Showdown bei Ryanair
Älter als 7 Tage

"Die Piloten haben es satt, sich so behandeln zu lassen"

FRANKFURT - Beim Blick auf diese Landkarte dürfte Ryanair-Chef Michael O`Leary grollen. Piloten haben sich quer über Europa zusammengetan, um notfalls auch mit Streiks bessere Beschäftigungsbedingungen beim irischen Billigflieger durchzusetzen. Ryanair will das noch nicht wahrhaben.

Gegenüber seinen Passagieren will O`Leary schon seit einiger Zeit "nicht mehr fies sein". Gleiches fordern jetzt die Piloten von ihrem Chef. Erstmals in der Unternehmensgeschichte drohen Ryanair europaweite Streiks in den Cockpits. Fluggesellschaft und ihre Passagiere müssen sich unter anderem in Deutschland auf Verspätungen und Flugausfälle einrichten.

Die Vereinigung Cockpit (VC) kündigte am Dienstag für die zehn deutschen Ryanair-Basen Arbeitskämpfe an, ohne genaue Termine zu nennen. Man wolle der Fluggesellschaft Gegenmaßnahmen erschweren, sagte dazu der VC-Präsident Ilja Schulz in Frankfurt.

Die Passagiere würden rechtzeitig informiert und über die Weihnachtstage vom 23. bis 26. Dezember von Streiks verschont.

Ryanair Boeing 737-800
Ryanair Boeing 737-800, © Ingo Lang

Zuvor hatten Gewerkschaften in Portugal und Italien zu Arbeitskämpfen aufgerufen. Die Italiener wollen bereits am Freitag für vier Stunden die Arbeit niederlegen. An der Basis Dublin haben sich am Montagabend irische Piloten per Urabstimmung für einen Streik ausgesprochen.

Die Gewerkschaften werfen der 1985 gegründeten Ryanair vor, den europaweiten Flugbetrieb mit unsozialen Arbeitsbedingungen nach irischem Recht für die inzwischen rund 4.000 Piloten zu organisieren. Es gebe keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine verbindlichen Dienstpläne, keine Altersvorsorge und ein weit verbreitetes System von scheinselbstständigen Piloten, kritisierte VC-Präsident Ilja Schulz.

Gerade Berufseinsteiger werden laut VC nicht direkt bei Ryanair eingestellt, sondern angehalten, eigene Mini-Gesellschaften nach britischem oder irischem Recht zu gründen und dann ihre Arbeitsleistung als Selbstständige anzubieten.

Pilotenverbände kritisieren das Ryanair-Modell
Pilotenverbände kritisieren das Ryanair-Modell, © Vereinigung Cockpit

Die Fluggesellschaft, die mit den angeblich niedrigsten Ticketpreisen für sich wirbt, lehnte Verhandlungen mit der VC trotz der Streikandrohung kategorisch ab. "Ryanair hat keine Mitteilung über Arbeitskampfmaßnahmen deutscher Piloten erhalten", hieß es in einem Statement der Airline. Man gehe daher davon aus, dass es sich um reine Öffentlichkeitsarbeit der Pilotenvereinigung handle.

Über Ryanair
Typ Linienfluggesellschaft
Basis Dublin Int'l
Maschinen 412
Destinationen 203
Routen 1611
© Daten bereitgestellt von ch-aviation
Wenn es zu Streiks kommen sollte, werde man sich damit "frontal" auseinandersetzen. In keinem Fall aber werde man mit der VC verhandeln oder die Gewerkschaft anerkennen.

Auch von drohenden Arbeitskampfmaßnahmen irischer Piloten in Dublin wollte Ryanair nichts wissen. Weniger als 28 Prozent der Piloten hätten sich bei einer Abstimmung am Montag dafür ausgesprochen. Ein Sprecher der irischen Gewerkschaft IALPA teilte hingegen mit, 79 von 84 in Dublin stationierten und direkt bei Ryanair angestellten Piloten hätten sich für den Arbeitskampf ausgesprochen. Die Vertragspiloten hatten an der Abstimmung nicht teilgenommen.

VC: Piloten laufen Ryanair davon

Die VC will nach eigenen Angaben Tarifverhandlungen erzwingen, um "marktgerechte Arbeits- und Vergütungsbedingungen" für die rund 400 in Deutschland stationierten Piloten zu erreichen. Als Maßstab sieht die VC die Tarifverträge der Tuifly an, die wie Ryanair eine Flotte von Boeing 737-Flugzeugen betreibt.

Bei Tuifly seien zum einen die Arbeitsbedingungen klar definiert, zum anderen liege die Vergütung etwa 30 Prozent über dem Niveau der Ryanair, erläuterte Schulz.

Cockpit: Ryanair laufen die Piloten davon
Cockpit: Ryanair laufen die Piloten davon, © Vereinigung Cockpit

In Kooperation mit anderen europäischen Pilotengewerkschaften will die VC aktuelle Personalprobleme der Iren ausnutzen, die aus Pilotenmangel bereits rund 20.000 Flüge im Winterflugplan streichen mussten. Laut VC verlassen Piloten in großer Zahl die Ryanair, um bei anderen Gesellschaften zu besseren Bedingungen anzuheuern.

