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Luftverkehrssteuer sorgt für gemischte Stimmung in der Branche

Flughafen München
Am Vorfeld des Münchener Flughafens, © Werner Hennies, Flughafen München GmbH

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BERLIN - Der Groll ist nicht verflogen. Ein halbes Jahr nach ihrer Einführung bringt die Flugticketsteuer Luftfahrtmanager immer noch ziemlich in Rage. Die Fluggesellschaften ringen mühsam darum, den neuen Kostenblock für Starts in Deutschland in ihren Kalkulationen zu verkraften. Denn inzwischen ist klar: Komplett an die Passagiere weiterreichen lassen sich die zusätzlichen Millionenlasten im scharfen Konkurrenzkampf am Himmel so einfach nicht.

Die Auswirkungen sind jedoch nicht überall in der Branche gleich hart, zumal die Buchungen nach der Wirtschaftskrise wieder anziehen.

Das Entsetzen in den Konzernzentralen war groß, als die schwarz- gelbe Bundesregierung die Steuer völlig unerwartet verkündete - und gleich nach dem Kabinettsbeschluss im vergangenen September für Abflüge ab 1. Januar 2011 in Kraft setzte. "Steuerschuldner ist das Luftverkehrsunternehmen", heißt es im Gesetz. Im Inland und auf Kurzstrecken sind 8 Euro fällig, zu Mittelstreckenzielen wie Ägypten 25 Euro, bei weiter entfernten Zielen 45 Euro. Ausgenommen sind die Luftfracht und auch Umsteigeflüge an deutschen Drehkreuzen.

Eine Milliarde Euro soll so jährlich zur Etatsanierung in die Bundeskasse fließen. Die Einnahmen wachsen aber erst nach und nach. In der ersten Jahreshälfte kamen 348 Millionen Euro zusammen, wie aus dem jüngsten Monatsbericht des Finanzministeriums hervorgeht. In der zweiten Hälfte dürfte sich dies aber mehr als verdoppeln. Denn nach den traditionell schwächeren ersten Monaten des Jahres werden in der Hauptreisezeit über den Sommer auch mehr längere Flüge gebucht. Bei ihnen greifen die höheren Steuerstufen.

Steigende Passagierzahlen trotz Steuer

"Es zeigt sich ein immer deutlicherer Schaden", beklagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV). Dabei ist die Nachfrage bisher keineswegs flächendeckend eingebrochen. An den 23 großen Flughäfen stieg die Passagierzahl im ersten Halbjahr sogar auf 92,6 Millionen. Das waren trotz der Unruhen in Nordafrika 8,1 Prozent mehr als im schwachen Vorjahreszeitraum, den die Aschewolke aus Island überschattet hatte.

Das Bild ist aber gespalten. Die erfolgsverwöhnten Billigflieger büßten laut ADV-Bilanz 0,8 Prozent der Kundschaft ein. Innerdeutsche Strecken, auf denen die Steuer für Hin- und Rückflug gleich doppelt anfällt, legten mit fünf Prozent nur unterdurchschnittlich zu. Und auch kleine Flughäfen entwickelten sich schwächer, wie sich etwa an den Berliner Airports zeigt: Der große Geschäftsreisestandort Tegel kam auf ein Halbjahresplus von 16,6 Prozent, die Billigfliegerbasis Schönefeld nur auf 1,6 Prozent. Am Flughafen Hahn im Hunsrück sackte die Passagierzahl um 13,7 Prozent ab - nicht überraschend, denn die irische Ryanair als Hauptkunde hat ihr Engagement bewusst gedrosselt.

"Es ist unmöglich, die Steuer eins zu eins an die Passagiere weiterzugeben", sagt Marketingmanagerin Henrike Schmidt. Europas größter Billigflieger strich daher zu Jahresbeginn alle Inlandsflüge und dünnte weitere Strecken auf dem deutschen Markt aus. Jetzt im Sommer liegt die Kapazität um 29 Prozent unter Vorjahresniveau, im Winter sollen es bis zu 40 Prozent sein. Dafür wurde das Angebot in Spanien oder Belgien aufgestockt. Die Lufthansa-Billigflugtochter Germanwings fuhr ihr Inlandsangebot herunter und nahm im grenznahen niederländischen Maastricht eine neue Berlin-Route auf.

Passagiere entscheiden über Steuerweitergabe

Ob Konkurrenten in freie Nischen drängen, ist ungewiss und hängt auch vom Finanzpolster ab. "Die ohnehin niedrige Marge der Fluggesellschaften hat durch die Steuer gelitten", analysierten die Branchenexperten der Deutschen Bank. Airlines dürften versuchen, wenigstens auf manchen Strecken höhere Tarife durchzusetzen. "Ob und in welcher Höhe die Flugsteuer auf die Ticketpreise umgelegt wird, entscheiden nicht die Fluggesellschaften, sondern die Passagiere mit ihrem Kaufverhalten", sagt Easyjet-Geschäftsführer Thomas Haagensen.

In diesem Sommer haben die Briten ihr Angebot in Deutschland nicht gekappt. Auch Branchenprimus Lufthansa hat vorerst keine Kapazitäten verlagert und versucht, die Steuer "zum größten Teil" weiterzugeben. Die Schnäppchentickets für 59 und 99 Euro sind davon aber bewusst ausgenommen. Im ersten Quartal 2011 trug das zu einem Ergebniskratzer von 15 Millionen Euro bei. "Grundsätzlich steigt durch das aktuelle wirtschaftliche Umfeld die Nachfrage", betont eine Sprecherin.

Dass die Steuer die erfreulichen Aussichten trübt, wurmt die Branche. Die Passagierzahl dürfte dennoch um fünf Prozent zulegen und 2011 erstmals die Marke von 200 Millionen an den großen Flughäfen erreichen, erwartet der Verband ADV. Inwiefern Fliegen insgesamt teurer wird, hängt auch von der Entwicklung der Treibstoffkosten ab. "Kerosinpreisaufschläge fielen in der Vergangenheit schon höher aus als die Steuerlast", konstatierten die Deutsche-Bank-Experten.
© Sascha Meyer, dpa | Abb.: Werner Hennies, Flughafen München GmbH | 24.07.2011 22:22


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