Fraport-Chef Stefan Schulte
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"Wir haben den Tiefpunkt überschritten"

Der Vorstandsvorsitzende der Fraport AG Dr. Stefan Schulte
Der Vorstandsvorsitzende der Fraport AG Dr. Stefan Schulte, © Fraport AG

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FRANKFURT - Die Talsohle durchschritten, aber längst nicht über den Berg: Fraport AG-Vorstandsvorsitzender Stefan Schulte spricht im Interview mit aero.de über die Krisenstrategie des Unternehmens, das Terminal 3 und darüber, warum eine Investition in Brasilien langfristig eine gute Sache ist.

aero.de: Herr Schulte, erste Fluggesellschaften kehren nach Frankfurt zurück - welche Ziele haben Sie sich für das zweite Halbjahr gesteckt?

Stefan Schulte: Wir haben in der Krise schnell und umfassend reagiert, um die Kosten kurzfristig zu senken. Aber dies wird mittelfristig nicht ausreichen. Vor dem Hintergrund der nur langsamen Erholung der Passagierzahlen müssen wir unser Unternehmen verschlanken und noch effizienter aufstellen.

Und wir müssen bei den Passagieren weiter Vertrauen aufbauen. Fliegen ist sicher! Das sind unsere zentralen Herausforderung für das Jahr 2020.

Auf welche Szenarien bereitet sich der Flughafen für 2021 vor?

Schulte: Mit Beginn der Lockerung der Reiserestriktionen ab Mitte Juni haben wir den Tiefpunkt überschritten und bieten mittlerweile wieder viele attraktive Ziele und Verbindungen ab Frankfurt an. Allerdings erholen sich die Passagierzahlen nur langsam.

Konkret rechnen wir in Frankfurt im laufenden Jahr mit lediglich 30 bis 40 Prozent und im nächsten Jahr mit rund 50 bis 60 Prozent des Verkehrs von 2019. Gerade der Geschäftsreiseverkehr wird auch 2021 weit unter dem Vorkrisenniveau liegen. Das liegt auch am Trend zu Videokonferenzen und dem Kostendruck, den jetzt viele Unternehmen spüren.

Carsten Spohr hat angekündigt, Flughäfen bei Gebührenverhandlungen unter Druck setzen zu wollen, um die Betriebskosten seiner Airlines zu senken. Was sagen Sie dazu?

Schulte: Im Moment erleben wir dramatische Verkehrseinbrüche – und das bei weiter laufenden Kosten. Die derzeitige Lage trifft die gesamte Luftverkehrswirtschaft hart. Letztendlich sitzen wir alle im selben Boot und müssen zunächst einmal um das Vertrauen unserer Passagiere kämpfen.

Sie wünschen sich die Möglichkeit, die Kurzarbeit für Ihre Mitarbeiter bis 2022 ausweiten zu können. Wie viele Mitarbeiter sollte das betreffen?

Schulte: Seit Ende März waren mehr als 16.000 der rund 22.000 Beschäftigten der Konzern-Gesellschaften am Standort Frankfurt in Kurzarbeit. Es wird jedoch noch lange dauern, bis das Passagieraufkommen wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Das bedeutet: Gemessen an den Passagierzahlen haben wir für etwa die Hälfte der Belegschaft noch mindestens anderthalb Jahre keine oder zumindest nur eine stark reduzierte Beschäftigung.

Die Kurzarbeit ist ein notwendiges Instrument, das uns ermöglicht, während der aktuellen Krise die Personalkosten zu senken. Darum fordern wir als gesamte Branche eine Verlängerung der Kurzarbeit bis in den Sommer 2022.

Rechnen Sie ab 2022 mit einer deutlichen Erholung Ihres Geschäfts?

Schulte: Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden uns noch lange begleiten und die Branche nachhaltig verändern. Wir gehen davon aus, dass das Passagiervolumen in Frankfurt selbst in den Jahren 2022/2023 noch rund 15 bis 20 Prozent unter dem bisherigen Höchstwert von 2019 liegt.

Von diesem Niveau aus erwarten wir dann wieder ein normales Wachstum. Insgesamt werden wir durch die notwendigen Kostensenkungsmaßnahmen unser Unternehmen deutlich schlanker und effizienter aufstellen, um auf das auch mittelfristig erwartete geringere Passagieraufkommen zu reagieren.

Ihr Hauptkunde Lufthansa hat Staatshilfe erhalten und muss im Gegenzug 24 Slots abgeben – und einem Wettbewerber die Stationierung von vier Flugzeugen ermöglichen. Sind bereits Interessenten an Sie herangetreten?

Schulte: Wer letztendlich die Slots erhält, entscheiden nicht wir. Die Koordinierung liegt in der Verantwortung der Flughafenkoordination Deutschland GmbH.

Die Fraport AG hat in den vergangenen Jahren verstärkt auf Investitionen im Ausland gesetzt, unter anderem auf den Hoffnungsmarkt Brasilien. Der hat sich nun zum Hotspot der Pandemie entwickelt. Wie reagieren Sie kurzfristig auf diese Entwicklung?

Im Rahmen der Risikoverteilung der jeweiligen (Konzessions-)Verträge suchen unsere Konzern-Flughäfen gemeinsam mit den jeweiligen staatlichen Vertragspartnern nach einvernehmlichen Lösungen, um die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie zu bewältigen.

Dabei geht es aber im engeren Sinne nicht um Staatshilfen bzw. Transferzahlungen an die Konzern-Flughäfen, sondern im Wesentlichen um die Flexibilisierung von finanziellen Verpflichtungen sowie Maßnahmen zur Unterstützung der längerfristigen Neuausrichtung des Luftverkehrs.

