René Banglesdorf
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Die Einzige ihrer Art

AUSTIN - René Banglesdorf hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen in der Luftfahrt in Führungspositionen zu verhelfen. In unserer aero.de-Serie "Frauen in der Luftfahrt" erzählt die Chefin eines Handelsunternehmens für Businessjets und Vorstandsmitglied der Frauenorganisation IAWA, wie das gehen kann.

aero.de: Frau Banglesdorf, die ICAO-Generalsekretärin Fang Liu spricht von insgesamt um die sieben Prozent Frauenanteil in der weltweiten Luftfahrtindustrie. Was denken Sie: Warum so wenig?

René Banglesdorf: Ich denke, der Grund, warum so wenige Frauen in der Luftfahrt arbeiten, liegt darin, dass es vor allem Männer sind, die sich von Dingen angezogen fühlen, die sich bewegen.

René Banglesdorf
René Banglesdorf, © Privat

Das beginnt schon im Kindergarten und in der Grundschule: beobachtet man, wie die Kinder dort spielen, dann sind es die Jungs, die sich neugierig umdrehen, wenn ein Laster vorbeifährt oder ein Flugzeug über sie hinwegfliegt. Die Mädchen spielen in ihren Spielen eher fürsorgliche Rollen.

Bis es keine gemeinsamen Anstrengung dahingehend gibt, zu sagen "Wir schaffen eine Unternehmens- oder Industriekultur, die zu mehr Beteiligung von Frauen führt", wird sich meiner Ansicht nach nichts am geringen Frauenanteil ändern.

aero.de: Was schlagen Sie vor: wie sollten Frauen dazu ermutigt werden, in die Luftfahrtindustrie einzusteigen?

Banglesdorf: Das gilt für alle Industriezweige, aber besonders für diejenigen, in denen überwiegend Männer arbeiten: indem man eine Rechenschaftspflicht schafft, indem man sicherstellt, dass Anstellungs- und Beförderungsprozesse fair verlaufen, indem man Führungskräfte zu Vorreitern der Vielfalt macht und sie zwingt, aus ihrem kleinen Netzwerk von Leuten, die aussehen wie sie, herauszuschauen und auch andere Kandidaten in Betracht zu ziehen.

Indem man eine inklusive und respektvolle Unternehmenskultur schafft – das gilt für alle Arten der Vielfalt – und indem man den Mitarbeitern die Möglichkeit und Flexibilität bietet, die Arbeit in ihr Leben einzupassen.

Wenn Frauen, junge Leute und andere potenzielle Arbeitnehmer sich die Homepage eines Unternehmens anschauen und dann in der Unternehmensführung nur Fotos von mutigen Männern sehen, können sie sich nicht vorstellen, dass sie in diesem Unternehmen eine Chance haben, aufzusteigen.

Vielfalt im Führungsteam dagegen signalisiert, dass es für jeden Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten gibt. Es geht dabei um eine Vielfalt von Denkweisen und darum, eine Vielfalt von Talenten anzuziehen. Eine Aufgabe beim Thema Ermutigung schließlich fällt komplett den Frauen zu. Sie müssen dazu bereit sein, für andere Frauen eine Vorbildfunktion einzunehmen und als Mentorinnen zu agieren.

aero.de: Das eine ist, Frauen zum Einstieg in die Branche zu bewegen, das andere, sie darin zu halten. Wie könnte das gelingen?

Banglesdorf: Ein wichtiger Punkt besteht denke ich darin, dass Unternehmen das berufliche Weiterkommen von Frauen fördern. Ich denke, es ist wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, zu Konferenzen zu gehen und sich auch jenseits davon fortzubilden.

Eine offene Unternehmenskultur, die Mitarbeiter ermutigt, sich auszutauschen ist sehr wichtig. Eine Umfrage hat vor fünf Jahren aufgezeigt, wie bedeutend es für Frauen ist, eine freundschaftliche Beziehung zu ihren Kollegen zu pflegen.

Ich denke auch, dass das ein wichtiger Punkt ist, den wir berücksichtigen sollten: Ermutigt der Arbeitgeber seine Mitarbeiterinnen dazu, sich zu vernetzen oder sich einmal jährlich zu einer Veranstaltung zu treffen, damit sie sich zusammentun und Vorbilder finden können?

aero.de: Sie sind eine starke Befürworterin dafür, den Frauenanteil in den Unternehmen der Luftfahrtbranche zu erhöhen – was gewinnen die Unternehmen Ihrer Ansicht nach damit?

