HAMBURG - Wer lange nicht in Hamburg war, wird sich die Augen reiben ob der Dynamik, welche die nördliche Schöne auch auf ihre Besucher ausübt. Weit mehr als ein Duzend große Baukräne alleine am ufernahen City-Bereich der Elbe, der alten Speicherstadt und neuen Hafencity zeugen von einer gewaltigen Welle, die Hamburg erfasst hat, seine Besucher mitreißt und dieser Weltstadt neuen Auftrieb verleiht.
Neben allem, was Hamburg bisher schon zu bieten hatte, ist seit 2008 ein wunderbares Maritimes Museum hinzugekommen, welches Aero.de-Autor Prof. Dr. Claus Schwarze, Köln, sehr zum Besuch empfiehlt.
Der Stifter, Peter Tamm sen., ehemals Schiffsredakteur beim "Hamburger Abendblatt", Vorstand des Axel Springer Verlags und Ehrenprofessor, hat eine überragende maritime Sammlung zusammengetragen, die selbst Kenner der Materie in Erstaunen versetzt.
Der Magistrat der Hansestadt gab ihr 2007 einen würdigen Rahmen in Form eines alten Lagerhauses aus 1878/79 und somit auch dem ehrwürdigen ehemaligen Kontor eine neue Zukunft. 30 Millionen Euro sind schließlich keine Peanuts, welche die Architektin Mirjana Markovic verplanen durfte, um das Haus auf seine neue Aufgabe auszurichten und der Sammlung eine dauerhafte Bleibe zu geben.
Auf zehn schiffsdecksähnlichen Etagen erlebt man die deutsche und internationale maritime Geschichte förmlich hautnah und äußerst authentisch. Von ganz oben steigt man decks- und halbdecksweise über knarrende Holzdielen und -treppen hinab und darf sich unten angekommen in einem exzellenten Fischlokal oder einem pfiffigen Bistro stärken.
Diese Erholung braucht man fürwahr, denn der Abstieg durch 3000 Jahre maritime Geschichte ist erkenntnisschwer und äußerst erfahrungsreich in Einem. Eigentlich ist das kein Museum im üblichen Sinne, es ist vielmehr eine unglaubliche Fleißarbeit des Sammlers und der Museumsleute zugleich! Ein gelungenes Ensemble seemännischer Erlebniswelt fast in Echtzeit und unvergleichlich stimmungsvoll auch durch eine sehr gekonnte, gedämpfte Lichtführung mit annähernd authentischen Deckshöhen, die eben die Vorstellung von historischer Seefahrt perfekt wiedergibt und wohl jeden Besucher in ihren Bann nimmt!
Der 10. Längengrad durchquert das MuseumAber so schnell gelingt der Abstieg in Wirklichkeit nicht, denn die einzeln Etagen fesseln immer wieder mit interessanten neuen Themen: Eine Besonderheit stellt der "Salon 10. Längengrad" auf Deck 10 dar, der verschiedenen Forschungsinstituten, dem Internationalen Seegerichtshof, Werften, Reedereien, Vorträgen und Präsentationen sowie Empfängen und Geburtstagsfeiern einen willkommenen Rahmen bietet, auch als "Eventdeck" bezeichnet.
Auf Deck 9 wird " Die große Welt der kleinen Schiffe" gezeigt. Es handelt sich um ein Gesamtkunstwerk der Modellbauer, eine miniaturisierte Ausgabe aller bisher gebauten Schiffe, eine wohl vollständige Schiffsminiaturen-Sammlung, die Ihresgleichen auf der Welt sucht. Hier werden außerdem einige Hafenanlagen gezeigt, die Binnenschifffahrt und vor allem die Seenotrettungsdienste verschiedener Nationen gewürdigt.
Der Marinemalerei ist das Deck 8 gewidmet, die Exponate aus ca. 500 Jahren zeigt. Es handelt sich, vor Erfindung der Fotografie, zunächst vorwiegend um dokumentatorische Werke, die aber später durchaus auch einen hohen künstlerischen Anspruch erfüllen und schön anzuschauen sind. Zum "Live-Miterleben" hat hier der Marinemaler Uwe Lüttgen seine Staffelei aufgebaut.