Im Juni 2020 begrüßten unsere beiden Flughäfen in Brasilien über 120.000 Passagiere, die überwiegend im Inlandsverkehr reisten. Im Vergleich zählte FRA knapp 600,000 Reisende.

FRA und Fraport Brasil haben Rückgange von zirka 90 Prozent in Juni-Vorjahrsvergleich verzeichnet. Im ersten Halbjahr 2020 hat Fraport Brasil insgesamt über 3,7 Millionen Passagiere und ein Minus von 50,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wird die Fraport AG Ihre internationale Strategie im Zuge der Corona-Krise überdenken?

Schulte: Seit vielen Jahren setzen wir als Fraport-Konzern eine sehr erfolgreiche Strategie der Internationalisierung um. Wir stellen uns insgesamt geografischer breiter und diversifizierter auf.

Und unser Portfolio ist auf langjährigen Airport-Konzessionen fokussiert. Wir übertragen unser Knowhow auf Flughäfen weltweit, bei denen wir ein großes Entwicklungspotential sehen. Damit schaffen wir für unseren Konzern ein hohes Wachstums- und Ertragspotential. Das gilt gerade auch für die Zeit nach Corona.

Langfristig gehen wir davon aus, dass der Luftverkehr ein Wachstumsmarkt bleiben wird. Die Menschen werden weiterhin die Welt entdecken wollen. Und auch eine globalisierte Wirtschaft funktioniert nicht ohne Luftverkehr. Die langfristigen Wachstumstrends bleiben daher grundsätzlich intakt.

An den touristischen Standorten im internationalen Portfolio wird sich der Verkehr voraussichtlich schneller wieder erholen – hier profitieren wir von unserer breiten Aufstellung an aktuell 30 Flughäfen außerhalb von Frankfurt. Wir sind überzeugt, dass wir damit auch nach der derzeitigen Krise weiterhin über ein stabiles und profitables Geschäftsmodell verfügen, das für unsere Aktionäre Werte schafft.

Die Corona-Krise hat den Frankfurter Flughafen mitten in einer Ausbauphase ereilt – bleibt es beim Plan, den Flugsteig G des Terminals 3 2021 zu öffnen?

Schulte: Die Arbeiten am Flugsteig G sind bereits weit fortgeschritten. Die bauliche Fertigstellung des ersten Abschnitts wird Ende 2021 erfolgen. Wann wir ihn dann wie nutzen richtet sich nach der Marktentwicklung.

Das Terminal 3 soll 2024 fertig sein und im späteren Vollausbau über vier Flugsteige verfügen – wann gehen die Finger H, J und K in Betrieb?

Schulte: Terminal 3 wird im Vollausbau eine Gesamtkapazität von 25 Millionen Passagieren haben. Dazu wird das neue Terminal über insgesamt vier Flugsteige verfügen, von denen derzeit drei Flugsteige und das Terminalhauptgebäude im Bau sind. Die Inbetriebnahme planen wir Ende 2024 bis spätestens zum Sommerflugplan 2025.

Der Frankfurter Flughafen ist gut mit dem ICE erreichbar – wie wichtig wird die Schiene als Zubringer für die 2020er Jahre?

Schulte: Grundsätzlich entscheidet letzten Endes der Passagier über die Wahl des Verkehrsmittels – und das ist auch gut so. Wir sind hier in Frankfurt mit der direkten Anbindung an das ICE-Netz der DB beim Thema Intermodalität, also der Vernetzung verschiedener Verkehrsträger, schon seit Jahren Vorreiter in Deutschland.

Kein anderer Flughafen in Deutschland bietet eine bessere Anbindung. Deshalb wurde die Flugstrecke FRA-CGN schon vor über 10 Jahren aus dem Programm genommen und nur noch per ICE bedient. Insgesamt können Passagiere heute schon von fast 20 Städten mit ihrer Lufthansa-Bordkarte mit der Bahn zum Frankfurter Flughafen fahren. Auch andere Airlines bieten diesen Service.
© aero.de, Anna Böhm do Nascimento, Dennis Dahlenburg | Abb.: Fraport AG, aero.de (boa, Montage) | 08.08.2020 07:53

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Beitrag vom 09.08.2020 - 20:42 Uhr
"Fliegen ist sicher! "

Dank unserer quer "denkenden" heimischen Covidioten steigen auch hierzulande die Fallzahlen wieder, in Ländern wie den USA die von ihrem ebenso IQ-frei veranlagten Gesinnungskumpan in Grund und Boden "regiert" werden, gehen die Zahlen vollständig durch die Decke und viele weitere Staaten haben Gesundheitssysteme, die nicht mal ansatzweise Herr der Lage sind.

Um das Fliegen an sich machen sich viele potentielle Reisende daher sicher nicht halb so viele Sorgen wie darum, wie viele Mitreisende auf dem Flug Freiheit mit Maskenverweigerung verwechseln, um die Sicherheit am Zielort und um eine drohende Quarantäne-Anordnung - nach dem Rückflug oder bereits noch im Zielland.

Das Vertrauen der - normalen - Passagiere dürfte daher, soweit es Fluggesellschaften und Airports angeht, von der Stringenz, mit der Seuchenkontrollmaßnahmen am Boden und im Flug auch und gerade gegen sog. "Querdenker" durchgesetzt werden, abhängig sein.

Dieser Beitrag wurde am 09.08.2020 22:14 Uhr bearbeitet.


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