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Embraer: Boeing, COMAC oder Soloflug

SAO JOSÉ DOS CAMPOS - Bleischwere Ungewissheit und federleichte Freiheit: Embraer sucht inmitten einer handfesten politischen Krise in Brasilien und einem Handelskonflikt zwischen seinen wichtigsten Partnern eine Strategie für die Zukunft. Welche Möglichkeiten hat der brasilianische Flugzeugbauer?

"Die Verhandlungen laufen und ich bin optimistisch, aber die Kooperation mit Boeing ist nicht lebenswichtig", sagte Embraer-Präsident Paulo Cesar de Souza e Silva am Rande der Übergabe des ersten E190-E2 Jets an Widerøe. "Embraer steht solide da, wir sind eines der wenigen brasilianischen Unternehmen, die investieren."

Eine kaum chiffrierte Botschaft an die Adresse des Boeing-Konzerns. Dennoch sehen viele in der Branche eine engere Verzahnung der beiden langjährigen Partner Embraer und Boeing nach dem Zusammenschluss von Airbus und Bombardier bei der CSeries als logischen Schritt.

Embraer E190-E2
Embraer E190-E2, © Embraer

Für Boeing wäre sie die günstigste und schnellste Variante, in den Markt der 100- bis 150-Sitzer einzusteigen und sich Ingenieurskapazitäten zu sichern. Embraer könnte sich ähnlich wie Bombardier mit Airbus auf die Finanzkraft und das internationale Netzwerk des US-amerikanischen Flugzeuggiganten stützen.

Die beiden Unternehmen kooperieren bereits seit 2012 im militärischen KC-390-Programm, seit 2015 auch in Boeings EcoDemonstrator-Programm und in der Biosprit-Forschung.

Boeing wäre für Embraer zudem der Schlüssel zum US-Markt, auf dem die Brasilianer sich derzeit schwertun. Der größte US-Kunde JetBlue hat sich nach wie vor nicht entschieden, ob er seine Embraer-Maschinen in der Flotte belässt oder gegen Airbus A320neo austauscht.

51 oder 90 Prozent

Dennoch: eine engere Zusammenarbeit ist längst nicht in trockenen Tüchern - darauf deutet nicht nur die jüngste Äußerung Souzas hin. "Nicht um jeden Preis" lautet die Botschaft, die sich vor allem an brasilianische Kritiker des Vorhabens richten dürfte. Und davon gibt es einige.

Boeing ist aggressiv an die Verhandlungen herangegangen. In einer gemeinsamen Tochtergesellschaft wollten die US-Amerikaner mit 90 Prozent den Ton angeben - die Brasilianer wären zu weisungsgebundenen Statisten in ihrem nationalen Flaggschiffunternehmen geworden. Eine Rolle, die dem stolzen südamerikanischen Land missfällt.

Der derzeitige Interimspräsident Michel Temer brachte daraufhin eine Variante Boeing-Embraer 51 zu 49 Prozent ins Spiel.

"Michel Temer führt einen stückweisen Ausverkauf Brasiliens durch", twitterte Ex-Präsidentin Dilma Rousseff zur Antwort. Von den Gewerkschaften erntet sie für ihre Ansicht Zustimmung: die stehen längst in Opposition zu dem angepeilten Deal, weil sie um tausende brasilianische Arbeitsplätze fürchten.

Ebenso besorgt zeigen sich die Zulieferer Embraers. Sie haben Bedenken, bei der Kooperation von amerikanischen Konkurrenten ausgebotet zu werden und gefordert, bereits in den Verhandlungen berücksichtigt zu werden.

Alternativen

Doch welche Möglichkeiten hat Embraer sonst, um sich zukunftssicher im Haifischbecken des internationalen Flugzeugmarkts aufzustellen? Der Hersteller setzt große Hoffnung in seinen "Profit-Hunter". "Embraer wird durch die E2-Generation gestärkt und Zutritt zu neuen Märkten bekommen", sagte Souza.

Doch fest steht auch: durch den Deal zwischen Airbus und Bombardier wird der Wettbewerb im Markt der 100 bis 150-Sitzer um einiges rauer werden. Embraer muss schleunigst neue Märkte erschließen. Entsprechend bemüht sich Souza um Neutralität im Handelskonflikt zwischen den USA und China.

"China ist ein riesiger Markt für Embraer", sagte er. "Wir machen uns keine Sorgen und unterhalten gute Beziehungen zu beiden Ländern. Wir sind ein globales Unternehmen und wollen keinen Handelskrieg sehen."

Die Frage ist jedoch, ob der "Profit-Hunter" auf Dauer ausreicht, damit Embraer Neutralität und Unabhängigkeit wahren kann. Im Moment verbessert der Handelskonflikt zwischen den beiden Wirtschaftsmächten die Position der Brasilianer - er macht sie sowohl für die US-Amerikaner als auch für die Chinesen noch interessanter.

Embraer eVTOL
Embraer eVTOL, © Embraer

Denn auch COMAC könnte Interesse an einer Kooperation haben. Der chinesische Staatskonzern hatte bereits bei Bombardier angeklopft. "Der Markt ist dynamisch, wir müssen alle Möglichkeiten im Auge behalten", antwortete Souza dann auch auf die Frage von Journalisten, ob es Alternativen zu Boeing gebe.

Die Verbündung mit einem der beiden möglichen Partner wäre eine klare Richtungsentscheidung: in der aktuellen internationalen Gemengelage könnte sie im Extremfall je eine Tür öffen und eine andere dafür verschließen.

Eine andere Möglichkeit wäre auch eine Vielzahl von kleineren, programmatischen Allianzen, zum Beispiel, um sich im Bereich Elektroflug zu positionieren. Für sein Projekt "eVTOL" führt Embraer gerade eine Markstudie durch.

Politische Krise in Brasilien

Embraer bemüht sich darum, in diesem Umfeld das Ruder in der Hand zu behalten. Das wird zusätzlich dadurch erschwert, dass momentan nicht einmal klar ist, welche Regierung in Kürze die "Goldene Aktie" des Unternehmens in der Hand halten wird.

Brasilien befindet sich in einer handfesten politischen Krise. Der ehemalige Präsident Lula da Silva ist gerade zu einer zwölfjährigen Haftstrafe wegen Korruption verurteilt worden. Dem jetzigen Interimspräsidenten Michel Temer hängt ebenfalls ein Korruptionsskandal an. Für Oktober sind Wahlen anberaumt.

Manche Beobachter fürchten gar eine Mobilisierung des Militärs. Zwischen all diesen Ereignissen ist Embraer auf der Suche nach dem Norden.
© aero.de (boa) | Abb.: Embraer | 07.04.2018 09:45


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