Flug 4U-9525
Älter als 7 Tage

"NYT": Nur ein Pilot im Germanwings-Cockpit

PARIS - Im fatalen Sinkflug von 4U-9525 haben sich an Bord offenbar dramatische Szenen abgespielt. Zum Zeitpunkt des Absturzes der Germanwings-Maschine in den französischen Seealpen ist nach übereinstimmenden Medienberichten nur ein Pilot im Cockpit gewesen.

Nach Informationen der "New York Times" und der französischen Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf anonyme Ermittler soll dies aus den Aufnahmen des bereits gefundenen Sprachrekorders hervorgehen. Sowohl die Lufthansa als auch Germanwings konnten die neuesten Enthüllungen am frühen Donnerstagmorgen zunächst nicht bestätigen.

Kurz vor dem Crash des Airbus A320, bei dem am Dienstag alle 150 Menschen an Bord ums Leben kamen, müssen sich offenbar dramatische Szenen in dem Flugzeug abgespielt haben. Nach Angaben der mit den Untersuchungen vertrauten Ermittler soll einer der Piloten vor dem Sinkflug das Cockpit verlassen und anschließend vergeblich versucht haben, die Tür zu öffnen, um wieder ins Cockpit zu kommen.

"Der Mann draußen klopft leicht an die Tür, aber es gibt keine Antwort", zitiert die Zeitung einen Ermittler. "Dann klopft er stärker an die Tür, und wieder keine Antwort. Es gibt keine Antwort. Und dann kann man hören, wie er versucht, die Tür einzutreten."

Germanwings Flug 4U9525
Germanwings Flug 4U9525, © Reuters

Warum er das Cockpit verließ und warum das Flugzeug in den Sinkflug ging, sei unklar. "Sicher ist, dass ganz zum Schluss des Fluges der andere Pilot allein ist und die Tür nicht öffnet", sagt der Ermittler laut "New York Times". Nach AFP-Informationen höre man zu Beginn des Fluges eine normale Unterhaltung auf dem Sprachrekorder.

"Dann hört man das Geräusch, wie ein Sitz zurückgeschoben wird, eine Tür, die sich öffnet und wieder schließt, Geräusche, die darauf hindeuten, dass jemand gegen die Tür klopft. Und von diesem Moment an bis zum Crash gibt es keine Unterhaltung mehr", sagt der Ermittler. Zuvor hätten sich die beiden Piloten auf Deutsch unterhalten.

"Wir haben derzeit keine Informationen vorliegen, die den Bericht der New York Times bestätigen", sagte ein Lufthansa-Sprecher am frühen Donnerstagmorgen der Deutschen Presse-Agentur. Man werde sich bemühen, weitere Informationen zu bekommen und "sich nicht an Spekulationen beteiligen". Nahezu wortgleich äußerte sich auch Germanwings in einer schriftlichen Erklärung. "Die Ermittlung der Unfallursache obliegt den zuständigen Behörden", hieß es zudem.

Von der französischen Untersuchungsbehörde BEA war in der Nacht zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Bei dem Kapitän handelte es um einen langjährigen Mitarbeiter der Lufthansa mit mehr als 6.000 Flugstunden. Der erste Offizier war nach seiner Ausbildung an der Lufthansa Verkehrsfliegerschule seit September 2013 für Germanwings tätig. Das bestätigte eine Lufthansa-Sprecherin am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP. Er habe 630 Flugstunden absolviert. Es ist unklar, welcher Pilot zum Zeitpunkt des Absturzes im Cockpit war.

Erste Opfer geborgen

Beim Crash der Germanwings-Maschine in einer unwegsamen Bergregion in den französischen Alpen waren am Dienstag alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Am Mittwoch wurden die ersten Opfer geborgen.

Sterbliche Überreste der Getöteten seien am späten Mittwochnachmittag von der Unglücksstelle weggebracht worden, bestätigte ein Polizeisprecher in Digne. Zugleich ging die Suche nach dem zweiten Flugschreiber in dem Trümmerfeld weiter. Ohne dessen Daten dürfte die Ermittlung der Absturzursache äußerst schwierig werden.

Der Polizeisprecher in Digne ließ offen, wie viele Leichen geborgen wurden. Kleinteilige Trümmer des Airbus A320 lagen weit verteilt in dem abgelegenen Tal bei Seyne-les-Alpes. Die Suche nach den Getöteten war am Abend mit Einbruch der Dunkelheit eingestellt worden und soll am Donnerstag weitergehen. Neben der Suche nach dem zweiten Flugschreiber arbeiten die Bergungskräfte an der Ortung der Opfer.

Auch die Trümmer der Maschine sollen soweit möglich geborgen werden - auch sie könnten Aufschluss geben über die Ursache des Unglücks. Die Helfer sollen am Donnerstag erneut mit Helikoptern in das schwer zugängliche Gebiet starten, sofern das Wetter dies zulässt.

In der Nacht sollten erneut einige Spezialkräfte am Unfallort die Stellung halten und den Ort absichern. Im Laufe des Tages wurden Angehörige von Opfern aus Deutschland in dem Gebirgsort erwartet.

Nach Angaben von Germanwings-Chef Thomas Winkelmann waren 72 Bundesbürger an Bord der Unglücksmaschine. Aus Spanien stammten nach Angaben aus Regierungskreisen in Madrid 51 Opfer. Die Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als sie minutenlang an Flughöhe verlor und schließlich an dem Bergmassiv zerschellte.

