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Piloten fordern strengere Regeln für Flüge in Krisengebiete

Screenshot Flightradar24.com vom 22. Januar 2020
Screenshot Flightradar24.com vom 22. Januar 2020, © Flightradar24.com

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BRÜSSEL - Die gezielte Tötung eines Generals, Rakentenangriffe als Vergeltungsmaßnahme - und keine Klarheit darüber, welche Richtung der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nehmen würde. Warum erhielt Ukrainian Airlines Flug PS752 in dieser Situation eine Starterlaubnis? Das fragen sich einige Piloten.

Der versehentliche Abschuss von PS752 "ist ein tragischer Beweis dafür, dass einige Lektionen aus MH17 und das Fliegen in oder über Krisengebiete nicht gelernt wurden", resümiert die European Cockpit Association (ECA).

Malaysian Airlines-Flug MH17 wurde 2014 über der Ukraine von einer Rakete getroffen - alle 298 Menschen an Bord sind dabei ums Leben gekommen, 176 verloren ihr Leben im Januar 2020 bei Flug PS752. Piloten fordern nun erneut mit Nachdruck strengere Regeln für Flüge in Konfliktregionen.

"Es liegt auf der Hand, dass wir uns nicht auf Länder verlassen können, die Teil des Konflikts sind, wenn es darum geht, dass sie die Nutzung ihres eigenen Luftraumes einschränken oder sperren", sagt ECA-Generalsekretär Philip von Schöppenthau.

Stattdessen sollten europäische Länder ihre Geheimdienstinformationen über Konfliktgebiete untereinander austauschen und die Ergebnisse ihrer Risikoanalysen teilen.

"Kein Pilot sollte über diese Ergebnisse verschiedener europäischer Airlines und Staaten im Unklaren gelassen werden", sagte Schöppenthau. Zwar seien viele der beteiligten Stellen der Ansicht, dass es eine zentrale Anlaufstelle geben sollte, die europäischen Airlines im Ernstfall den Überflug problematischer Gebiete untersagen sollte. Eine konkrete Einrichtung einer solchen Institution sei jedoch nicht in Sicht.

Die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit fordert von den Behörden, dass sie Airlines restriktiver in die Pflicht nehmen. "Dazu gehört auch, die Lufträume entsprechend für den zivilen Verkehr zu meiden", sagt Pressesprecher Janis Schmitt.

Nach dem Absturz im Iran hat das Luftfahrtbundesamt eine Empfehlung an deutsche Airlines herausgegeben, das Gebiet zu meiden. Verboten hat es Über- und Anflüge nicht.

Damit liegt die Entscheidung nach wie bei den Airlines - und zuletzt bei den Piloten. Sie haben das Recht, die Pflicht und die Verantwortung, über die tatsächliche Durchführung eines Fluges zu entscheiden.

Oberste Maxime: die Sicherheit der Passagiere. Darüber, welche wirtschaftlichen Interessen und Botschaften ihrer Arbeitgeberin in ihre Entscheidung mit hineinspielen, gibt es derzeit keine klar definierten Parameter.

"Es gibt Airlines, die ihren Piloten sicherheitsrelevante Informationen vorenthalten", sagte Georg Fongern von der Arbeitsgruppe Security der VC Cockpit gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" . "Und es gibt Airlines, die dem Kapitän die Entscheidung, einen Ort nicht anzufliegen, hinterher als Arbeitsverweigerung auslegen."
© aero.de (boa) | Abb.: Screenshot Flightradar24 vom 22. Januar 2020 | 24.01.2020 07:36

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Beitrag vom 24.01.2020 - 10:50 Uhr
Diese Meldung sollte bei all den anderen Vorgängen in der Luftfahrt, die inzwischen wieder in den Vordergrund drängen, nicht in Vergessenheit geraten. Wenn man schon wenig bis nichts aus dem Abschuss von MH17 gelernt hat, dann sollte man es jetzt wenigstens aus dem Abschuss von PS 752 tun. Und man sollte sich in Europa - auch in Deutschland - die FAA zum Vorbild nehmen - und sei es nur dieses eine Mal - und von Seiten der zuständigen Luftfahrtbehörden für Krisengebiete mit militärischen Aktivitäten nicht nur "Empfehlungen" herausgeben und damit die Verantwortung auf Airlines und Flugkapitäne abwälzen, sondern verbindliche Entscheidungen, für die man dann, ja, natürlich, die Verantwortung zu übernehmen hat - aber auch besser übernehmen kann als ein Fluggkapitän, der sich dann eventuell zwischen Sicherheit und Arbeitsplatz zu entscheiden hat.
Beitrag vom 24.01.2020 - 09:18 Uhr
@ Angros:

In vielen Fällen, lassen sich allerdings durch offene Quellen schon genug Daten (internationale Notams, Reisewarnungen, Behördenempfehlungen, etc.) sammeln, die weit über das hinaus gehen, was die meisten Airlines gebündelt ihren Crews zur Verfügung stellen.

Daher sind die Wissensstände unter den Crews häufig sehr unterschiedlich. Eine zentrale Sammlung, Bündelung und Weiterleitung aller relevanter Infos, wie von der ECA gefordert, halte ich daher für extrem wichtig. Leider malen die Mühlen bei Behörden und Airlines hier gefühlt recht langsam...
Beitrag vom 24.01.2020 - 08:37 Uhr
„Damit liegt die Entscheidung nach wie bei den Airlines - und zuletzt bei den Piloten. Sie haben das Recht, die Pflicht und die Verantwortung, über die tatsächliche Durchführung eines Fluges zu entscheiden.„

Auch die Piloten müssen diese Entscheidung auf irgendetwas stützen, ein „ungutes Gefühl“ ist wohl kein besonders starkes Argument. Insbesondere dann nicht, wenn man ggf. eben hinterher mit Androhungen, auch in Richtung Arbeitsverweigerung, rechnen muss.


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