Ein Museum im Harz
KÖLN - Der Harz ist als schöne Urlaubsregion bekannt. Für die Schmalspur-Eisenbahnfreaks ist die Harzbahn Wallfahrtsstätte und, wer hätte es gedacht, auch die Luftfahrtfreunde finden in Wernigerode eine bedeutende Sammlung interessanter Flugzeuge mit Zubehör. Prof. Dr. Claus Schwarze hat das "Schatzkästlein" kürzlich besucht und berichtet in einem Gastbeitrag auf aero.de.
Begrüßt wird man unvermittelt durch zwei im Steigflug begriffene Jagdbomber an einem Kreisverkehr im Nordwesten von Wernigerode. Das "Museum für Luftfahrt und Technik" ist eine wahre Fundgrube für alles, was mit Technik rund ums Fliegen zu tun hat.
Neben einer stattlichen Anzahl von gut erhaltenen beziehungsweise hausintern restaurierten Militär- und Zivilflugzeugen verfügt das erst 1999 von dem leidenschaftlichen Sammler Clemens Aulich eröffnete Haus über jede Menge Flugzeug-Accessoirs.
Clemens Aulich Flugzeugliebhaber und Gründer
Zwei Hallen des ehemaligen Elektromotorenwerks Elmo bieten mit rund 4.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche gerade noch ausreichend Platz, um die wachsende Zahl der ausgestellten Flugzeuge und Hubschrauber, inzwischen sind es an die 40, unterzubringen.
Mit einer Stammbesatzung von 16 Kräften wurde nach der Wende damit begonnen, die betagten Hallen für ihre neue Aufgabe herzurichten. Die acht Männer und acht Frauen haben unter Anleitung ihres Chefs dann auch eine fachgerechte Restaurierung der Maschinen vorgenommen: Ein beachtliches Ensemble, das bisher noch wenig bekannt ist, sich aber zunehmenden Interesses von Nachkriegs-Luftfahrzeug-Experten erfreut und durchaus auch für Laien interessant ist.
Dabei hat Wernigerode Flugplatztradition. Der alte Tower ist sogar noch vorhanden. Und nach einschlägigen Presseinformationen sollen früher in einer Spezialfirma Aluminiumteile für Flugzeuge gegossen worden sein.
Alle Exponate werden auf Tafeln ausführlich beschrieben, wobei auch die teilweise sehr interessante Historie der Flugzeuge nicht zu kurz kommt.
Prinz Charles` Schulflugzeug
Wenn man beispielsweise bei der dunkel lackierten und noch flugfähigen Hunting Persival P84 Jet Provost MK 4 aus 1966 liest, dass Prinz Charles einst als Flugschüler mit ihr und 708 Sachen durch die Luft gebraust ist, dann fühlt man förmlich ein Stück Luftfahrtgeschichte. Für Mitglieder der königlichen Familie wurde diese Maschine übrigens mit extra starken Triebwerken ausgestattet.
Nicht minder aufregend dürfte die Historie des noch flugfähigen Luft-Rettungshelikopters "Christoph 15", BO 105, D-HDEG, von MMB (Messerschmitt-Bölkow-Blohm) aus 1974 mit seinen oft schwierigen Einsätzen verlaufen sein. Dieses Gerät wurde 1975 in ADAC-Farben auf der Luftfahrtausstellung in Paris präsentiert und hat immerhin 4.790 "rettende" Flugstunden hinter sich gebracht.
Einen Ehrenplatz nehmen die beiden bei Dornier gebauten Flugzeuge, Do 27 und Do 28 ein. Mit Letzterer gelang übrigens die erste vollautomatische Landung der Welt!
Die Aero ein Highlight der Sammlung
Als besonders seltenes Exemplar dürfte die 1948 in Tschechien gebaute LET Aero 45, mit ihren beiden luftgekühlten 4-Zylinder Walter Minor-4-III-Motoren, gelten. Sie soll in Ungarn und später in Ägypten als Sanitätsflugzeug im Einsatz gewesen sein.
Die Aero trägt den blauen Kranich als Zeichen dafür, dass sechs dieser Flugzeuge von 1949-1957 bei der DDR-Lufthansa und später auch bei der NVA im Einsatz waren.
Von den 228 später gebauten Einheiten der verbesserteen Super Aero wurde übrigens eine der ersten von dem Hamburger Verlegersohn Heinz Bauer geflogen. Drei Passagiere konnten bei einer Reisegeschwindigkeit von 230 Stundenkilometern mitfliegen, plus Pilot. Für heutige Dimensionen ist die ehrenwerte alte Dame ein leicht knittrige Zwergin mit hohem Seltenheitswert!
Ein eigens dafür eingerichteter Raum steht der beachtlichen Reihe von Navigationshilfen, Fliegermonturen, Uniformen und Helmen nebst Jet-Rettungssystemen (Schleudersitzen) zur Verfügung. Der älteste Helm stammt aus Österreich, ein wahrhaft archaiches Exemplar aus dem 1. Weltkrieg.
Tante Anna - der größte einmotorige Doppeldecker der Welt
Einen weiteren Schwerpunkt des Museums bilden die militärisch genutzten Flugmaschinen. Aulich verfügt über eine fast vollständige Lockheed F-104-Starfighter Flotte, zum Teil sind allerdings nur die Cockpits ausgestellt. Auch die der Zeit entsprechenden sowjetischen MIG-Jäger und Hubschrauber sind vertreten.
Drei elegante Fiat-Jagdbomber, einer davon auf dem Eingangsockel, ergänzen die Sammlung und drei Aluette II Hubschrauber stehen für die französische Helikopter-Baukunst. Auch England ist mit einigen interessanten Maschinen vertreten.
Besonders monumental erscheint der auf dem Außengelände stationierte, flugfähige STOL-Doppeldecker Antonow AN-2. Eine nahezu unverwüstliche Maschine mit einem beachtlichen Sternmotor. Bis zu neun Passagiere finden in der "Anna" Platz. Seit Produktionsbeginn in 1947 bis 1992 ist die AN-2 mit fast 18.000 Exemplaren der meistgebaute Flugzeugtyp der Welt.
Sammlung detailgetreuer Flugzeugmodelle
Nicht unerwähnt bleiben darf eine wunderbare Sammlung von rund 160 detailgetreuen Modellen deutscher Flugzeuge aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, welche der Kälte-Techniker Guntram Obier im Maßstab 1:72 schuf.
Nach seinem Tode in 2007 übergab die Familie des 1927 in Breslau Geborenen die Sammlung an das Museum. Das ist zweifellos eine wertvolle Ergänzung des Vorhandenen, denn die seltenen Originale aus dieser Zeit haben längst ihre festen musealen Stammplätze eingenommen.
Wer weiß schon, dass es in Wernigerode ein bedeutendes Flugzeugmuseum gibt? Für mich war es jedenfalls eine große Überraschung. Das Ganze habe ich übrigens einem zufällig gefundenen Hinweis auf verbilligte Eintrittskarten zu verdanken. Die historisch-schöne Stadt ist eine Reise wert, sie hat nebenbei viel für Technik-Interessierte zu bieten.
Prof. Dr. Claus Schwarze
Gastautor auf aero.de
© Prof. Dr. Claus Schwarze