Kommentar der "Börsen-Zeitung"
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Getümmel am Himmel

Vueling Airbus A320 mit Sharklets
Vueling Airbus A320 mit Sharklets, © Airbus S.A.S.

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FRANKFURT - Die Lufthansa-Aktie hat das Jahr 2018 mit einem Dämpfer begonnen. Der Coup der Airline-Gruppe IAG, die sich den Ferienflieger Niki für ein Zehntel des zuvor von Lufthansa gebotenen Kaufpreises unter den Nagel reißt, vergrätzt Lufthansa-Anleger ebenso wie Politiker.

Letztere wären indes besser beraten, sich mit Verbalattacken gegen die EU-Kommission zurückzuhalten, wenn sie nicht weiterhin den Argwohn über eine zweifelhafte Rolle des Staates im Insolvenzverfahren von Air Berlin nähren wollen.

Es ist nicht Aufgabe der EU-Wettbewerbshüter, für möglichst hohe Erlöse bei der Resteverwertung der Airline zu sorgen, damit die Bundesregierung ihren Überbrückungskredit wieder eintreiben und sich eine Blamage vor dem Steuerzahler ersparen könnte.

Stattdessen muss Brüssel darauf achten, dass der Wettbewerb nicht durch eine zu große Marktmacht eines einzelnen Unternehmens gefährdet wird. Und das haben die Beamten getan.

Die Notlandung von Niki bei IAG macht nicht nur der Lufthansa, sondern vor allem auch den hiesigen Ferienfliegern Tuifly und Condor bzw. deren Müttern einen Strich durch die Rechnung. Sie hatten gehofft, dass mit der Pleite von Air Berlin und der von Niki Kapazitäten aus dem deutschen Markt genommen würden und der Preisdruck etwas nachlassen würde.

Dass IAG die Air-Berlin-Tochter für nur 20 Millionen Euro und ein Übergangsgeld bekommt, zeigt, dass weder Thomas Cook noch Tui, die zuvor noch bereit gewesen war, ihre eigene Fluggesellschaft in einem Verbund mit Teilen von Air Berlin zu verbinden und so eine schlagkräftige deutsche Airline-Gruppe im europäischen Verkehr zu schaffen, geneigt waren, das Gleiche zu zahlen.

Verzockt

Damit haben sich alle Beteiligten hierzulande verzockt. Das Getümmel am Himmel wird nicht weniger, sondern mehr. IAG vergrößert die Reichweite ihrer Billigtochter Vueling, die den iberischen Markt bisher nur aus München und Frankfurt angeflogen hat, um das Netz der Niki, die ebenfalls über lukrative Landerechte in Spanien verfügt und somit nun einen guten Teil des deutschen Urlaubsverkehrs in den Mittelmeerraum der IAG-Gruppe zuführt.

Die Lufthansa muss mit erweiterten Kapazitäten aus eigener Kraft bei Eurowings aufrüsten, um auch dieser neuen Konkurrenz Paroli zu bieten. Dabei sollte sie ihre Mittel mit Augenmaß einsetzen, denn zum Getümmel am europäischen Himmel zählen auch weiterhin die Flugzeuge der Alitalia. Wo diese notlanden, ist noch offen. Die Insolvenzverwalter setzen wie immer zuerst auf den Meistbietenden.

Kommentare geben nicht die Meinung der aero.de-Redaktion, sondern des Autors wieder.
© Heidi Rohde, Börsen-Zeitung, OTS | Abb.: Airbus | 05.01.2018 08:51