Statement von Lufthansa am Nachmittag


Lufthansa und die Germanwings wollen am Donnerstagnachmittag auf einer Pressekonferenz über die Ursachensuche nach dem Airbus-Absturz in Südfrankreich informieren.

Um 14.30 Uhr wollen am Flughafen Köln/Bonn Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Thomas Winkelmann, Sprecher der Germanwings-Geschäftsführung, weitere Informationen mitteilen, wie Germanwings bekanntgab.


Ungesicherte Informationen

Berichte über den Inhalt von Flugunfalluntersuchungen müssen als ungesicherte Informationen gesehen und behandelt werden bis die zuständige Behörde, in diesem Fall das BEA, sie entweder bestätigt oder dementiert.

Der vorliegende Artikel stützt sich auf grundsätzlich verlässliche Quellen und trifft ausdrücklich keine Aussage darüber, aus welchem Grund die Maschine letztlich verunfallte.

Angesichts der zahlreichen Opfer bitten wir um entsprechende Sensibilität bei der Nutzung der Kommentarfunktion.


Cockpittür


Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 sind in Flugzeugen die Cockpittüren besonders gesichert worden, um unerlaubtes Eindringen zu verhindern. Die Türen halten selbst Schüsse ins Cockpit ab und können von der Crew nur mit bestimmten Codes geöffnet werden - jede Airline hat dabei ihre speziellen Regelungen.

Eine Video-Kamera zeigt der Besatzung nach Airbus-Angaben zudem, wer gerade Einlass begehrt.
Bei einer Bedrohungslage können die Piloten die Tür aber auch dann blockieren, wenn außen der korrekte Code eingegeben wird. In besonderen Notfällen besteht nach Angaben der Vereinigung Cockpit technisch zwar die Möglichkeit, auch von außen die Cockpittür zu öffnen - aus Sicherheitsgründen meist nach einer Zeitverzögerung, die je nach Programmierung Sekunden oder auch Minuten dauern kann. Die Tür öffnet aber auch dann nicht, wenn der Pilot im Cockpit den Zugang blockiert.

Das Airbus-Handbuch erklärt das elektronische Schließsystem der A320 Cockpittür so:
  • Eine verriegelte Cockpittür kann vom Flight Deck und von der Kabine aus geöffnet werden.
  • Mitglieder der Crew legitimieren ihren Zutrittswunsch von der Kabine durch die Eingabe eines Codes über ein Keypad. Die Eingabe des korrekten Codes löst für einige Sekunden einen Buzzer aus. Die Tür wird daraufhin im Normalfall von einem Piloten im Cockpit entriegelt.

Schließsystem der Cockpittür eines Airbus A320
Schließsystem der Cockpittür eines Airbus A320, © Airbus

  • Im Notfall kann die Tür auch von der Kabine aus entriegelt werden. Hierfür gibt es einen EMERGENCY Code, dessen Eingabe die Tür nach einigen Sekunden entsperrt.
  • Vom Cockpit kann die Tür in drei Stufen gesperrt werden - UNLOCK, NORM und LOCK. UNLOCK entriegelt die Tür. NORM sperrt die Tür, eine Entriegelung mit dem EMERGENCY Code ist von der Kabinenseite aus möglich. LOCK sperrt die Tür, in diesem Modus stehen Keypad, Buzzer und auch der EMERGENCY-Zutritt für eine bestimmte Zeit (5 bis 20 Minuten) nicht zur Verfügung.
© aero.de, dpa-AFX | Abb.: Groß: Lufthansa, world-of-aviation.de, Björn Schmitt Aviation Photography | 26.03.2015 06:13

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Beitrag vom 27.03.2015 - 01:04 Uhr
Genau. Camping Klo im Pilotenkoffer. Jede(r) bekommt ein eigenes.
Oder die Windel Variante. Allflies Ultra. Und für Notfälle noch etwas Catsan auf den Cockpitboden.

Wenn das alles ist was die Sicherheit der Paxe gewährleistet ist das ja wohl kein Problem 1
Beitrag vom 27.03.2015 - 00:37 Uhr
Genau. Camping Klo im Pilotenkoffer. Jede(r) bekommt ein eigenes.
Oder die Windel Variante. Allflies Ultra. Und für Notfälle noch etwas Catsan auf den Cockpitboden.

Dieser Beitrag wurde am 27.03.2015 00:38 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 27.03.2015 - 00:00 Uhr
@AILERON: Wissen Sie, ob die Tür nicht etwas verhindert hat? Das ist Spekulation. Wenn man so will, sendet die Katastrophe an alle möglichen Terroristen zumindestens hinsichtlich der Tür das ganz eindeutige Signal "Ihr kommt hier nicht durch", wenn es der Captain eines Flugzeuges mit all seinem Systemwissen nicht schafft. Zudem hat es Suizide mit dem Flugzeug auch schon vor der Einführung der gepanzerten Tür gegeben. Umgekehrt wäre das Geschrei wahrscheinlich gross, wenn es zu einer Flugzeugentführung mit Absturzfolge gäbe, und eine solche Tür nicht da wäre. Ich bezweifele das es hier wirklich einen Weg gibt, der beides unter einen Hut bekommt. So bitter es ist, man wird am Ende wenn die Trauer und die Wut über diese Katastrophe weniger geworden ist, darüber nachdenken müssen, was das grössere Risiko ist und mit welchem Risiko man besser leben kann. Wobei ... eine Lösung fiele mir schon ein: Eigenes sehr platzsparend gebautes Cockpit-WC hinter der Tür (vom Passagierraum gesehen) um somit wohl den Hauptgrund, das Cockpit zu verlassen, entfallen zu lassen.



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