ALTA-Chef Luis Felipe de Oliveira
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Lateinamerika auf Wachstumskurs mit Stolpersteinen

Luis Felipe de Oliveira, Executive Director ALTA
Luis Felipe de Oliveira, Executive Director ALTA, © ALTA

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MIAMI - Lateinamerika gilt bei einigen Branchenkennern als großer Markt der Zukunft. Der Chef der Lateinamerikanischen und Karibischen Luftfahrtvereinigung (ALTA), Luis Felipe de Oliveira, stimmt ihnen grundsätzlich zu. Im Interview mit aero.de relativiert er jedoch den Optimismus etwas.

Herr Oliveira, die Prognose für die Luftfahrt in Lateinamerika ist sehr gut – die IATA spricht von einem Wachstum von bis zu vier Prozent jährlich. Ist der Kontinent bereit für ein solches Wachstum?

Luis Felipe de Oliveira:
Die lateinamerikanische Luftfahrt ist in den vergangenen Jahren immer um die fünf Prozent gewachsen. Was uns in Lateinamerika sehr zu schaffen macht, ist das Problem der Infrastruktur und der Flugverkehrskontrolle. Wenn in diesen Bereichen besser investiert würde, könnte der Markt sogar noch mehr wachsen.

Zudem erholt sich die größte Volkswirtschaft der Region, Brasilien, gerade von einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Jede positive Entwicklung in Brasilien hat enormen Einfluss auf die gesamte Region. Wir glauben, dass die brasilianische Luftfahrt in diesem Jahr über vier Prozent wachsen wird. Damit besteht auch die Chance, dass die gesamte Region das Wachstum der vergangenen Jahre übertreffen wird.

Das hängt wahrscheinlich auch von den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober ab?

De Oliveira: Ja, auch. Die Wahlen können das wirtschaftliche Umfeld positiv oder negativ beeinflussen.

Sie haben bereits die Infrastruktur angesprochen. Wen sehen Sie in der Verantwortung, die Infrastruktur auf dem Kontinent zu verbessern?

De Oliveira: In Lateinamerika sind zahlreiche Flughafenkonzessionen vergeben worden. Die wichtigsten davon in den vergangenen Jahren in Brasilien, aber auch in Argentinien, Chile, Peru, Kolumbien und einigen anderen Ländern.

Unserer Ansicht nach ging es dabei oft zu sehr darum, einen guten Preis für die Regierungen herauszuschlagen. Die Investitionen, die es braucht, damit die Luftfahrt wachsen kann, wurden dabei außer Acht gelassen.

Allein die Konzession für den Flughafen in Rio de Janeiro hat fünf Milliarden US-Dollar gekostet, das muss jemand bezahlen. Letztendlich werden die Flugreisenden und die Airlines damit bestraft.

Oft gelingt es den Flughafenbetreibern wegen der hohen Kosten für die Konzession nicht einmal, rentabel zu wirtschaften. Die Regierungen könnten die Konzessionen auch dafür nutzen, die Infrastruktur tatsächlich zu verbessern.

Welche Rolle möchte die ALTA in diesem Zusammenhang spielen?

De Oliveira: Dies ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Als Anwalt der Industrie wollen wir den Wert der Luftfahrt vermitteln. Die ALTA ist nicht nur ein Verbund von Airlines sondern auch der Luftfahrtindustrie insgesamt.

Denn wir glauben, dass alle davon profitieren, wenn die Luftahrt wächst: die Regierungen, die Flugzeugbauer, die Flughäfen, die Airlines und schließlich die Fluggäste und die Länder und Gemeinden, die wir bedienen.

Wir versuchen deswegen, die Regierungen behutsam bei der Vergabe der Flughafenkonzessionen zu unterstützen und aktiv Verbesserungsvorschläge einzubringen. Wir zeigen den Regierungen Positiv- und Negativbeispiele aus anderen Ländern auf.

Die Arbeit mit den Regierungen ist ein Lernprozess, der etwas länger dauert. Das Ergebnis ist jedoch eine nachhaltige und langfristige Verbesserung der Infrastruktur in der Region.

Was denken Sie – in welchen lateinamerikanischen Ländern wird die Luftfahrt den größten Schub erleben?

De Oliveira: Wenn Brasilien um vier bis fünf Prozent wächst, beeinflusst das die Region wie gesagt extrem positiv. Wir glauben, dass die Entwicklung in Brasilien in diesem Jahr sehr positiv sein wird.

Kolumbien, Argentinien, Panama, Peru und Chile sind weitere Länder, die sehr gute Aussichten haben. In Kolumbien hat 2017 ein sehr langer Streik bei Avianca die Bilanz getrübt.

Flughafen Rio Galeão
Flughafen Rio Galeão, © Flughafen Rio Galeão

Wenn es in diesem Jahr keine Zwischenfälle gibt, kann die Luftfahrt um einiges mehr wachsen als im Vorjahr. Das hängt sehr von der Regierungspolitik ab, von den Gebühren, die sie Airlines und Passagieren abverlangt.

