Angela Gittens
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"Wir können nicht die Hälfte der Bevölkerung ignorieren"

MONTREAL - Angela Gittens ist Chefin des Flughafenverbandes ACI World. Die US-Amerikanerin arbeitet seit 1983 in der Luftfahrt und hat seitdem unter anderem die Flughäfen Atlanta und Miami geleitet. In unserer aero.de-Serie "Frauen in der Luftfahrt" spricht sie über Chancen für Frauen in unserer Branche.

aero.de: Frau Gittens, Sie sind Soziologin – wie sind Sie denn in der Luftfahrt gelandet?

Angela Gittens: Tatsächlich ist Soziologie der beste Hintergrund, den man als Flughafenmanagerin haben kann. In der Soziologie geht es darum, wie sich Einzelne als Mitglieder einer Gruppe verhalten.

Angela Gittens, Chefin des ACI World
Angela Gittens, Chefin des ACI World, © ACI World

An einem Flughafen gibt es viele verschiedene Unternehmen unter einem Dach, die nicht direkt für die Flughafenmanagerin arbeiten. Stattdessen arbeiten die Leute für verschiedene voneinander unabhängige Unternehmen und Organisationen, für Regierungsbehörden, für Airlines, Dienstleister – ein großer Flughafen hat sicher 140 verschiedene Arbeitgeber.

Als Flughafenmanagerin musst du all deren Ziele und Geschäftsmodelle verstehen und dafür Sorge tragen, dass das alles funktioniert. Denn das beeinflusst unmittelbar den Erfolg des Flughafenbetreibers und der anderen Unternehmen.

aero.de: Bleiben wir noch kurz bei Ihrem professionellen Hintergrund – was glauben Sie als Soziologin: warum arbeiten so wenige Frauen in der Luftfahrt?

Gittens: Ich denke, das hängt mit den Ursprüngen der Luftfahrt zusammen, die hauptsächlich im militärischen Bereich liegen. Bis vor 20/30 Jahren dienten Flughäfen hauptsächlich dem Zweck, Flugzeugen die Infrastruktur für Starts und Landungen zu bieten und Passagiere abzufertigen – sie waren ein eigenständiges Unternehmen.

Das Personal kam vom Militär, die Piloten kamen größtenteils vom Militär – und das war traditionell männlich dominiert. Frauen zogen die Luftfahrt nicht sonderlich für sich in Betracht, weil sie ein männlich dominiertes Gebiet war.

Heute sind Flughäfen dagegen wie eine Stadt. Auf einem Flughafen findet man Berufe und Chancen, die man auch in einer mittelgroßen Stadt findet.

aero.de: In welchen Flughafen-Jobs sind Frauen insbesondere zu finden?

Gittens: Sie finden sich in vielen der Bereiche, aber tendenziell eher in der Verwaltung, im Marketing, der Kommunikation und sicherlich im Service-Bereich. Weniger im operativen Bereich, aber das ändert sich.

Einige Frauen arbeiten in Regierungsbehörden. Das hängt vom Land ab und davon, welches Profil die Behörde dort hat – das spiegelt sich am Flughafen wider.

aero.de: Sie sprechen von Unterschieden zwischen den Ländern – welche Unterschiede bemerken Sie bezüglich der Repräsentation von Frauen auf Flughäfen in den unterschiedlichen Weltregionen?

Gittens: Aus der Perspektive des Flughafenmanagements ändert sich das gerade – es spiegelt nicht notwendigerweise den Zustand und die Entwicklung bei Airlines oder Regierungsbehörden wider.

Auf Flughäfen sehen wir den größten Frauenanteil in höheren Positionen in Nordamerika. Weniger in Lateinamerika und Europa. In Asien sind manche Länder diesbezüglich besser aufgestellt, andere schlechter.

In Afrika ist der Anteil von Frauen in verschiedenen Karrierestufen und zahlreichen Jobs am Flughafen ziemlich hoch. Dort sieht man Frauen im operativen Bereich ebenso wie im Marketing oder der Verwaltung.

aero.de: Sie selbst arbeiten seit 1983 in der Luftfahrt und haben sich seitdem eine beachtliche Karriere erarbeitet. Worin bestanden Ihre Herausforderungen als Frau in dieser größtenteils männlich dominierten Branche?

Gittens: In den USA werden die meisten Flughäfen von den lokalen Lokalregierungen betrieben. Dort gibt es tendenziell weniger Hindernisse, Lokalregierungen sind in der Regel offener für Vielfalt. Sie achten weniger auf die Geschlechterzugehörigkeit als es andere vielleicht tun.

Daher war es für mich als Frau in den USA vielleicht ein bisschen einfacher, als es vielleicht für Frauen in manchen anderen Ländern ist.

aero.de: Heute sind Sie Chefin der weltweit größten privaten Flughafenorganisation – mit welchen Herausforderungen sind Sie hier als Frau konfrontiert?

Gittens: Tatsächlich habe ich mit keinen besonderen Herausforderungen zu kämpfen, weil ich eine Frau bin. Ein Flughafen ist ein tendenziell sehr offenes Arbeitsumfeld, weil dort Menschen aus aller Welt und aus den unterschiedlichsten Bedingungen zusammenkommen.