Die "Santa Maria" aus reinem Gold
In der Schatzkammer auf Deck 8 findet man ein Modell der "Santa Maria", ein aus Gold gefertigtes Kleinod eines Hamburger Juweliers und berühmte Karavelle von Christoph Columbus. Weniger Glanz verbreiten die von Kriegsgefangenen während der napoleonischen Kriege unter qualvollen Bedingungen aus Tierknochen anfertigten "Knochenschiffe".
Eine lehrreiche Einrichtung ist die Forschungsstation auf Deck 7, welche zusammen mit dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen eingerichtet wurde und Gruppen Einblick in die Forschungsarbeit gibt. Wer kann sich nicht an den Meeresforscher Jaques Cousteau erinnern oder an die Visionen von Jules Vernes mit seiner "Nautilus"? Auf dem gleichen Deck kann man sich in die Welt der Meeresgeheimnisse versetzen und den Stimmen des Meeres lauschen.
Eine Revolution erlebt die moderne Handelsschifffahrt in den 1960iger Jahren mit der Einführung der 20-Fuß-Contaier (6 Meter lang, 2,5 m breit und hoch). Das standardisierte Be- und Entladeverfahren bedeutete einen logistischen Quantensprung! Auf Deck 6 wird auch die rasante Entwicklung der Passagierschifffahrt mit vielen Modellen präsentiert. Es geht um die Zeit seit Einführung der Dampfmaschine inden 1860iger Jahren, in denen damals schrittweise von der Windenergie auf die Dampfenergie umgestellt wurde. Anfangs wurden Segel- und Dampfkraft kombiniert eingesetzt.
Luxus um die JahrhundertwendeWunderbare historische Fotos, z.B. des Speisesaals der "Kaiserin Auguste Victoria", sind zu sehen, liebevoll mit dem goldverzierten Original-Porzellan dekoriert. Der Luxus der Kaiserzeit wird in besonderem Maße an dem feinen Silberbesteck sichtbar, das die renommierte Hapag-Reederei ihren Gästen bot.
Der Kontrast dazu könnte kaum stärker sein, auf dem gleichen Deck befindet sich auch die nur sieben Meter lange "James Caird II", mit der Arved Fuchs und seine Begleiter unter härtesten Bedingungen Expeditionssfahrten zwischen Kap Horn und der Antarktis unternahmen.
»Man schließt die Augen der Toten behutsam. Nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen.«
Jean Cocteau (1889 - 1963)
Die Fischerei ist ein notwendiges und mühevolles Geschäft, manchmal auch sehr blutig, wie die Sammlung martialischer Harpunen für den Walfang zeigt. Aus der Nähe gesehen ist die Grausamkeit dieser Fangwerkzeuge kaum zu übertreffen, zum Teil waren die Harpunen sogar mit Sprengköpfen ausgestattet! Eindringliche Statistiken warnen vor der Überfischung der Meere.
Deck 5 ist der Kriegschifffahrt von 1815 bis zur Entwicklung moderner atomgetriebener U-Boote und Stealthschiffe gewidmet. Die Marine dient gleichzeitig der Verteidigung und dem Angriff in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen. In solchen Zeiten liegen neue technische Erfindungen und humane Tragödien dicht beieinander! Zur Vernunft mahnend sagt Jean Cocteau: "Man schließt die Augen der Toten behutsam. Nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen".
Glanz und Gloria der MachtIm "Zeughaus der Geschichte" auf Deck 4 beeindrucken vor allem eine große verglaste Showbox, in der 60 lebensgroße, historisch uniformierte Figuren aus aller Welt den optischen Reiz solcher Dienstbekleidung spüren lassen. Ähnlich verhält es sich mit einer ebenso beeindruckenden Sammlung von ca. 100 Kopfbedeckungen und Helmen, die so wie unzählige Orden, Rang- und Ehrenzeichen Glanz und Gloria der Macht verdeutlichen. Neben diesem Prunk wirken die Bekleidungen der Seelsorger und Schiffsmediziner angemessen bescheiden!
