Pieter Elbers
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KLM: Stolz und pragmatisch in die Zukunft

HAARLEMMERMEER - KLM wird am 7. Oktober 100 Jahre alt. CEO Pieter Elbers steht seit 2014 an der Spitze der Airline. Im aero.de-Exklusivinterview äußert er sich zu Vergangenheit und Zukunft der niederländischen Airline, zu ambitionierten Investitionen und darüber, wie wichtig ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern ist. 

aero.de: Wie hat KLM es geschafft, hundert Jahre alt zu werden und dabei so lange wie keine andere Airline der Welt unter dem gleichen Namen zu fliegen?

Pieter Elbers: Die Niederlande sind ein kleines Land, deshalb müssen wir immer die Welt erkunden und über unsere eigenen Grenzen hinausschauen, das ist in der holländischen Kultur tief verankert.

Pieter Elbers, CEO KLM
Pieter Elbers, CEO KLM, © aero.de


Die Leute hier arbeiten gern mit anderen Kulturen zusammen, es gibt ein starkes Bedürfnis, sich mit anderen zu verbinden. Es gibt drei Hauptgründe dafür, dass KLM weiterhin floriert: Großartige Mitarbeiter, die Pionierarbeit leisten, innovativ sind und guten Service bieten.

Dazu eine sehr loyale Kundenbasis, und die Tatsache, dass die Verbindung zwischen Mitarbeitern und Kunden sehr gut funktioniert. Es ist soviel Stolz in dieser Firma und soviel Energie.

Wir sind hinter der Einzelhandelskette Ahold Delhaize der zweitgrößte private Arbeitgeber unseres Landes mit über 35.000 Angestellten. Und bei KLM spricht man schon lange davon, ein "blaues Herz" oder "blaues Blut" zu haben.

aero.de: Hundert Jahre sind eine lange Zeit, was ragt für Sie heraus aus der KLM-Geschichte?

Elbers: Wie wir unser Netzwerk und unsere Partnerschaften aufgebaut haben ist wirklich einmalig. Wir waren die ersten, die verschiedene Langstrecken aufgelegt haben mit drei oder vier Stopps, und wir waren Pioniere darin, das 1992 zwischen den Niederlanden und den USA geschlossene Open Sky-Abkommen für uns zu nutzen.

100 Jahre KLM
100 Jahre KLM, © KLM


KLM war die erste europäische Airline, die ein Joint Venture mit einer US-Gesellschaft eingegangen ist, in unserem Fall mit Northwest Airlines. Was aus der Geschichte der KLM herausragt ist, wie wir Gelegenheiten ergreifen und sie in Wettbewerbsvorteile verwandeln. Das müssen wir auch tun, denn wir werden nie die Größten oder Reichsten sein. Deshalb gilt es, Gelegenheiten zu nutzen.

aero.de: Wie nutzen Sie das Hundertjährige bei KLM zur Stärkung Ihrer Marke?

Elbers: "KLM 100" ist ein großartiger Anlass für die interne Mobilisierung und es befeuert den Stolz und Enthusiasmus der Leute, die für KLM arbeiten. Bei einer Marke geht es um Emotionen und in der Luftfahrt ist auch alles Emotion, daher stärkt das Hundertjährige unsere Markenidentität.

Wir sind stolz auf unsere Geschichte aber gleichzeitig pragmatisch, geschäftsorientiert und vorausschauend. Seit ich den Posten als CEO 2014 übernommen habe war es meine Mission, KLM gesund und fit und zum Hundertjährigen wieder zu einer florierenden Airline zu machen.

Wir haben uns vor ein paar Jahren zu einem sehr ambitionierten Investitionsprogramm entschlossen, statt vorher etwa 400 Millionen Euro pro Jahr investieren wir nun 1,3 Milliarden Euro jedes Jahr.

Es ist wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern zeigen, in was wir investieren, warum wir um Zugeständnisse bei Produktivität und Tarifverträgen gebeten haben. Ich stecke einige Anstrengung hinein, Mitarbeitern und Kunden zu zeigen, was wir machen.

aero.de: Ihr erklärtes Ziel ist es, "kundenorientiert" zu sein. Das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, war das KLM zuvor nicht?

Elbers: Nach der Finanzkrise 2008 gab es einen starken Fokus auf Kostenreduzierung und höhere Effizienz. Durch Konzentration auf die Kosten, die zu der Zeit völlig richtig war, haben wir einige Entscheidungen getroffen, die dem Produkterlebnis unserer Kunden nicht genützt hat. So hatten nicht alle unsere Flugzeuge Fullflat-Bettsitze, das ist jetzt aber der Fall.

aero.de: Trotz aller Feierlichkeiten stecken Sie in internen Machtkämpfen mit dem Konzernchef von Air France-KLM, Ben Smith. Sollten Sie sich mehr politisch engagieren, wie es in Frankreich üblich ist?

Elbers: Politik ist für Politiker und ich habe KLM zu führen. Mein Fokus liegt auf dieser Arbeit und dem Geschäftlichen, vielleicht weniger auf Politik. Natürlich gibt es in einer Firma wie Air France-KLM einen Anteil an Politik und natürlich muss ich mich da positionieren, aber ich verbringe nicht allzu viel Zeit mit dem politischen Teil. Ich tue hier bei KLM mein Bestes, ich glaube, wir tun das Richtige und liefern Ergebnisse - das ist unser Ausgangspunkt.

aero.de: Aber im Februar hat sich plötzlich die niederländische Regierung eingemischt und quasi über Nacht 14% der Anteile an Air France-KLM erworben, auch um Ihren Verbleib als CEO zu sichern. Warum dieser Paradigmenwandel, wo doch die Niederländer üblicherweise freie Märkte unterstützen?

