"Rocket Science ist entzaubert"
Älter als 7 Tage

Europäische Firmen fordern SpaceX heraus

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SpaceX gelingt Raketenlandung auf schwimmender Plattform, © SpaceX

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BREMEN - Auf Billigsatelliten folgen Billigraketen. Der Trend zu massenhaft produzierten künstlichen Himmelskörpern - manche nicht größer als ein Schuhkarton - heizt auch die Nachfrage nach Raketen an, um diese in den Orbit zu bringen. Europa ist dabei ins Hintertreffen geraten, holt aber auf.

17 Jahre nachdem Elon Musk mit SpaceX begonnen hat, die Raumfahrtbranche aufzumischen, treten nun auch europäische Firmen an, um am Launcher-Geschäft teilzuhaben.

Diesen Sommer legte der Satellitenhersteller OHB Pläne für eine eigene Trägerrakete vor. Das Bremer Familienunternehmen hat seit den 80er Jahren Hunderte Satelliten für die Bundeswehr, das europäische Navigationssystem Galileo und wissenschaftliche Institutionen gefertigt. Doch nun sieht Vorstandschef Marco Fuchs die Chance, sich als Komplettanbieter zu etablieren, der die selbstgebauten Satelliten auch in den Orbit bringt.

Für das börsennotierte Unternehmen, an dem seine Familie rund 70 Prozent hält, seien Raketen von strategischer Bedeutung, sagte Fuchs im Interview in der Konzernzentrale in Bremen.

Denn "ohne Raketen kann man mit Satelliten nichts anfangen", erklärt der 57-Jährige. Die Betreiber von Kleinsatelliten sind oft den Start-Dienstleistern ausgeliefert, die sie auf eine Art orbitale Standby-Liste setzen, wo sie häufig mit größeren und lukrativeren Frachten konkurrieren.

Seit 1957 mit dem Sputnik der erste menschengemachte Satellit die Erdumlaufbahn erreichte, ist es dort immer enger geworden. Rund 2.000 aktive Satelliten umkreisen heute die Erde, Weltraumschrott nicht mitgerechnet, und die Zahl nimmt rapide zu.

Letztes Jahr wurden etwa 450 Objekte ins Weltall geschossen, zehn Mal so viele wie zehn Jahre zuvor, zeigt das Register des Büros der Vereinten Nationen für Weltraumfragen. Alleine SpaceX will für ihre Idee eines weltraumgestützten Internetzugangs in den nächsten Jahren bis zu 12.000 Satelliten in die Umlaufbahn bringen. Weitere große Satellitenkonstellationen sind in Planung.

Das verleiht auch der Raketenindustrie Schub. Zwar setzten Satellitenhersteller 2018 mit knapp 20 Milliaden Dollar drei mal so viel um wie die Launcher-Branche, wie der Satellitenverband SIA ermittelte, dafür wächst letztere schneller - mit einer Rate von 34 Prozent im vergangenen Jahr.

Kleiner und billiger

Die eigene Rakete entwickelt OHB mit mittlerweile rund 50 Mitarbeitern in einer speziellen "Rocket Factory” in Augsburg. Dort ist auch die Konzerntochter MT Aerospace zu Hause, die mit der Fertigung von Teilen für die europäische Trägerrakete Ariane bereits Raketenerfahrung hat.

Anders als diese richtet sich der "Mini-Launcher" von OHB, der 2021 seinen Jungfernflug absolvieren soll, an den Bedürfnissen von Betreibern von Klein- und Kleinstsatelliten aus, die derzeit oft lange warten müssen, bevor sie zu verhältnismäßig hohen Kosten als Beiladung in den Großraketen von ArianeSpace oder SpaceX mitfliegen dürfen.

Die OHB-Rakete soll einen oder mehrere Satelliten mit einem Gesamtgewicht von bis zu 200 Kilo transportieren können - bei einem "konsequenten Low-Cost-Ansatz", so das Unternehmen.

Kunden Satelliten und Starts aus einer Hand anzubieten sei ein grundsätzlich sinnvoller Ansatz, zumal das Geschäft mit der Ariane für OHB in den nächsten Jahren weniger lukrativ werden könnte, meint Adrian Pehl, Analyst bei der Commerzbank. "Ob sich aber die Entwicklung des Mini-Launchers am Ende lohnt, wird davon abhängen, welche Stückzahl man herstellt. Und die steht derzeit in den Sternen."

