TOULOUSE - Die Kürzung der Staatsausgaben wird für Airbus zu einer weiteren Herausforderung. Doch Konzernchef Thomas Enders sieht den Flugzeugbauer für die Zukunft gerüstet. Denn die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr läuft gut, der Militärtransporter A400M ist endlich flügge und für den Super-Airbus A380 wird die Gewinnzone am Horizont sichtbar. Vor der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin stellte sich Enders den Fragen der dpa.
Frage: Herr Enders, der Flugzeugmarkt liegt noch darnieder. Mit welchen Erwartungen fliegen Sie als wichtigster Aussteller zur ILA?Enders: Die Messe wird eine vorsichtig positive Stimmung widerspiegeln. Der Passagierverkehr wächst weltweit wieder und der Frachtverkehr erholt sich. In Asien und im Mittleren Osten hat sich die Krise kaum bemerkbar gemacht. Ich denke, dass bis spätestens 2012 der Markt überall anzieht. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Wachstum des Luftverkehrs in den nächsten 20 Jahren geringer ausfallen wird als bisher angenommen.
Frage: Dieses Jahr bleibt also für Airbus schwierig?Enders: Ja. Wir erwarten wieder so um die 250 - 300 Aufträge. Das ist deutlich unterhalb der Produktion. Für viele Unternehmen wäre das ein Alarmsignal. Doch für uns nicht, weil wir einen so hohen Auftragsbestand haben. Das Polster wird uns in diesem Jahr eine Produktion zwischen 480 und 500 Fliegern ermöglichen, so wie im Rekordjahr 2009.
Frage: Was ist neben der Konjunktur für Sie als BDLI-Präsident das wichtigste Thema der ILA?Enders: Die Kürzung der Verteidigungsbudgets wird sicher auch ein wichtiges Diskussionsthema sein. Für uns in der Industrie stellt sich nicht nur die Frage, welche Risiken das birgt, sondern auch, welche Gelegenheiten das bietet. Die Industrie hat mehrfach gezeigt, dass sie in der Lage ist, sich anzupassen. Dazu brauchen wir natürlich ein partnerschaftliches Vorgehen mit den Regierungen. Denken Sie an die Diskussion um die Friedensdividende in den 90er Jahren; heute ist die Beschäftigung wieder auf Rekordniveau.
Wichtig ist die Eröffnung der ILA durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie bin ich auch froh, dass die Partnerschaft der Industrie mit der Bundeswehr so gut funktioniert. Die nach wie vor sehr enge Kooperation wird insbesondere durch die starke Präsenz der Luftwaffe auf der ILA unter Beweis gestellt.
Frage: Airbus führt auf der ILA erstmals die A400M dem Fachpublikum im Fluge vor. Doch die Serienfertigung liegt noch auf Eis. Wann geben Sie endlich den Startschuss?Enders: Nach all dem Hickhack ist es an der Zeit, den Regierungen und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die A400M kein Papierflugzeug mehr ist. Die Luftwaffenchefs freuen sich darauf, die A400M fliegen zu sehen. Die Serienfertigung beginnt, wenn ausreichend Testergebnisse vorliegen. Ende des Jahres sollten wir dazu in der Lage sein. Dann wird die Produktion sukzessive hochgefahren. Anfang 2013 wird die erste A400M an Frankreich ausgeliefert. Der alte Fahrplan war völlig unrealistisch.
Frage: Es gibt aber immer noch keinen neuen Vertrag mit den Käuferstaaten wie Deutschland darüber, wer wie viele A400M mit welchen Funktionen erhält. Die Airbus-Minister treffen sich auf der ILA. Können wir dann mit einer Einigung rechnen?Enders: Das zieht sich länger hin, als wir alle - Regierungen und Industrie - das wünschen. Alle haben gesagt, dass dieser Flieger dringend benötigt wird. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Monaten zu einer Einigung kommen werden. Jetzt geht es darum, das Agreement (vom März über die Aufteilung der Mehrkosten) umzusetzen. Dafür müssen die Regierungen auch noch eine Reihe technischer Fragen untereinander klären. Zum Beispiel, wer auf wie viele Flugzeuge verzichtet. Wir haben angeboten, wir könnten die Gesamtzahl von 180 für die sieben Staaten um zehn kürzen.
Frage: Die Regierungen sind klamm und Sie wollen in der Krise die Airbus-Kasse schützen. Nützt die Produktionsverzögerung beiden?Enders: In den nächsten Jahren fallen für die Regierungen geringere Zahlungsabflüsse als ursprünglich geplant an. Aber die Maschinen werden dringend erwartet von den Luftwaffen. Wir haben also keine Zeit zu verlieren.