Elbers: Freie Märkte schließen Regierungsbeteiligungen nicht aus. Die niederländische Regierung hat ihre Entscheidung getroffen, weil sie die Bedeutung des Flughafens Amsterdam-Schiphol für die holländische Wirtschaft und seinen Anteil am Bruttosozialprodukt des Landes im Sinn hatte.

100 Jahre KLM
100 Jahre KLM, © aero.de


KLM allein ist ein Unternehmen mit einem Umsatz von elf Milliarden Euro und der gesamte Effekt der Luftfahrt auf die niederländische Wirtschaft inklusive induzierter Effekte liegt bei 35 bis 40 Milliarden Euro im Jahr.

Die Bedeutung dieses Segments ist also enorm. Mit dieser Philosophie hat die Regierung entschieden, Anteile zu erwerben, nach einer tatsächlich ganz schön unruhigen Zeit. Und der Zeitpunkt, zu dem sie das tat, war kein Zufall.

aero.de: Spiegeln die internen Probleme von Air France-KLM die gegenwärtigen allgemeinen Probleme in der Europäischen Union wider?

Elbers: Die Tatsache, dass wir alle diese unterschiedlichen Kulturen in Europa haben halte ich für eine große Stärke Europas. Natürlich ist die europäische Konsolidierung im Luftverkehr komplizierter, als sie es in den USA war.

Es gibt kein Patentrezept für die europäische Konsolidierung, wir müssen das selbst herausfinden. Air France-KLM war es, die 2004 der europäischen Konsolidierung eine Art Kickstart gab, wir hatten unsere Erfolge und ja, wir hatten auch unsere internen Herausforderungen.

aero.de: Glauben Sie, dass ihre kürzlich gestartete Kampagne "Fly Responsibly" das derzeit oft schlechte Image der Luftfahrt verbessern kann?

Elbers: Das aktuelle Image der Luftfahrt ist beinahe ein Widerspruch in sich. Einerseits war 2018 bei den Passagierzahlen hier in den Niederlanden ein Rekordjahr, die Leute wollen weiterhin fliegen und tun es auch.

Und trotzdem gibt es auch große Aufmerksamkeit für die Umweltaspekte des Fliegens. Das ist widersprüchlich – jeder will fliegen, aber die Akzeptanz des Fliegens in der Gesellschaft nimmt ab.

aero.de: Was ist das Hauptziel Ihrer Kampagne?

Elbers: Wir wollen, dass die Leute über ihr Flugverhalten nachdenken, und wenn sie fliegen eine Fluggesellschaft wählen, die ihren Fokus auf Nachhaltigkeit legt.

Und sie sollten an eine Kompensation ihres CO2-Ausstoßes denken. Viele Unternehmen haben uns nach dem Start der Kampagne angesprochen und wollen mit uns arbeiten.

Wir sehen bereits einen graduellen Anstieg der CO2-Kompensationen durch Passagiere, auch Airlines ohne eigenes Programm wollen dabei mit uns kooperieren. Ich habe Äußerungen von Carsten Spohr und auch von IAG gehört, die in die gleiche Richtung dessen gehen, was wir tun.

100 Jahre KLM
100 Jahre KLM, © KLM


Wir haben überhaupt viele positive Reaktionen bekommen. Nachhaltigkeit ist wie Sicherheit kein Gebiet, auf dem wir konkurrieren. Da reichen wir uns die Hände und gehen mit vereinten Kräften vor.

Ich begrüße die Vorstöße von Lufthansa und IAG, je mehr Initiativen es gibt desto besser. Wenn wir einen besseren Weg finden durch Biosprit oder synthetische Treibstoffe den CO2-Ausstoß zu senken bin ich gern dabei.

aero.de: Wo sehen Sie KLM in zehn Jahren?

Elbers: In zehn Jahren werden wir die nächsten Schritte unserer Flottenerneuerung gemacht haben und auch die nächsten Schritte in der Digitalisierung unseres Kundenerlebnisses, wir werden mit mehr künstlicher Intelligenz arbeiten um so unseren Service zu personalisieren.

Die Kombination, mit solchen Technologien besseren Service zu liefern und gleichzeitig hervorragende menschliche Interaktion zu pflegen ist meiner Ansicht nach sehr wichtig. Die Art, wie die Mitarbeiter hier den Kunden helfen, die wird es auch in zehn Jahren noch geben.
© aero.de | Abb.: KLM, aero.de | 05.10.2019 08:30

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Beitrag vom 05.10.2019 - 13:03 Uhr
Tolle Airline. Immer schön meine bevorzugte Fluglinie mit tollem Service und freundlichen, entspannten Mitarbeitern. Gratulation zum 100er und weiter so.
Beitrag vom 05.10.2019 - 12:37 Uhr
Das ist zu beneiden denn solche Manager gibts heute kaum mehr ,man sieht ja täglich wie beliebt diese auch bei
den paar aufgeblasenen so sind :-))


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