Dafür wird eine Immobile o.ä. für eine begrenzte Zeit ( vom 09.07. bis zum Rauschmiß aus den Verhandlungen; also für vielleicht 100 Tage ) an die US-Bank verpfändet (ähnlich zu einem Grundpfandrecht). Da der Auftrag verhindert wird, muß das Pfand nicht eingelöst werden. Die Bank gibt also keinen Kredit, sondern erhält nur Bereitstellungsprovision. Mag es 1 oder 2 Mio.US-.$ sein. Peanats! So what! Der Spaß und Folgegeschäft sind es wert!
US-Aerospace/Antonov müssen eine schlampige Offerte abgeben. Die zimmere ich den Jungs für einige 100.000,-$ zusammen. Dafür gibt’s ne tolle Show mit viel Nebel und Schaum.
Die betagten Herren von US-Aerospace dürfen die versprochenen Aufträge später selbst akquirieren. Aus Rußland/Ukraine hilft keiner. „Let them swing!” Aber sie haben die erlauchte Ehre auf Schloßhotel “X” schampussaufend dem Oligarchen huldigen zu dürfen.
"Financial Times Deutschland" berichtet unter Berufung auf Branchenkreise, das EADS Angebot würde mindestens 10% unter dem letzten Angebot von 184 Mio USD liegen und in EADS-Kreisen meine man, "das größere Risiko liege bei Boeing, weil eine Festpreis für eine modernisierte Variante des älteren 767-Modells kalkuliert werden müsse, das bisher noch gar nicht geflogen ist". In einem aktuellen Artikel über die Situation des US-Präsidenten Barack Obama schreibt "FTD" abschließend, "eigentlich kann er nur noch darauf hoffen, dass das Angebot von Boeing technisch eindeutig überlegen und zugleich finanziell günstiger ist. Dann könnte er - ganz objektiv - für Boeing entscheiden. Doch diesen Gefallen wird ihm Airbus wohl kaum tun."
Wenigstens hat EADS eine größere Chance, zu gewinnen, als US-Aerospace mit Antonow. :-) Ob EADS gegenüber Boeing dabei überhaupt etwas verlieren kann, ist vielleicht nebenbei eher bezweifeln. mfg
Die zeitnahe Realisierbarkeit des Vorhabens bei einer ( m.E. unwahrscheinlichen) Auftragsvergabe wage ich zu bezweifeln. Die AN-70 fliegt schon seit Jahren und hat noch keine Käufer gefunden. Ein netter Versuch, diese wieder einmal in die Schlagzeilen zu bringen.
AN-70 Düsenflieger. Ich bin nass in der Hose :-), :-). Die Improvisationskünstler haben es innerhalb von Stunden geschafft, den Bomber umzukonstruieren und schrauben einfach ohne weitere Prüfung ne nette Düse dran. Natürlich das modernste von der 787. Als Nichtingenieur, der schon bei solchen Jungs in den Werken war ( andere Branche) wette ich: Die könnten die Kiste als Einzelstück sogar zum Fliegen bringen.
Wenn ein Blogger recht hat, ist das offizielle Prospektfoto eine gecrashte (Bugrad) AN-70 im Schnee.
Übrigens haben die Typen die Ausschreibungsunterlagen schon 6 Stunden vor Tender-Schluß erhalten. Die können schon mal fix sein.
Macht Spaß zu lesen und bestätigt doch nur meine vorherigen Analysen über die Vögel.
Schönen Sommertag
Gustl
Dieser Beitrag wurde am 13.07.2010 10:12 Uhr bearbeitet.
US-Aerospace/Antonov hat genau die tolle Show als Angebot abgegeben, die ich Euch angekündigt habe; mit viel Nebel und Schaum.
Das Highlight des offiziellen 29,5Mrd.$-Angebotes für den AN-70-Düsenflieger ist der 16-seitige Hochglanzprospekt, das ich einsehen konnte. Designzeichnungen mit Düsen, wahlweise GE oder Trent-Triebwerke. Das Angebot soll gerüchteweise aber nur auf GEnx-Triebwerken beruhen. Selbstverständlich sind Details zum Boom eingezeichnet. Spannend wäre es, die Leistungsdaten zu analysieren. Leider ist die Seite inzwischen gesperrt.
Sachkundige US-Blogger monieren kleinkariert, daß es gar keinen Lieferanten für den Boom insbes. in der angebotenen Abmessung gäbe. Ich sagte doch schon, daß Improvisationskunst gefragt ist: Die Flughafentankwagen von Dnipropetrowsk haben doch Schläuche; einen Stock reinbauen, dann wird’s ein Boom. :-) :-).
US-Blogger bemängeln kleinlich, daß AN von GE noch keine Freigabe für die Nutzung der Triebwerke hätte. Zu meiner Begeisterung beweisen die Amis sofort, daß ihre Mentalität völlig anders läuft und fordern umgehend „Legal actions“. Vermutlich reicht ein Anwalt schon Klage gegen AN ein.
Das Hochglanzprospekt zeigt u.a. ein Foto im Schnee das, glaubt man den Bloggern, 2001 direkt nach einer Bruchlandung (Fahrwerkschaden) entstanden ist.
Ich schwanke in der Gesamt-Beurteilung zwischen „nicht zu überbietender Dreistigkeit“ und Genialität.
das was Airbus als Vorteil hat ist ja, das unser Airbus Tanker schon fliegt und jederzeit schnell gebaut werden kann....
Bei Boeing und Antonov ist das anders----wie wollen die etwas kalkulieren was es noch nicht gibt...
A320 Bauer Flugzeugbauer Airbus Hamburg User (253 Beiträge)
19.07.2010 08:44
Es ist durchaus anzunehmen, wenn EADS Chef Gallois sagte, "ich glaube, dass das Urteil, das im Pentagon fallen wird, fair ausfallen wird", dann wird das vielleicht schon tatsächlich etwas mehr als nur einen zweckoptimistischen Hintergrund haben.
Nebenbei erscheint (mir) seine Aussage wirklich respektierlich und lobenswert, ""wir sind bereit, entsprechende Massnahmen einzuleiten, um auf die Kürzungen auf den europäischen (Rüstungs-) Märkten einzugehen", denn die von Regierungsverantwortlichen nach wie vor insgesamt weit eher unverschämt bis unverantwortbar stetig überhöht lancierten Ausgaben (Schulden = Schuld) treffen und drücken generationsübergreifend mehr und mehr sehr viele Menschen. mfg
Der Auswahl- und Entscheidungsprozess scheint sich zunehmend in einer "heißen Phase" zu befinden.
Laut REUTERS DEUSCHLAND habe EADS-Nordamerika-Chef Ralph Crosby kürzlich gesagt:
Preis - "Anpassungen nach oben wie nach unten seien möglich. Wir sind in diesem Wettbewerb, weil wir glauben, dass unser Preis in der Gesamtbewertung niedriger sein wird."
Zudem soll bekanntlich am M I T T W O C H, den 15. September 2010 den USA und der EU ein "Zwischenbericht zur EU-Klage wegen Staatsbeihilfen für Boeing" vorgelegt werden, der dann vielleicht auch indirekt dieses Thema wesentlich mit beinflussen kann und wird.