Mehdorns Sprint
Älter als 7 Tage

Gescholtene Architekten sollen Chaosbau BER retten

Hartmut Mehdorn
Hartmut Mehdorn, © Günter Wicker, Flughafen Berlin-Brandenburg

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BERLIN - Alles auf Mehdorn: Kein Eröffnungstermin in Sicht, stattdessen ein Wirrwarr falsch verlegter Kabel und lückenhafter Pläne. Das ist seit gut acht Monaten die Realität an Brandenburgs größter Baustelle, dem neuen Hauptstadtflughafen. Der neue Airportchef Hartmut Mehdorn will jetzt mit der Brechstange zur Eröffnung "sprinten" und bricht ein Tabu - Spitzenleute aus dem Architekturbüro Gerkan sollen helfen, den Chaosbau zu retten.

Es handelt sich um dieselben Architekten, die der Aufsichtsrat vergangenes Jahr mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt und mit einer Klage überzogen hat.

"Es gibt keine Denkverbote", gibt Mehdorn als Devise aus und sorgt mit seinen Personalplänen für Furore - wie schon mit seinem Vorstoß, den alten Flughafen Tegel am Rande der Berliner Innenstadt länger offen zu halten. Auch der frühere Bauleiter der Hauptbahnhöfe in Berlin und Stuttgart, Hany Azer, sowie der Paderborner Flughafenchef Elmar Kleinert sollen auf Mehdorns Wunschliste stehen.

Die Gerkan-Initiative zeigt, dass der frühere Bahnchef keinerlei Rücksicht nehmen will, um den Flughafen ans Ziel zu bringen. Denn es war Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der als Aufsichtsratschef dem Star-Architekten im vergangenen Mai den Stuhl vor die Tür setzte. Mehdorn belehrt Wowereit nun eines Besseren.

"Das Architektenbüro hat nachweislich schlechte Arbeit gemacht", hatte der Regierungschef noch im Januar geschimpft. Gerkan hatte den Politikern dagegen vorgeworfen, sie hätten sich lange von Halbwahrheiten und unrealistischen Vorgaben der Geschäftsführung blenden lassen. Der Architekt spricht von einer großangelegten Täuschung.

Mehdorn ist erst seit drei Wochen im Amt und davon unbelastet. Den Aufsichtsratsvorsitz hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) übernommen. Aus Wowereits Rotem Rathaus heißt es nur: "Wir finden alles richtig, was das Projekt beschleunigt."

Gerkans Leute sollen das Projekt wieder auf Kurs bringen - hofft Mehdorn zumindest, denn noch ist dem Vernehmen nach nichts unter Dach und Fach. Zwei Mal hat der frühere Bahnchef demnach schon mit Gerkan verhandelt, um Unterstützung für sein Beschleunigungsprogramm "Sprint" zu erhalten. Doch der Preis für den Rettungseinsatz der Architekten dürfte schwer zu verhandeln sein.

Das liegt auch an einer Schadenersatzklage, mit der der Flughafen mindestens 80 Millionen Euro von der Gerkan-Planungsgemeinschaft erstreiten will. Noch ist Zeit, die Klage zurückzunehmen. Es gibt bislang aber keine Anzeichen, dass Mehdorn das vorhat.

Der Manager hat Erfahrung damit, einerseits mit Unternehmen zusammenzuarbeiten und zugleich gegen sie zu prozessieren. Als Bahnchef verklagte er den wichtigen Lieferanten Bombardier auf Schadenersatz von mehr als 220 Millionen Euro. Die Verfahren laufen noch, der Zughersteller liefert weiter. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen.

So ähnlich ist es auch beim Flughafen. Mehdorn hat erkannt, dass er zumindest einen Teil von Gerkans Leuten braucht. "Wir sind doch alle erwachsene Menschen", soll Mehdorn intern den Sprung der Flughafengesellschaft über ihren eigenen Schatten begründet haben.

Auch für die Architekten steht viel auf dem Spiel: Gerkan-Partner wie Hans-Joachim Paap und Hubert Nienhoff zählen den Hauptstadtflughafen auch nach der Schmach um die geplatzte Eröffnung selbstbewusst zu ihren Referenzen. Das Büro will sich aktuell nicht dazu äußern, aber klar ist: Können die Planer ihr Projekt selbst retten, verblasst die Kündigung vom vergangenen Jahr möglicherweise zum Schönheitsfehler.
© dpa | Abb.: Günter Wicker, Flughafen Berlin Brandenburg | 03.04.2013 08:45

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Beitrag vom 05.04.2013 - 10:07 Uhr
@bluedanube: "die Schadensklage kann nämlich durchaus an die beteiligten Firmen weitergereicht werden". An welche beteiligten Firmen meinen Sie? Bauausführende Firmen?
Ja, siehe VIE
Ich kann nur davor warnen immer alles über einen Kamm zu scheren. VIE ist nun mal nicht BER.
Ja, natürlich. Im Kern gehts aber um dasselbe. Geld gibt's erst wieder, wenn das Werkel rennt. Entweder bei Gericht, oder an der Baustelle. Bleibt's beim Ersteren, gibt's nur Verlierer.
Fehler auf Seiten des Investors wie auch Planungsfehler sind wohl unzweifelhaft vorhanden. Darauf gründet auch meine Hoffnung, dass es diesmal mit Mehdorn/Azer - sofern der zweite beschäftigt wird - einen gemeinsamen Nenner geben kann. Natürlich mag auch die Bauausführende Seite irgendwo Fehler begangen haben: Ursächlich für den massiven Terminverzug sind sie jedoch nicht. Immerhin weist die Planungsgemeinschaft in Schreiben an den Investor darauf hin, dass massive Projektänderungen die termingerechte Fertigstellung unmöglich erscheinen lassen. Ein wesentlicher Teil der Schuld lastet also auf Investoren- bzw. Planungsseite. Dieser Teil kostet.

