Arbeitsmarktforscher Claus Schnabel
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"Es macht keinen Sinn, die Gegenseite zu bekämpfen"

Professor Claus Schnabel Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg
Professor Claus Schnabel Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg, © FAU, Lufthansa, Ufo, verdi, VC Cockpit, aero.de (Montage)

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NÜRNBERG - Ist es klug, wenn Lufthansa einen Konfrontationskurs gegen Gewerkschaften fährt? Claus Schnabel, Lehrstuhlinhaber an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit den Forschungsschwerpunkten Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Tarifpolitik antwortet auf Fragen von aero.de.

Die Lufthansa-Strategie liest sich wie ein modernes Lehrstück der Wirtschaftswissenschaften - da geht es um LEAN-Management, Intuition, Individualisierung, Digitalisierung und Flexibilität. Hört man Ufo-Funktionären zu, geht es um Sicherheit, Streiks und Gesprächstermine. 

Sprechen Lufthansa-Manager und Ufo-Funktionäre überhaupt die gleiche Sprache?

Prof. Claus Schnabel: Das ist schwer zu sagen. Da müsste man mal in die Verhandlungen hineinhören, um einschätzen zu können, ob sie wirklich miteinander oder eher aneinander vorbeireden. In der Öffentlichkeit reden die beiden Seiten tatsächlich häufig aneinander vorbei oder wollen offenbar gar nicht so richtig miteinander reden. 

Im bisherigen Verlauf des Tarifkonfliktes hat Lufthansa hat ja weniger versucht, über inhaltliche Themen zu reden, sondern eher formaljuristische Tricks angewandt in dem Versuch, die Gewerkschaft auszuhebeln. Das ist erfahrungsgemäß keine besonders gute Strategie, die hat schon bei der Bahn nicht funktioniert. 

Eigentlich sollte Lufthansa vor dem Hintergrund, dass man nun mal mehrere Gewerkschaften an Bord hat, schon eine klare Strategie haben, wie man mit den Arbeitsbeziehungen und den einzelnen Gewerkschaften umgeht. 

Sonst kommt man da, glaube ich, nicht allzu weit. Derzeit sehe ich nicht, dass die Lufthansa klar weiß, was sie will und wie sie es erreichen möchte.

Personalchefin Bettina Volkens musste Insidern zufolge unter anderem wegen ihrer Kompromissbereitschaft gegenüber der Ufo gehen. Deutet das auf eine Strategie des Konzerns gegenüber den Gewerkschaften hin?

Schnabel: Wenn das eine neue Strategie sein sollte, was von außen schwer einzuschätzen ist, dann würde sich die Lufthansa von etwas distanzieren, das sie jahrzehntelang mehr oder weniger erfolgreich gepflegt hat. 

Das Seltsame ist ja, dass inzwischen sogar Ryanair mit Gewerkschaften redet – und die mögen wirklich keine! (lacht) Die Lufthansa ist mit unterschiedlichen Gewerkschaften – für Piloten, Kabinen- und Bodenpersonal – ohnehin in einer schwierigen Situation. 

Mit den Piloten kann sie gesondert verhandeln, aber bei den anderen gibt es Überlappungen – da muss man gemeinsam oder parallel verhandeln. Das ist schon eine Herausforderung. 

Sich gegeneinander ausspielen lassen sich die Gewerkschaften wohl nicht, dazu sind sie auch einzeln zu stark. Sie können sehr viel blockieren und Lufthansa massive Schäden zufügen. Da braucht man als Unternehmen eine klare Strategie, wie man mit Gewerkschaften umgeht. 

Die Stichworte "Nachhaltigkeit" und "gesellschaftliche Verantwortung" spielen in der neuen Lufthansa-Strategie und in ihrem Marketing eine prominente Rolle. Ist das vereinbar mit der zuletzt gefahrenen Strategie gegenüber der Ufo, die ja auch ein gesellschaftliches Repräsentationsorgan darstellt?

Schnabel: Zur Nachhaltigkeit gehört im weitesten Sinne auch eine Nachhaltigkeit der Arbeitsbeziehungen. Die Erfahrung zeigt, dass sich das langfristig auszahlt. Natürlich ist es so, dass mal die eine und mal die andere Seite in Tarifrunden besser abschneidet. 

Aber man sieht sich jedes oder jedes zweite Jahr wieder. Deswegen macht es keinen Sinn, auf Teufel komm raus den kurzfristigen Sieg einzuholen und die Gegenseite bis zur Auslöschung zu bekämpfen. 

Denn die Vernichtung der Gegenseite ist nach deutschem Arbeitskampfrecht ohnehin verboten, und man trifft die andere Seite eben doch wieder und muss auf lange Sicht Kompromisse finden. 

Ebenso muss man langfristig Wege finden, wie man dem Wandel im internationalen Wettbewerb und den strukturellen Verschiebungen im internationalen Luftverkehr begegnen kann. Das geht wahrscheinlich gemeinsam einfacher als in einer starken Konfrontation mit den Gewerkschaften. 

Andererseits muss Lufthansa aufpassen, dass die Gewerkschaften ihr nicht zu sehr auf der Nase herumtanzen - wie gesagt, sie hat drei an Bord und das ist schwieriger als üblich. 

Wir kennen natürlich auch Beispiel wie etwa Alitalia, wo übermächtige Gewerkschaften mehr oder weniger die ganze Airline ruinieren können, wenn sie permanent streiken oder Dinge durchsetzen, die einfach einen rentablen Betrieb nicht mehr ermöglichen. 