Sie machen sich weniger Gedanken über die Geschlechterzugehörigkeit als es vielleicht andere Industriezweige tun. Die Flughafenvertreter, mit denen ich zusammenkomme, respektieren meine Erfahrung und das, was ich mitbringe – ich habe wirklich keine Vorbehalte im Umgang mit mir bemerkt.

aero.de: Sie haben schon erwähnt, dass sich einiges geändert hat, seit Sie in der Luftfahrt arbeiten. Würden Sie ein bisschen ins Detail gehen?

Gittens: Ja. Ich denke, Flughäfen sind ein Geschäft geworden und nicht mehr die Ausweitung der Militärpräsenz eines Landes. Flughäfen haben Zivilisten angezogen und nach ihnen gesucht.

Sie suchen nach Mitarbeitern aus der Zivilgesellschaft und dort gibt es mehr Frauen und Arbeitsgebiete, auf die sie sich als Regierungs- oder Militärunternehmen nicht konzentriert hatten.

Es gibt Anwälte, Marketing-Leute, Kommunikations-Profis, verschiedene Verwaltungangestellte. Flughafenmanagerinnen mussten nach einer immer größeren Bandbreite von Profis suchen, um aus ihren Flughäfen erfolgreiche Unternehmen zu machen. Flughäfen sind nicht mehr nur Flugplätze, sie sind Unternehmen.

aero.de: Werfen wir einen Blick auf die Luftfahrt insgesamt: denken Sie, dort sollten mehr Frauen arbeiten?

Gittens: Ja klar! Der Passagierverkehr soll sich laut Prognosen in den nächsten 15 bis 20 Jahren verdoppeln. Bei dem Versuch, diesem Bedarf gerecht zu werden, können wir nicht die Hälfte der Bevölkerung ignorieren – das wird nicht funktionieren.

Es gibt nicht genug qualifizierte Leute, die wir akquirieren und halten können. Das Geschäft ist gewachsen, die Leute, die dieses Geschäft quasi geschaffen haben, sind schon in Rente oder ziehen sich in den nächsten zehn Jahren zurück. Also: wer soll die ganzen Flughäfen betreiben? (lacht) So einfach ist das.

aero.de: Das klingt ein bisschen so, als wären Frauen eine Notlösung. Gibt es Ihrer Meinung nach Eigenschaften, die besonders Frauen einbringen können?

Gittens: Naja, ich finde es immer schwierig zu sagen, etwas gilt besonders für einen Mann oder eine Frau, weil diese Rollen im Lauf der Jahre herausgearbeitet wurden.

Ich denke, dass Frauen im Allgemeinen tendenziell besser im Multitasking sind von gesellschaftlich sehr komplexen Situationen weniger leicht stressen lassen. Sie können diese Art von Komplexität besser akzeptieren als Männer.

Das sind allerdings Stereotype – sie gelten nicht für jeden Mann und jede Frau. Aber einfach ganz allgemein tendieren Frauen dazu, besser mit Ungewissheit umzugehen, sagen wir es so.

aero.de: Wie könnten Frauen für die Luftfahrt gewonnen werden?

Gittens: Flughäfen, Flugzeugbauer und Airlines haben unterschiedliche Bedürfnisse. Aber ich denke, der Schlüssel liegt für uns alle darin, frühzeitig Interesse zu wecken.

Wir müssen Mädchen in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) kriegen. Um das zu schaffen, müssen wir uns sehr früh um sie bemühen. Kleine Mädchen werden tendenziell von Naturwissenschaften, Technik und Mathe ferngehalten.

Studien zeigen, dass sie sich als kleine Kinder dafür interessieren, dann aber mit den Jahren das Interesse verlieren und in andere Bereiche gehen. Wir müssen uns anstrengen, auf Mädchen abzuzielen und ihr Interesse und ihre Motivation zu bewahren.

Dafür müssen wir sicherstellen, dass genug Mädchen in diesen Bereichen zusammenfinden. Ein Mädchen wird es nicht mögen, nur von Jungs umgeben zu sein, die sich wie Jungs benehmen. Mädchen wollen sich wie Mädchen benehmen, nicht wie kleinere Männer.

aero.de: Was würden Sie Frauen sagen, die gerne in der Luftfahrt im Allgemeinen und am Flughafen im Besonderen arbeiten möchten?

Gittens: Ich sage Ihnen, dass es eine Menge Möglichkeiten gibt – dies ist ein Bereich, der überdurchschnittlich wächst. Flughäfen, Airlines, Hersteller, Regierungsbehörden – alle Elemente eines Flughafens werden wachsen, weil die Nachfrage wächst. Und Sie können aus vielen unterschiedlichen Bereichen kommen. Anwältinnen, Soziologinnen, Englischlehrerinnen, Marketing-Expertin - denken Sie nicht, Sie könnten nur kommen, wenn Sie ein Flugzeug geflogen haben.

Wir brauchen Ingenieurinnen, Wartungspersonal, wir haben Computersysteme am Flughafen, wir haben mechanische Systeme, elektronische Systeme. Sie könnten aus beinahe jedem Bereich kommen und Karriere am Flughafen machen.

Frau Gittens, wir danken Ihnen für das Gespräch.



This Interview is also available in English


- In unserer aero.de-Serie "Frauen in der Luftfahrt" stellen wir Ihnen
einflussreiche und außergewöhnliche Frauen der aktuellen Luftfahrt vor,
liefern Hintergründe zu dem Thema und zeigen aktuelle Entwicklungen auf. -
© aero.de (boa) | Abb.: ACI World | 06.04.2019 09:11


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