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Beitrag vom 05.01.2018 - 18:55 Uhr
Bei dieser Argumentation hänge ich immer. Ich dachte es gibt einen EU Open sky. Jeder kann fliegen wohin er will. Einzig die Dominanz bestimmter Zeitfenster auf bestimmten Airports wäre das Problem? Das hieße, Überschneidungen bestimmter Strecken wären irrelevant, da der gewonnene Slot ja für eine andere Strecke genutzt werden könnte. Oder umgekehrt, wenn ich alle Slots die ich habe auf eine Strecke setze dominiere ich diesen Markt.
Da ich bisher auch nichts über Streckenrestrikionen gelesen habe ( vielleicht auch übersehen) komme ich mit diesen Streckenargumenten nicht klar. Es wurde ja auch nicht von EU oder D Kartell gesagt LH müsste von ihren 25 TXL FRA/Tag welche rausnehmen. Oder habe ich das verpennt ;-)
Hätte jemand dazu eine Info? Danke
Beitrag vom 05.01.2018 - 11:41 Uhr
"IAG vergrößert die Reichweite ihrer Billigtochter Vueling, die den iberischen Markt bisher nur aus München und Frankfurt angeflogen hat, um das Netz der Niki."

Da irrt die Heide Rhode leider, Vueling fliegt im D-A-CH-Raum bereits elf Ziele an, bis auf Frankfurt. Zudem hat Vueling Palma bereits vor der Übernahme aus eigenen Ressourcen kräftig aufgestockt.

Mit Niki macht Vueling in Palma allerdings einen Quantensprung. Mit einem Marktanteil von dann rund 20 Prozent verdrängt Vueling Platzhirsch Ryanair (14) und Eurowings (10) auf die Plätze. Wäre Niki bei Eurowings gelandet, wär's umgekehrt gewesen. Mit HG käme EW in Palma auf fast ein Viertel und Vueling bliebe unter 10.

IAG macht im Prinzip also nichts anderes als Lufthansa: Sie stärkt mit Niki sowohl ihren Heimatmarkt als auch lukrative Zielmärkte.
Beitrag vom 05.01.2018 - 11:11 Uhr
Wie siehen eigentlich die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Airlines innerhalb der anderen EU-Staaten so aus? Sich bei der Beantwortung der Frage, ob eine Airline zu viel Marktmacht besitzt, allein auf den jeweiligen Binnemarkt eines einzelnen EU-Staates zu stützen, erscheint mir Anbetracht des so globalen Geschäfts der Verkehrsfliegerei etwas zu einseitig. Aber ich bin da auch Laie.

Den jeweiligen Binnenmarkt zu betrachten wäre in der Tat laienhaft. Die Ausgangsfrage, die Wettbewebsbehörden stellen, ist: "Was ist der relevante Markt?".

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht so trivial, wie es scheint. Bei Flugreisen könnte man z. B. vom Markt für Flugreisen in Deutschland ausgehen. Das ist aber Quatsch. Für einen Kunden, der von Hamburg nach München möchte, ist die Wettbewerbssituation auf der Strecke Düsseldorf - Palma herzlich irrelevant. Man betrachtet also einzelne Strecken. Um beim Beispiel des Kunden auf der Strecke Hamburg nach München zu bleiben: Betrachtet dieser nur Flugreisen oder vielleicht auch das Angebot an Fernreisen mit Bus und Bahn? Je nach Uhrzeit, Länge der Strecke und Anzahl der Mitreisenden ist vielleicht darüber hinaus auch das Angebot an Mietwagen relevant.
Erst wenn der relevante Markt identifiziert wurde, wird die Marktmacht eines Unternehmens identifiziert. Das ist üblicherweise eine Kombination mehrerer Faktoren, u. a. Marktanteil, aber auch das Potenzial Preissteigerungen durchzusetzen. Letzten Endes läuft es auf eine Einzelfallentscheidung für jede Strecke hinaus.

Im Fall von LH/EW gab es ganz erhebliche Marktmacht auf vielen Strecken innerhalb Deutschlands und Europas, die durch die Slots von NIKI noch gefestigt worden wäre. Man muss kein Experte der Wettbewerbspolitik sein, um zu bemerken, dass das Argwohn bei den zuständigen Behörden weckt. Bei Vueling ist der Fall anders gelagert. Die Strecken von Vueling und NIKI überschneiden sich nur in wenigen Fällen. Die EU-Kommission wird ihnen wahrscheinlich auferlegen, einige Slots (insb. Palma) abzugeben und den Kauf ansonsten genehmigen.

Dieser Beitrag wurde am 05.01.2018 11:16 Uhr bearbeitet.


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