Konkurrenz belebt das Geschäft, meint Robert Schmucker, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München. "Wer kostengünstig produziert, wird bleiben, und die alten Kolosse werden verschwinden." Vorteile sieht er bei agileren Unternehmen, die "einfach statt kompliziert konstruieren, die Versuchstätigkeit optimieren, schneller produzieren".

Das ist der Ansatz von ISAR Aerospace aus München, die ebenfalls 2021 eine flugfähige Rakete am Start haben will. "Mit unserer Rakete zielen wir auf das Geschäft mit großen Konstellationen", sagt der 27-jährige ISAR-Chef Daniel Metzler. "Da wird es mehr noch als bisher darauf ankommen, die Satelliten kostengünstig in den Orbit zu bringen." Die bisherigen Platzhirsche nennt der Österreicher "zu langsam". ISAR könne die Triebwerksproduktion "von vielen Monaten auf einige Wochen reduzieren", verspricht er.

Nicht wenige aus der Branche trauen ihm das zu. Airbus, Universitäten und Hersteller von Kleinsatelliten haben bereits Absichtserklärungen mit dem Münchener Startup unterzeichnet. Der Raumfahrtingenieur Bülent Altan, der bei SpaceX an der Entwickung der Falcon 1 beteiligt war, zählt zu den Investoren, Robert Schmucker sitzt im Beratergremium.

Startplatz Europa

Und weitere europäische Konkurrenz steht bereits auf der Startrampe. Der staatliche Schweizer Rüstungskonzern RUAG will übernächstes Jahr sein Raumfahrtgeschäft abspalten und an die Börse bringen. Bis dahin soll die Sparte an "Kampfgewicht” zulegen und zukaufen, vor allem in den USA, sagte RUAG-Verwaltungsratspräsident Remo Lütolf im März der Neuen Zürcher Zeitung.

RUAG bietet unter anderem sogenannte Payload Adapter und Separation Systems an, die Satelliten während des Flugs in der Rakete festhalten und sie freilassen, wenn sie ihren Orbit erreicht haben. Im Mai gab RUAG bekannt, dass sie ihr Geschäft mit Isolierungen für Satelliten auch auf Raketen ausweitet und Hitzeschilde für die Ariane 6 liefert.

"Das macht RUAG zu einem ernsthaften Konkurrenten für OHB, weil sich die Zielmärkte der beiden Firmen stark überlappen", sagt Zafer Rüzgar, Analyst bei Pareto Securities. "Als Industriekonglomerat wird RUAG zurzeit nicht als Raumfahrtunternehmen wahrgenommen, aber das dürfte sich mit dem geplanten Umbau schnell ändern."

Zwei Jahre vor ihren geplanten Jungfernflügen fassen sowohl OHB als auch ISAR Abschussbasen in Europa ins Auge. Neben den Azoren haben sich bislang Schottland, Schweden und Norwegen als mögliche Startplätze angeboten. Die Idee eines deutschen Weltraumbahnhofs, die der Bundesverband der Deutschen Industrie im Oktober aufgebracht und die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier dankbar aufgegriffen hatte, sei "sehr interessant", erklärte OHB-Chef Fuchs.

Doch egal wo die Rakete letzten Endes abhebt, Fuchs ist optimistisch, dass seine Firma eine Rolle im neuen Weltraumwettlauf spielen wird. "Früher dachte man, das ist Rocket Science, das kann nur die NASA. Aber die Rocket Science ist entzaubert."
© aero.de, Bloomberg News | Abb.: SpaceX | 18.11.2019 09:50

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Beitrag vom 18.11.2019 - 13:01 Uhr
Die Idee eines deutschen Weltraumbahnhofs, die der Bundesverband der Deutschen Industrie im Oktober aufgebracht und die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier dankbar aufgegriffen hatte, sei "sehr interessant", erklärte OHB-Chef Fuchs.

Das hat er jetzt sehr höflich formuliert...
Oder wie die Amerikaner in solchen Fällen zu sagen pflegen "thanks for your input" :-)

Raketen made in Germany: Gerne jederzeit.
Aber für Startplätze fehlt uns in DE einfach die unbesiedelte Landschaft oder das Gewässer östlich des Startplatzes, auf die eine ausgebrannte erste Stufe oder im Fehlerfall auch die anderen Stufen und die Nutzlast abstürzen können ohne mehr als ein paar Fische oder Rentiere zu erschrecken...

Dieser Beitrag wurde am 18.11.2019 13:02 Uhr bearbeitet.


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