Banglesdorf: Es gibt eine ganze Reihe von Studien diesbezüglich, die Verschiedenes aufzeigen: zum einen den direkten Zusammenhang zwischen einem höheren Frauenanteil in der Führungsebe und der Profitabilität.

Wenn man das genauer hinterfragt, sieht man, dass Frauen traditionell weniger das Risiko suchen. Frauen bringen eine Balance in den risikobehafteten Teil der Strategie und helfen wahrscheinlich dabei, diese Konzepte etwas genauer auszuarbeiten bevor neue Geschäftsfelder erschlossen werden.

aero.de: Sie selbst haben gemeinsam mit ihrem Mann 2008 Charlie Bravo Aviation gegründet, ein Handelsunternehmen für Privatjets. Worin bestanden seitdem Ihre Herausforderungen als Frau in einer Industrie, in der vor allem Männer arbeiten?

René Banglesdorf: Ich denke, die größte Herausforderung für Frauen in jedem männlich dominierten Industriezweig besteht darin, Vorbilder und Mentoren zu finden. So ging es auch mir.

Und sicher hatte ich auch mit der Herausforderung zu kämpfen, Selbstvertrauen zu gewinnen. Wenn du der einzige Mensch deiner Art im Raum bist, ob du eine Frau bist oder eine andere Hautfarbe hast oder jung bist, wird es schwierig, für dich selbst einzustehen.

Daher denke ich, dass es in dieser Industrie eine Herausforderung ist, Selbstvertrauen zu gewinnen, wenn du dich von dem typischen, mittel-alten weißen Mann unterscheidest, der die Führungsebene prägt.

aero.de: Sie engagieren sich bei der IAWA und fördern Frauen in der Luftfahrt bei vielen anderen Gelegenheiten. Welche Eindrücke teilen die mit Ihnen?

Banglesdorf: Am häufigsten höre ich einen gewissen Frust darüber, dass die Frauen nicht genügend Zeit oder Ressourcen haben, um sie in die nächste Generation weiblicher Führungskräfte zu investieren. Das ist meiner Ansicht nach das, was die Frauen am meisten vereint, mit denen ich über dieses Thema spreche: "Wir wünschten, wir könnten mehr helfen, aber wir sind uns nicht sicher, wie und was am Effektivsten ist."

Und ich denke, Männer in Führungspositionen in diese Gespräche mit einzubeziehen ist vermutlich der beste Beschleuniger für eine Veränderung auf diesem Gebiet.

aero.de: Wie können männliche Führungskräfte dazu ermuntert werden, Frauen zu fördern?

Banglesdorf: Ich denke, Menschen in einflussreichen Führungspositionen lieben Herausforderungen. Wenn wir sie also alle – Männer und Frauen – dazu ermuntern können, sich gegenseitig mit Beschlüssen, Aktionen und Initiativen herauszufordern, könnte das einen Wandel einleiten: Ein Ideenwettkampf. Das wäre toll.

Vielleicht sollte es einen Wettbewerb dazu geben, welches Unternehmen Frauen am Besten fördert. Die Automobilindustrie veröffentlicht alle fünf Jahre eine Liste mit den hundert einflussreichsten Frauen der Branche. Jedes Jahr gibt es dort eine Auszeichnung für den besten Arbeitgeber – wer die gewinnen will, muss X Kriterien erfüllen.

Diese Kriterien könnten doch unter anderen auch diese sein: Was tun Sie, um Frauen in ihrer Branche zu fördern, was tun Sie, um junge Menschen zu werben, was tun Sie, um ihr Unternehmen für alle Angestellten inklusiver zu gestalten?

Wenn wir all diese Dinge messen und darin einen Wettbewerb ausschreiben, werden die Unternehmen anfangen, top-Talente anzuziehen, sie werden sich verbessern, sie werden wachsen und profitabler werden. Ein Wettkampf um gute Beispiele könnte einen interessanten Fortschritt in der Luft- und Raumfahrt anstoßen.

Frau Banglesdorf, vielen Dank für das Gespräch.



- In unserer aero.de-Serie "Frauen in der Luftfahrt" stellen wir Ihnen
einflussreiche und außergewöhnliche Frauen der aktuellen Luftfahrt vor,
liefern Hintergründe zu dem Thema und zeigen aktuelle Entwicklungen auf. -
© aero.de (boa) | Abb.: Privat | 08.03.2019 11:24


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