Argentinien zeigt sich auf eine sehr positive Weise in der Region, weil die Regierung die Luftfahrt als Motor für die Schaffung von Wohlstand, Vernetzung und Arbeitsplätzen ausgemacht hat.

Dort gibt es nun eine Öffnung der Wirtschaft, die Bereitschaft, neue Airlines zuzulassen und Investitionen in Flughäfen für Günstigairlines. Das prozentuale Wachstum in Argentinien wird vielleicht das aller anderen lateinamerikanischen Länder übertreffen.

Panama ist bezüglich seiner Vernetzung und dem Stand der Entwicklung ein Vorbild in der Region. Das liegt vor allem an den Maßnahmen der Regierung, der starken Präsenz eines unserer Mitglieder, der Copa Airlines, und an dem neuen Terminal, das bis Ende des Jahres fertig werden soll.

In Peru liegt die Krux in der Flughafeninfrastruktur. Wenn das Land dieses Problem löst, wird es ein sehr starkes Wachstum erleben. In Chile schlägt die Entstehung neuer Günstigairlines positiv zu Buche. Wegen ihnen werden einige Passagiere vom Fernbus ins Flugzeug umsteigen.

Stichwort Günstigairlines: Einige Faktoren in Lateinamerika, etwa die weiten Entfernungen, sprechen gegen den Erfolg der Günstigairlines. Denken Sie, dass sie eine Chance haben, erfolgreich auf dem Kontinent zu bestehen?

De Oliveira: Ich denke, dass wir in der Region sehr viel Raum für Wachstum haben. Lateinamerikaner fliegen weit weniger als Europäer oder Nordamerikaner. Sowohl für die traditionellen Airlines als auch für die Günstigairlines ist die Tendenz daher sehr gut.

Dennoch: Der Unterschied im Vergleich zu Europa liegt darin, dass die Spritpreise und Flughafengebühren in Lateinamerika so hoch sind wie sonst nur in wenigen Regionen. Deswegen haben die Günstigairlines beinahe die gleichen Kosten wie die traditionellen Airlines.

Zudem gibt es nicht so viele Alternativflughäfen wie in Europa, welche die Günstigairlines bedienen könnten. Die Günstigairlines treten also zu sehr ähnlichen Bedingungen wie die traditionellen Airlines an und haben nicht den Wettbewerbsvorteil wie in anderen Weltregionen.

Ich denke, dass einige von ihnen sehr erfolgreich sein werden – jedoch eher wegen des Bedarfs der Lateinamerikanischen Passagiere denn wegen ihres Geschäftsmodells.

Sie haben schon angedeutet, dass Sie Argentinien im Zusammenhang mit der Liberalisierung als potenzielle Goldgrube betrachten…

De Oliveira: Ich glaube nicht, dass Argentinien eine Goldgrube sein wird, wohl aber eine Chance, die viele Möglichkeiten bietet. Vor allem, wenn die Regierung die Luftfahrt derart anschiebt. Aus der Perspektive der Luftfahrt hat das Land die letzten zwanzig Jahre verschlafen.

Die neue Regierung hat schon einiges für die Luftfahrt getan. Argentinien ist ein sehr großes Land, der Bedarf an Flugreisen ist groß. Flugreisen werden nun für viele Menschen möglich, die bisher keinen Zugang dazu hatten.

Der Plan der Regierung ist sehr gut, sie investiert in Infrastruktur, in Flughäfen und Alternativflughäfen wie Palomar sowie in die Flugverkehrskontrolle.

Wie müsste die Liberalisierung von statten gehen, damit alle Beteiligten davon profitieren?


De Oliveira: Die Liberalisierung muss Schritt für Schritt umgesetzt werden. Sie darf nicht so radikal sein, dass der Flugverkehr schneller wächst, als die Infrastruktur es verkraftet.

Ich glaube, dass Argentinien es ganz richtig macht, wenn es nach und nach neue Airlines zulässt. Dadurch wächst der Markt nachhaltig. Die Liberalisierung wird für die Zukunft gestärkt und das wird langfristig vielleicht eine noch größere Zunahme des Flugverkehrs zur Folge haben – ohne negative Nebenwirkungen auf die Infrastruktur und die Airlines, die bereits im Land aktiv sind.

Lassen Sie uns zu einem anderen Thema wechseln: die Währungsschwankungen in den Ländern der Region sind nach wie vor beträchtlich. Inwiefern beeinflussen diese Schwankungen das Wachstum der Airlines?

De Oliveira: In Anbetracht der Tatsache, dass ein Großteil unserer Kosten an den US-Dolar gebunden ist, ist das ziemlich kompliziert. Das Leasing und der Flugzeugkauf werden in Dollar abgewickelt, Spritkosten machen nach wie vor über 20 Prozent einer Airline aus – auch sie sind an den Dollar gekoppelt.

