Boeing 717
Älter als 7 Tage

Vom Verkaufsflop zum heiß begehrten Gebrauchten

ATLANTA - Neun Jahre nach Produktionsende der Boeing 717 ist aus dem Ladenhüter von einst eines der gefragtesten Flugzeuge am Gebrauchtmarkt geworden. Nur 155 Einheiten des 100-Sitzers stellte Boeing von 1999 bis 2006 her. Die meisten erreichen langsam ein Alter, in dem Airlines eigentlich über Ersatz nachdenken.

Stattdessen ziehen Zeitwerte und Leasingraten dank einer Gemengelage aus günstigem Sprit, Anstrengungen von Boeing und dem Aufbau einer großen Teilflotte bei Delta an. Delta entschied sich vor drei Jahren, ihre kleinsten Regionaljets mit der 717 abzulösen.

Sobald gebrauchte 717 am Markt zum Kauf oder Leasing angeboten werden, stürzen sich Delta, Hawaiian Airlines, Qantas und die spanische Volotea förmlich auf die Flugzeuge. Doch das Angebot ist begrenzt - derzeit ist laut Ascend-Datenbank von FlightGlobal weltweit nur eine einzige 717 geparkt. In Turkmenistan.

"Jeder will sie auf lange Sicht behalten", sagt Daniel Pietrzak, Flottenmanager bei Delta, über seine 717.  "Sie sehen brandneu aus. Sie sind großartig."

Die etwas überraschende Wiederauferstehung der Boeing 717 widersetzt sich dem gewöhnlichen Werdegang verwaister Flugzeuge, die nach dem Ende ihrer Produktion im Regelfall nicht mehr an Beliebtheit zulegen.

Bei der 717 übertrifft die Nachfrage das Angebot verfügbarer Flugzeuge seit Delta 2012 begann, sich eine große und weiter wachsende Teilflotte aufzubauen. Fallende Spritpreise und günstige Leasingraten spielten Delta in die Hände.

"Sie sind so etwas wie der Marktmacher", sagt Robert Agnew, Vorstand der Luftfahrtberatung Morton Beyer & Agnew. "Ohne Delta hätte das Flugzeug vielleicht zu kämpfen".

Boeing 717
Neu verschmäht, als Gebrauchter gesucht: Boeing 717, © Aero Icarus, CCBYSA

Die Zeitwerte der 717 kletterten dieses Jahr um 17 Prozent und bewegen sich in einer Spanne von 7,5 bis 10,5 Millionen US-Dollar. Leasingraten zogen sogar um 22 Prozent an, nachdem um neun von SAS angebotene Flugzeuge ein wahres Bieterrennen entbrannt war. Am Ende sicherte sich Delta drei Flugzeuge, Qantas zwei und vier 717 fanden den Weg zum Günstigflieger Volotea.

"Das ist einer dieser Flugzeugtypen, der für eine Airline völlig wertlos und für eine andere Airline mit einer bestehenden Flotte sehr wertvoll ist", sagt George Dimitroff vom Flottenbewerter Ascend.

Die 717 war das letzte von McDonnell Douglas entwickelte Flugzeug, bevor Boeing die Firma vor 18 Jahren übernahm. Ihr Timing war mehr als schlecht. Als die 717 im Jahr 1999 Premiere feierte, wandten sich die Airlines auf Kurzstrecken von 100-Sitzern ab und größerem Gerät zu.

"Es ist ein sehr gutes Flugzeug, das sich nur nie wirklich durchsetzen konnte", sagt Jonathan Bogaard von der Sozietät Vedder Price, die Airlines in Finanzierungsfragen berät.

Boeings Rolle

Boeing hält für die 2006 eingestellte 717 weiterhin Ersatzteile vor. Das nicht weiter ungewöhnlich, ein anderer Aspekt hingegen schon: Boeing besitzt 103 der Flugzeuge und verwaltet Leasingverträge im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar für die Flotte, wie aus Finanzberichten des Konzerns hervorgeht.

Außerdem hilft Boeing bei der Vermarktung, wenn Airlines wie die SAS-Tochter Blue1 sich zur Ausflottung des Modells entscheiden. "Wir sind Teil des Marktes und das hilft uns, nahe bei unseren Kunden und Flugzeugen zu sein", sagt Beth Notari, Portfoliomanagerin bei Boeing Capital.

Betreibern gefällt die Leistung der 717 auf kürzeren Strecken. Bei Passagieren ist der Typ wegen seiner Fünferreihe mit jeweils nur einem Mittelsitz beliebt. Trotzdem fristete die 717 ein Mauerblümchendasein - bis Delta feststellte, das die kleine Boeing doch ein idealer Ersatz für ihre beengten 50-Sitzer wäre.

Delta einigte sich 2012 mit Southwest Airlines über die Ablösung von 88 717, die Southwest im Jahr zuvor aus der Übernahme von AirTran geerbt hatte. Erneut bewies Delta mit dem Ankauf eines wenig gefragten Flugzeugtyps am Gebrauchtmarkt ein glückliches Händchen. Heute pendelt sie mit der 717 unter anderem auf der Kurzstrecke San Francisco - Los Angeles.

Addison Schoenland von AirInsight sieht im zweiten Frühling der 717 den Beleg dafür, dass der Markt für 100-Sitzer "robuster ist als viele meinen".

Ungewisse Zukunft


Sollte Delta eines Tages allerdings das Interesse an der 717 verlieren, könnte aus dem Markt schnell die Luft raus sein, schätzt Nick Popvich vom Flottenverwalter Sage-Popovich: "Das Problem ist, dass ich nicht weiß, zu welchem Preis diese Flugzeuge dann gehandelt würden."

Fehlende Gemeinsamkeiten mit der 737 dürften das Absatzpotenzial in Afrika, einem typischen Markt für ältere Flugzeuge, begrenzen, meint auch Bogaard. Möglicherweise erweise sich die 717 aber für ein zweites Leben als Umbaufrachter geeignet.

Für den Moment grast Delta-Flugzeugeinkäufer Pietrzak den Globus noch nach verfügbaren 717 ab. Doch nirgends wird auch nur ein Flugzeug angeboten. Die einzige vorübergehend stillgelegte Maschine gehört laut Ascend Turkmenistan Airlines, die sich auf Nachfrage nicht zu ihren Plänen für das Flugzeug äußerte.

Anfang des Jahres las Pietrzak einen Bericht, laut dem Volotea ihrer Flotte weitere 20 717 hinzufügen möchte. Sein erster Gedanke sei gewesen: "Wen kennen die, der sich von diesen (Flugzeugen) trennt, den ich nicht kenne?
© Bloomberg News | Abb.: Aero Icarus, CCBYSA | 05.09.2015 11:26

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Beitrag vom 07.09.2015 - 03:00 Uhr
Die MD11 ist der Beleg für kommerziellen Druck auf Engineering-knowhow in Krisenzeiten: Die DC10 wurde verlängert ohne adequate Veränderung des Flügels.
Beitrag vom 06.09.2015 - 22:17 Uhr
haha, die MD11 wahr wohl eher ein Flop von DC/MD.
Erfüllte die prognostizierten Leistungen nie. Die DC 10 galt sogar eine Zeit lang als unsicher...
Beitrag vom 06.09.2015 - 21:42 Uhr
Ein erneuter Beweis dafür welch gute Flugzeugtypen von Douglas / McDonell einst entworfen wurden : DC2/3/4/6/7/8/9,10, MD8**,MD9*.
Fehlt noch die MD11


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