Frage: Was kostet Sie die A400M? In der Branche redet man von 100 bis 150 Millionen Euro im Monat oder 1,5 Milliarden in diesem Jahr.Enders: Ja, in der Tat. Die laufenden Entwicklungskosten sind hoch. Sie haben die Größenordnung ungefähr erfasst. Entscheidend für unsere Kunden aber ist, dass wir ihnen die A400M auch nach den jüngsten Vereinbarungen zu einem sehr attraktiven Preis liefern werden.
Frage: Der Star der ILA wird die A380 sein. Die Lufthansa schickt eine, Emirates und Airbus auch. Doch verkauft sich der Flieger auch?Enders: Dieses Jahr wollen wir mindestens 20 A380 verkaufen. Unsere Kunden, die Passagiere: Alle sind von der A380 begeistert. Airlines sagen uns, die Performance ist besser als versprochen und der Betrieb hochprofitabel. Und überall, wo die A380 landet, weckt sie großes Interesse.
Frage: Aber bekommen Sie auch die Produktionsprobleme in den Griff? In Toulouse müssen deutsche Mitarbeiter teuer nacharbeiten, was zuvor im Werk Hamburg nicht geschafft wurde.Enders: Diese Probleme haben wir jetzt im Griff und Hamburg leistet sehr gute Arbeit. Entsprechend kommen jetzt auch die Kosten dramatisch runter. Innerhalb eines Jahres haben wir die outstanding works (die weitergereichten, unerledigten Arbeiten) um 75 Prozent gesenkt. Wir hatten vor zwei Jahren mehr als 2000 deutsche Kollegen für diese Nacharbeiten in Toulouse. Jetzt sind es nur noch etwa 700 und die Zahl wird bis zum Jahresende weiter verringert. Ab Mitte des Jahres fahren wir die Produktion auf zwei Flieger pro Monat hoch. In diesem Jahr wollen wir 20 A380 ausliefern, doppelt so viele wie 2009.
Frage: Wird Airbus auch einmal Geld verdienen mit seinem Flaggschiff?Enders: Da bin ich ganz sicher. Schon in wenigen Jahren wird die A380 rentabel sein und dann auch gute Margen abwerfen, auch wenn es sicher niemals eine Serienfertigung geben wird wie beim Mittelstreckenflieger A320. Dafür ist das Flugzeug einfach zu komplex.
Frage: Die USA wollen 179 Tankflugzeuge kaufen. Bis zum 9. Juli müssen Sie ihr Angebot vorlegen. Washington will einen Festpreis. Damit haben Sie bei der A400M ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Ist das nicht ein zu hohes Risiko?Enders: Nein, beide Projekte sind sehr unterschiedlich. Der Tanker wird schon auf der bewährten Plattform der A330 gebaut. Die erste Maschine geht in diesem Sommer an Australien. Sie kommt dem US-Modell schon sehr nahe. Die Risiken sind deshalb nicht vergleichbar mit der totalen Neuentwicklung eines Multifunktionsflugzeugs wie der A400M.
Frage: Würde der Tankerdeal auch in Deutschland Jobs schaffen?Enders: Aber sicher! Der deutsche Arbeitsanteil wäre wie beim Verkehrsjet A330. In Mobile in den USA würde dann der Zusammenbau und die Konversion der A330 zum Tanker erfolgen. Es geht aber natürlich auch darum, dass wir möglichst viel Arbeitsanteile in Amerika haben.
Frage: Premium Aerotec wirbt auf der ILA weltweit um Kunden. Wollen Sie die Firma mit den Werken Augsburg, Nordenham und Varel immer noch verkaufen?Enders: Wir haben nach wie vor das Ziel, Premium Aerotec - wenn die Zeit reif ist - in die freie Wildbahn zu entlassen. Premium Aerotec entwickelt sich sehr gut. Premium ist unter anderem stark am Bau der A350 beteiligt, für die es einen sehr großen Markt gibt. Das ist eine große Chance.
Frage: Nach der ILA folgt gleich im Juli die Luftfahrtmesse in Farnborough. Boeing Commercial ist in England dabei, aber meidet Berlin. Lohnt die ILA eigentlich? Was sagen Sie als BDLI-Präsident?Enders: Die ILA hat sich in Berlin sehr erfolgreich entwickelt. Wir haben ein sehr umfangreiches Konferenzprogramm, viel größer als in Farnborough, Paris-Le Bourget oder Asien. Wir haben auch das Prinzip des ILA-Partnerlands sehr erfolgreich eingeführt. Außerdem haben wir als einzige europäische Messe ein exzellentes Raumfahrtsegment. Auch das ist sehr wichtig. Die ILA zieht viele internationale Unternehmen an. Knapp 50 Länder - inklusive der USA - sind vertreten. Davon leben wir mit unserer stark exportorientierten Wirtschaft. Als BDLI-Präsident bedaure ich natürlich, dass Boeing Commercial nicht auf der ILA vertreten ist. Da macht Boeing einen großen Fehler!
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