Und genau hier treffen sich VIE und BER. Das VIE-Schlamassel nahm seinen Ausgang, als die Kosten völlig aus dem Ruder liefen, zum guten Teil auch auf Grund einer diffusen Projektleitung seitens des Bauträgers.Danach wurden für den fixfertigen Rohbau fast unerfüllbare Änderungswünsche vorgebracht: Die Verkaufsflächen sollten massiv ausgeweitet werden, da sich der Bau sonst niemals rechnen würde (auf Grund der Budgetauswüchse). Ein Teufelskreis, mit dem jedes Gericht vom Start weg überfordert ist.

Repariert hat sich das Ganze aus einer simplen Notwendigkeit heraus: Geld gibt''s erst, wenn die Kiste steht. Jetzt steht sie, ein verwinkeltes Flickwerk zum Erbarmen, Mit dem Charme einer Ostblock-Kaserne (Kommentar eines Besuchers). Erbaut in den Jahren 2004 bis 2012. A.D.

Gruß aus VIE


Dieser Beitrag wurde am 05.04.2013 10:45 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 05.04.2013 - 00:18 Uhr
Kombination aus Mehdorn und Hany. A.: Das war mal der Albtraum der Bauindustrie. Haben die beiden sich wieder vertragen? Mal sehen, ob sie sich diesmal mit der Bauindustrie im Sinne des Projekterfolges an einen Tisch setzen, oder wieder nur Krieg führen. Immerhin sind die Vorzeichen diesmal so, dass es nur mit den bauausführenden Firmen gemeinsam geht, und wohl kaum noch gegen sie.

@bluedanube: "die Schadensklage kann nämlich durchaus an die beteiligten Firmen weitergereicht werden". An welche beteiligten Firmen meinen Sie? Bauausführende Firmen?

Ich kann nur davor warnen immer alles über einen Kamm zu scheren. VIE ist nun mal nicht BER. Fehler auf Seiten des Investors wie auch Planungsfehler sind wohl unzweifelhaft vorhanden. Darauf gründet auch meine Hoffnung, dass es diesmal mit Mehdorn/Azer - sofern der zweite beschäftigt wird - einen gemeinsamen Nenner geben kann. Natürlich mag auch die Bauausführende Seite irgendwo Fehler begangen haben: Ursächlich für den massiven Terminverzug sind sie jedoch nicht. Immerhin weist die Planungsgemeinschaft in Schreiben an den Investor darauf hin, dass massive Projektänderungen die termingerechte Fertigstellung unmöglich erscheinen lassen. Ein wesentlicher Teil der Schuld lastet also auf Investoren- bzw. Planungsseite. Dieser Teil kostet.

Gruß aus WAW

Beitrag vom 04.04.2013 - 12:29 Uhr
Der kann auch nicht Zaubern....BER ist zu klein und muß noch vor der Eröffnung ausgebaut werden .
Die Planer haben genau soviel Schult wie die Politiker an dem BER Debakel !
Mik, hier geht's weniger um Schuld (und Sühne), als um eine pragmatische Aufarbeitung des Schlamassels. Natürlich kann Mehdorn nicht zaubern, er kann aber zumindest die Leute zurück ins Boot holen, die es auch steuern können. Ohne die Architekten läuft da gar nichts, und das sollten die (politisch) Verantwortlichen eigentlich gewusst haben. In Wien lief ja ein ganz ähnliches Spiel. Der Skylink konnte letztlich nur fertig gebaut werden, weil Interimchef Herbst nach dem Baustopp die gefeuerten (und verklagten) Firmen wieder an die Kantarre nahm. Der Köder: Eine Unmenge noch offener Rechnungen.

Was auf der BER Baustelle jetzt vor allem fehlt, ist a) Information und Sachkenntnis der Projektabwicklung und b) der gute Wille zu einer zielführenden Zusammenarbeit, sprich zu einem bezahlten Projektabschluss. Dies läuft dort quer Beet durch ALLE Beteiligten. Mehdorn tut das einzig Richtige, indem er die Streithansln jetzt alle wieder an einen Tisch pfeift. Das ist zumindest mal ein PRODUKTIVER Anfang. Und mit seiner eigenen Klage als AB-Chef hat er dazu gute Karten in der Hand, die Schadensklage kann nämlich durchaus an die beteiligten Firmen weitergereicht werden. In Wien hat das jedenfalls gut funktioniert.


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