Aber die Luftfahrt wird stark von Nachfrage und Angebot bestimmt. Wenn das Angebot steigt, kann es zum Teil die Kursdifferenzen ausgleichen. Allerdings hält eine schwache Währung die Menschen auch davon ab, zu reisen.

Das ist das große Problem: die Kosten, die an den Dollar gekoppelt sind gepaart mit den Einkommen der lateinamerikanischen Bevölkerung, die in der jeweiligen Landeswährung ausgezahlt werden. Nichtsdestotrotz ist es uns immer wieder gelungen, die Preise für Flugtickets günstiger zu machen.

Das haben wir geschafft: wir sind sehr effizient. Die lateinamerikanischen Airlines haben im weltweiten Vergleich eine der modernsten Flotten – immer in dem Bestreben, so effizient wie möglich zu arbeiten und darin führend zu sein.

Deswegen sind sie sehr wettbewerbsfähig und schaffen es, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Schwierigkeiten hatten zuletzt auch einige Airlines in Venezuela. Sehen Sie eine Chance, dass die Airlines ihre Ausstände von dem Land zurückbekommen?

De Oliveira: Das ist sehr kompliziert, wir thematisieren das seit Jahren. Die Airlines haben rund vier Milliarden US-Dollar Ausstände in Venezuela, an die sie nicht herankommen. Das macht es sehr schwierig, in das Land zu fliegen.

Zum einen ist es unmöglich, die Devisen aus dem Land zu holen, zum anderen ist da die wirtschaftliche und soziale Situation. Die Crews mancher unserer Mitglieder, die noch nach Venezuela fliegen, übernachten nicht mehr dort, weil es zu unsicher ist.

Solange es keinen radikalen Wandel in Politik und Wirtschaft gibt, glaube ich nicht, dass die Airlines gestärkt nach Venezuela zurückkehren können.

Möchten Sie während Ihrer Amtszeit als Chef der ALTA mit der venezolanischen Regierung verhandeln?


De Oliveira:
Unabhängig von der politischen und wirtschaftlichen Situation in einem Land sind wir immer offen für Gespräche mit jeder Regierung. Venezuela ist jedoch der Zusammenarbeit mit internationalen Märkten gegenüber sehr verschlossen.

Sobald die Regierung die Bereitschaft zur Öffnung signalisiert, sind wir die ersten, die sie darin unterstützt, wo immer es nötig ist, um ein Wachstum der Luftfahrt und die Vorteile, die das für die Bürger und die Wirtschaft mit sich bringt, zu unterstützen.

Wir haben schon über einige Besonderheiten des lateinamerikanischen Marktes gesprochen. Worin sehen Sie konkret die Risiken für das Wachstum der Luftfahrt auf dem Kontinent?

De Oliveira: Da haben wir leider einige. Der Treibstoff ist in Lateinamerika nach wie vor so teuer wie in kaum einer anderen Region. Wir haben hier einige faktische Monopole, wie etwa das der Petrobrás in Brasilien.

Uns fehlt wie gesagt die Flughafeninfrastruktur. Der schlechteste Flughafen ist der, den es nicht gibt. Diese mangelnde Kapazität vor allem an Flughäfen wie in Lima beeinträchtigt das Wachstum in der Region stark.

Zudem fehlt es einigen Regierungen am Verständnis, dass die Luftfahrt ein Katalysator für das Wirtschaftswachstum eines Landes ist. Jeden Tag müssen wir uns mit neuen Gesetzen oder Gebühren für die Branche auseinandersetzen.

Die Luft hat keine Grenzen, aber in der Luft gibt es nach wie vor Grenzen für die Airlines. In jedem Land gelten andere Regelungen für die Luftfahrt. Sie ist ein internationales Geschäft, für das besondere Regeln gelten sollten.

Oft setzten die Regierungen keine minimalen Sicherheitsstandards durch. Wir arbeiten darauf hin, dass die Regierungen die Zertifizierungen der IOSA, der ISSA und der IATA umsetzen, damit wir die Flugsicherheitsstandards in der Region weiter verbessern.

Zum Abschluss: Wie sieht Ihre persönliche Prognose aus – wo wird die lateinamerikanische Luftfahrt in zehn Jahren stehen?

De Oliveira: Wenn vor allem die Regierungen ihren Part im Bereich der Wirtschaftsregulierung, der Steuern und der Flughafeninfrastruktur erfüllen, ist unsere Prognose äußerst positiv.

Wir glauben, dass der Luftverkehrsmarkt bis 2035 doppelt so groß sein wird wie heute. In zehn Jahren sollten wir siebzig bis achtzig Prozent dieses Weges zurückgelegt haben. Das Potenzial ist da.

Im Durchschnitt reist ein Lateinamerikaner bisher nur 0,5 Mal mit dem Flugzeug. Wenn die Menschen dazu übergehen, das Flugzeug zu wählen, wird das Wachstum enorm sein.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Oliveira.
© aero.de (boa) | Abb.: ALTA | 25.01.2018 13:57


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