Aber deswegen braucht man eben eine langfristige Strategie und das Signal, dass man an mehr oder weniger kooperativen Arbeitsbeziehungen interessiert ist. Es kann ja durchaus ein Vorteil für etablierte Carrier wie Lufthansa sein, dass sie im Gegensatz zu Ryanair eine ganz andere Human Ressources-Strategie haben, die sie für potenzielle Mitarbeiter attraktiv machen.

Wäre die Gewerkschaft ein passender Ansprechpartner, um die Mitarbeiter bei dem tiefgreifenden Wandlungsprozess, den Lufthansa gerade durchläuft, mit an Bord zu holen?

Schnabel: Es gibt in der Industrie und im Servicesektor durchaus Unternehmen, in denen die Führungsriege es ohne Gewerkschaften und Mitbestimmung versucht. Das heißt, sie richtet so etwas wie Runde Tische oder Belegschaftssprecher ein – irgendeine Repräsentanz der Arbeitnehmerseite, die aber vom Management initiiert wird. 

Statt mit Gewerkschaften und Betriebsräten, die sehr starke formelle Rechte haben, versucht man es auf diesem anderen, informellen Weg. Dort macht man die Zusammenarbeit mehr an einzelnen Problemen fest. Das hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren allerdings nicht so durchgesetzt, wie es manche erwartet haben. 

In den meisten größeren Unternehmen in Deutschland ist es nach wie vor die bevorzugte Strategie, dass man wichtige Themen und offene Fragen über den Betriebsrat oder Tarifverträge regelt. 

Auch bei der Lufthansa kann ich mir nicht vorstellen, dass man den Wandel ganz ohne Tarifvertrag und Mitbestimmung hinkriegt. Dazu sind die Gewerkschaften doch zu stark: Sie würden immer einen Tarifvertrag erstreiken können.

Zwei Gewerkschaften sind bei der Lufthansa bereits an Bord. Jetzt klopft eine dritte an die Tür – die neu gegründete Cabin Union. Ist es unter Gewerkschaften üblich, dass sie sich gegenseitig bekämpfen statt an einem Strang zu ziehen?

Schnabel: Früher galt das eherne Prinzip "ein Betrieb, eine Gewerkschaft." Das ist immer noch die Grundstrategie der DGB-Gewerkschaften, die sich nicht in die Quere kommen wollen. 

Allerdings haben wir in den vergangenen zehn Jahren verschiedene Fälle gehabt, wo sich das geändert hat, zum Beispiel bei den Lokführern, im Bereich des Klinikpersonals oder eben im Flugverkehr. Hier hat man diese Parallelitäten oder Kämpfe um Einfluss und Mitglieder. 

Anders als bei der Bahn geht es bei der Lufthansa weniger darum, welche Gewerkschaft die meisten Mitglieder bekommt. Hier gibt es schon mehrere etablierte Gewerkschaften, und dass sich neue durchsetzen, wage ich im Augenblick zu bezweifeln. 

Die Frage ist außerdem, ob das Lufthansa-Management die offenen Themen überhaupt noch alleine mit deutschen Gewerkschaften lösen kann, also spezifisch für Deutschland. 

Wenn Lufthansa sich international mehr als Gruppe sieht und organisieren will, muss sie natürlich viele verschiedene Dinge unter einen Hut bringen, einschließlich unterschiedlicher Gewerkschaften und Tarifverträge. Das ist eine veritable Herausforderung für das Management.

Sie haben mehrmals Ryanair genannt. Zuletzt ist es Gewerkschaften ja gelungen, der Airline für sie historische Zugeständnisse abzuringen. Nun schließt sie in unbequemen Ländern auffällig viele Basen und installiert stattdessen die Billigtochter Lauda. Unterwandert sie damit diese Vereinbarungen?

Schnabel: Das würde zumindest zu Ryanair passen. Indem sie signalisiert haben, dass sie bereit wären, mit Gewerkschaften zu verhandeln, haben sie erstmal etwas Druck herausgenommen und Zeit gewonnen. 

Ob dahinter eine bewusste Strategie der Unterwanderung steht, kann ich von außen schwer einschätzen. Da müssen wir ein bisschen warten, wie sich die Dinge entwickeln, um zu sehen, was wirklich der Hauptgrund ist.

Vor dem Hintergrund der Beispiele Lufthansa und Ryanair: sind Gewerkschaften in der Luftfahrtbranche heute obsolet oder nötiger denn je?

Schnabel: Weder noch. Jedes Unternehmen muss einen Modus finden, wie es mit seinen Beschäftigten umgeht, wie es zu halbwegs stabilen Arbeitsbeziehungen kommt. 

Da gibt es ein großes Spektrum an Möglichkeiten: An einem Ende steht das traditionelle Modell mit Gewerkschaften und Mitbestimmung, wie wir es in Deutschland kennen. Und am anderen Ende steht etwas, was es ursprünglich bei Ryanair und anderen Billigfluglinien gab, die sagen "wir regeln das alles alleine." 

Das sind beides ziemliche Extreme. Es mag durchaus auch Möglichkeiten dazwischen geben, eine andere Art von Human Ressource-Management. Aber es ist wichtig, dafür irgendeinen Plan zu haben – rein rechtlich ist vieles möglich. 

Auch heutzutage müssen Sie die Mitarbeiter irgendwie einbinden. Der internationale Wettbewerbsdruck ist stark, die Strukturveränderungen erfordern ein gewisses Change-Management – und das mache ich besser mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als gegen sie.
© aero.de (boa) | Abb.: FAU/Kaletsch Medien, Lufthansa, Ufo, verdi, VC Cockpit, aero.de (Montage) | 11.12.2019 16:17


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