Die Schiffsbaukunst vom Handwerk bis zur industriellen Fertigung oder vom Einbaum bis zum Solarschiff ist Thema auf Deck 3. Ferne Ufer zu erreichen, war und ist seit Jahrtausenden der Traum der Menschen und beflügelte sie mit immer neuen Ideen, diese Vision in die Wirklichkeit umzusetzen. Eine schöpferische Leistung, die wie in der Luft- und Raumfahrt zu hoher technisch-kultureller Blüte geführt hat und weitere ungeahnte Entwicklungen erwarten lässt. Dass Technik auch ästhetisch schön sein kann, verdeutlichen die beiden maßstabsgetreuen Modelle der Schiffsmaschinen der "Titanic" und der "Deutschland".
Als Beispiel zum Thema "Schiffe unter Segeln" wird zwischen Deck 3 und 2 ein rund 4 Meter langes Großmodell der "Wappen von Hamburg III" vor der Kopie eines bewegten Seegemäldes "Schwere See im Atlantik" von Johannes Holst gezeigt. Es ist ein sehr anschauliches Beispiel für den klassischen Segler des 18. Jahrhunderts auf hoher See. Natürlich findet man auf Deck 2 alles, was zur theoretisch-physikalischen und praktisch angewandten Aerodynamik gehört, um solche Schiffe relativ sicher zu ihren Destinationen zu bringen. Und da dürfen die Piraten nicht fehlen, die ja leider bis heute ihr Unwesen auf den Meeren treiben. Interessante Filme ergänzen, wie auf allen übrigen Ebenen, das Gezeigte, sie verdeutlichen hier z.B., welchen Widrigkeiten die Kap-Horniers bei der Umrundung des gefürchteten Sturmkaps Südamerikas ausgesetzt waren.
Nicht nur für Kinder dürfte die aus fast einer Million Legosteinen gebaute "Queen Mary 2" im Dock "Elbe 2" Anregung zum Weiterbauen sein! Die Experten in der Modellbauwerkstatt gleich nebenan auf Deck 1 zeigen nicht nur Ihre Kunst sondern geben auch bereitwillig Auskunft zu speziellen Fragen.
Navigare necesse estWesentliche Vorrausetzungen für die erfolgreiche Seefahrt sind schließlich Antrieb und Steuerbarkeit der Schiffe und die Navigation, die hier auf Deck 1 anhand einiger wunderschöner alter Sextanten, Kompasse, Seekarten und Globen veranschaulicht wird. Verbesserte geografische und meteorologische Kenntnisse, Fortschritte der Navigation bis hin zum Radar, Echolot und GPS, der Funktechnik und Kommunikation sind ständige evolutionäre Begleiter, welche den hohen Stand der Seefahrt bis heute kontinuierlich herbeigeführt haben.
Ein ganz besonderes Kapitel der Marinegeschichte sind die beiden im Außenbereich abgestellten Ein- bzw. Zweimann-Untersee-Torpedoboote aus W.W. II. Es gruselt einem förmlich, sich vorzustellen, welche seelischen, mentalen und vielleicht auch klaustrophobischen Qualen die "Bootsführer" durchlitten haben müssen.
Das Archiv des maritimen Forschungsmuseums findet man auf dem sog. Heinemanndeck im benachbarten Speicher der Gebrüder Heinemann KG. Auf dem Wege dorthin wird die Entwicklung des Segelsports vom elitären Vergnügen zum Breitensport verdeutlicht. Auf dem historischen "Jugendkutter" der Seglervereinigung Övelgönne haben z. B. Generationen von Kindern und Jugendlichen Segeln gelernt. Außerdem kann man ein Modell der kaiserlichen Segelyacht "Meteor V" bestaunen, welches von der ehemaligen Besatzung gebaut wurde.
Neben dem Archiv auf dem Heinemanndeck gibt es eine Bibliothek mit über 100.000 Bänden, Atlanten, Konstruktionsplänen, Filmen, ca. einer halben Million Fotos und über 10.000 alte Schiffsspeisekarten, eine wahre Fundgrube für die Detailforschung.
© Prof. Dr. Claus Schwarze, Köln | Abb.: Prof. Dr. Claus Schwarze, Köln | 25.05.2010 17:27
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