Abschied von Tempelhof
BERLIN (dpa) - Vom Dach der Haupthalle sieht es so aus, als lege sich Berlin seinem Flughafen Tempelhof zu Füßen. Kreuzberg duckt sich im Schatten des riesigen Baus, am Potsdamer Platz scheinen die Hochhäuser auf Normalmaß gestutzt. Wie ein riesiger Tanker ruht der Koloss im Häusermeer der Hauptstadt - Klotz am Bein wäre vielleicht das bessere Wort. Meinen zumindest die einen. Andere sehen große Chancen für die Stadt. Fest steht: Am 30. Oktober heben die letzten Flieger von dem legendären Luftbrücken-Flughafen ab, und niemand weiß, was aus Tempelhof wird.
Auch Klaus Eisermann nicht. Er kann nicht mal sagen, was er selbst im nächsten Monat macht. Seit 45 Jahren arbeitet er auf dem Flughafen, hat erlebt, wie Tempelhof den eingeschlossenen West- Berlinern das Tor zur Welt war, wie Stars und Präsidenten landeten. Aber auch wie die Fluggesellschaften wegen längerer Pisten nach Tegel zogen und die Amerikaner Tempelhof verschandelten - wie Eisermann sagt - mit Radartürmen und Aufbauten. Längst hätte der Mann in den Ruhestand gehen können, aber er führte weiter Besucher durch den Flughafen: «Es geht ums Bauwerk, nicht um die Pension.»
1948/49 ging der Flughafen in die Herzen der West-Berliner ein. Ein Jahr versorgten die West-Alliierten während der Blockade die Stadt aus der Luft. Tag und Nacht flogen die «Rosinenbomber». Das Denkmal für die Luftbrücke war denn auch das Symbol der Initiative, die das Aus für den Flughafen mit einem Volksentscheid noch abwenden wollte, um den Flughafen für Geschäftsflieger offen zu halten - ohne Erfolg. Am 31. Oktober werden sich die Kerosinschwaden endgültig verzogen haben
«Tempelhof bringt jährlich Verluste von 10 bis 15 Millionen Euro», sagt Flughafensprecher Eberhard Elie. Wieviel es kosten wird, den Flughafen nach der Schließung zu unterhalten, könne er nicht sagen. «Wir wollen den gesamten Flugverkehr der Hauptstadtregion in Schönefeld konzentrieren», erklärt er. Voraussetzung sei, dass Tempelhof schließe, später auch Tegel. In Schönefeld vor den Toren der Stadt wird bereits für 2,2 Milliarden Euro der neue Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg International aus dem Boden gestampft.
Derweil gehen in Tempelhof die Lichter aus. Klaus-Dieter Eisermann weiß, dass man dem einst größten Gebäude der Welt seine alten Tage deutlich ansieht. Das «T» des mannshohen Tempelhof-Schriftzugs auf dem Flughafendach rostet, an vielen Stellen bröckelt der Putz. Wer hier etwas bewegen will, braucht sehr viel Geld. Investoren für den denkmalgeschützten Komplex werden händeringend gesucht.
Viel lieber spricht der Berliner Senat deshalb von den Chancen, die das Flugfeld bietet, mit Wohnungsbau am Rand und einer großen Parklandschaft im Zentrum. Wenige Tage vor der Schließung verkündet Baudirektorin Regula Lüscher zwar, es gebe Interessenten mit konkreten Projekten für Gelände und Gebäude. Näher will sich aber auch ihre Sprecherin nicht äußern.
Eisermann blickt durch die getönte Brille noch einmal rüber bis zu den Türmen von Kirchen und Moscheen in Kreuzberg und Neukölln. «Andere würden das als Perle ihrer Infrastruktur behandeln und nicht achtlos wegwerfen», zischt es durch seine Zähne. Eine Hand voll kleiner Maschinen verliert sich auf dem Vorfeld. Ein Mann in dunklem Anzug steigt aus seinem Jet in eine schwarze Limousine, Techniker werkeln vor einem Hangar an einem «Rosinenbomber» für Rundflüge. Inzwischen laufen über das wellige Linoleum mehr Gäste mit Kameras als mit Koffern: Sie machen Abschiedsfotos von ihrem Flughafen Tempelhof.
© dpa, aero.de