Im laufenden Jahr werde etwa jeder fünfte der rund 4.000 Piloten die irische Gesellschaft verlassen, sagte Schulz. Ryanair muss gleichzeitig zusätzliche Crews für das weiterhin geplante Wachstum anheuern. Die Flotte soll im kommenden Sommerflugplan auf rund 430 Maschinen ausgebaut werden. Ryanair bestreitet, dass man Personalprobleme habe.

Die VC koordiniere sich sehr eng mit den anderen Gewerkschaften in Europa, schilderte die Ryanair-Kapitänin und Sprecherin der VC-Tarifkommission, Tina Hausmann. Zusätzlich zu den jeweiligen nationalen Tarifverträgen strebe man ein übergeordnetes, europaweites Bezahlsystem für alle Ryanair-Piloten an.

Ryanair-Piloten schließen die Reihen
Ryanair-Piloten schließen die Reihen, © Vereinigung Cockpit

Es gebe bereits in Irland, Portugal, Spanien, Italien, Niederlanden, Schweden und Deutschland öffentlich bekanntgemachte Tarifkommissionen. In Belgien und Großbritannien werde dieser Schritt vorbereitet.

Sozialdumping mit "Willkür-System"

"Wie sollten Ryanair-Piloten systematisches Sozialdumping anders durchbrechen, als mit gewerkschaftlichen Mitteln? Und wenn nicht jetzt, wann sonst gibt es eine realistische Chance, damit erfolgreich zu beginnen?", fragte der VC-Tarifexperte Ingolf Schumacher, der für die VC bereits den harten Arbeitskampf mit 14 Streikrunden bei der Lufthansa ausgefochten hat.

Die Gewerkschaft droht auch Ryanair mit einem langen Arbeitskampf: "Der Streik dauert so lange, bis in diesem Unternehmen Tarifverträge erreicht sind", erklärte VC-Chef Schulz.

"Die Piloten haben es satt, sich so behandeln zu lassen. An dem Willkür-System muss sich etwas ändern", sagte der VC-Chef weiter. Die lokalen Ausschüsse an den Ryanair-Basen seien nicht von den Piloten gewählt worden und besäßen keine Verhandlungsmacht. Tarifverträge könnten nur mit den von den Piloten selbst beauftragten Gewerkschaften abgeschlossen werden: "Wir sind in Deutschland die Ryanair-Gewerkschaft und wir sind stolz drauf."

Auch die deutsche Kabinengewerkschaft Ufo will mit Ryanair über einen nationalen Tarifvertrag für die in Deutschland stationierten Flugbegleiter verhandeln und wirbt dafür in der Belegschaft um Mitglieder. Eine Kooperation mit den Piloten gibt es aber laut VC bislang nicht.
© dpa-AFX, aero.de | Abb.: Vereinigung Cockpit | 12.12.2017 16:48

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Beitrag vom 13.12.2017 - 19:29 Uhr
@olfrygt,

mit einem frozen ATPL, -80T EUR auf dem Konto und einer nette Beziehung in EU will man nicht so schnell davonrennen. Wenn man dann angefangen hat und das Geld etwas tröpfelt. wird man etwas träger und wagt nicht den grossen Sprung ins EU-Ausland.

Wir haben einen Arbeitgebermarkt.
MOL weiss, weshalb er auch angestellte Piloten (mit akzeptablen Geld in Irland) hat bzw. weshalb er unbedingt "contractors" braucht.
Beitrag vom 13.12.2017 - 18:46 Uhr
Warum sollte sich denn jeder einzeln mit der großen Maschinerie Ryanair anlegen?

Was heißt hier "anlegen?"
"Ich bin hier nicht zufrieden. Ich geh hier weg." ist ja wohl kaum ein "sich anlegen."

Wenn Ryanair das Personal davon rennt (und kein neues nachkommt, dass die Arbeitsbedingungen okay findet!), wird der Betrieb gefährdet. Dann wird sich das Unternehmen schon um attraktivere Bedingungen kümmern, wenn Sie nicht Geld und Marktanteile verlieren wollen. Ohne Personal schließlich keine Flüge.

Was in dem Moment der Person die das Unternehmn verlassen hat und den Wandel eingeleitet hat nichts mehr bringt.

Dieses Verhalten belohnt damit die Untätigen und bestraft diejenigen mit Inititive.
Vielleicht mag ich es deswegen nicht und finde Streiks besser :-)

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Beitrag vom 13.12.2017 - 15:12 Uhr
Warum sollte sich denn jeder einzeln mit der großen Maschinerie Ryanair anlegen?

Was heißt hier "anlegen?"
"Ich bin hier nicht zufrieden. Ich geh hier weg." ist ja wohl kaum ein "sich anlegen."

Wenn Ryanair das Personal davon rennt (und kein neues nachkommt, dass die Arbeitsbedingungen okay findet!), wird der Betrieb gefährdet. Dann wird sich das Unternehmen schon um attraktivere Bedingungen kümmern, wenn Sie nicht Geld und Marktanteile verlieren wollen. Ohne Personal schließlich keine Flüge.


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