Zum Tod von Michael Collins
Älter als 7 Tage  

Der Mann, der um den Mond flog, anstatt auf ihm zu landen

Michael Collins
Michael Collins, © NASA

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Vor fast 52 Jahren landeten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond – und schrieben damit Geschichte. Doch der Erfolg ihrer Mission hing noch von einem weiteren Mann ab, der Apollo 11 ans Ziel brachte: Michael Collins.

Sein Job war mindestens so wichtig wie der seiner beiden Kameraden – und doch von allen dreien der undankbarste: Als die NASA-Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin am frühen Morgen des 21. Juli 1969 (UTC) als erste Menschen kurz nacheinander den Mond betreten, ist Michael Collins mittendrin – und doch nicht dabei.

Auf der Erde verfolgen 600 Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten gebannt das Geschehen, während Collins als Pilot des Apollo-11-Kommandomoduls auf der Mondrückseite durchs Funkloch fliegt. Armstrongs legendären Satz "Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit" bekommt er nicht mit, und als US-Präsident Richard Nixon später per Live-Schaltung aus dem Weißen Haus die Apollo-11-Helden zu ihrer Pioniertat beglückwünscht, vergisst er gar, Collins zu erwähnen.

Mehr als fünf Jahrzehnte später sind die Namen Armstrong und Aldrin noch immer weltberühmt, aber Michael Collins, den dritten Mann, kennen nur die Eingefleischten.

Groll oder Neid empfand der "vergessene Astronaut" in all den Jahren darüber nicht: "Ich bin das ungefähr eine Million Mal gefragt worden", erklärte er 1997 in einem NASA-Interview.

"Aber es ärgert mich wirklich überhaupt nicht. Ich meine, da waren genügend Leute im Astronaut Office, die mir die Kehle durchgeschnitten hätten, um meine Rolle einzunehmen. Ja, es war nicht der beste Platz. Aber ich bin sehr, sehr glücklich mit der ganzen Geschichte."

Schritt für Schritt nach oben

Glück, davon hatte Michael Collins nach eigenem Empfinden im Leben ziemlich viel. Er sei, wie seine Kameraden auch, einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. "Aber ich glaube auch, dass das Glück auf Dauer nur mit den Tüchtigen ist, wie schon Moltke sagte. Wer scheinbar immer Glück hat, macht meist auch etwas richtig."

Tatsächlich beweist Michael Collins, 1930 als Sohn des Militärattachés James Lawton Collins in Rom geboren, schon in jungen Jahren einen guten Riecher, als es um die Karriereplanung geht.

Bis 1952 besucht er die Militärakademie in West Point, dann geht es Schritt für Schritt nach oben, und zwar wortwörtlich: "Nach dem Abschluss hatte ich die Wahl zwischen Army und Air Force. Mir schien die Air Force interessanter. Danach war die Frage: Fliegen oder nicht fliegen? Und ich entschied mich fürs Fliegen. Kleine oder große Flugzeuge? Ich wurde Jagdflieger. Immer dieselben Jets oder neue Maschinen? Ich wurde Testpilot. Und dann war der nächste Schritt eigentlich ganz logisch: Ich bewarb mich bei der NASA fürs Astronautenprogramm."

Mike Collins, © NASA


Bei seinem ersten Versuch 1962 wird die Bewerbung noch abgeschmettert – zu wenig Erfahrung. Doch schon ein Jahr später hat Collins Erfolg: Als Teil der dritten Astronautengruppe tritt er im Oktober 1963 seinen Dienst im Manned Spacecraft Center der NASA in Houston, Texas, an.

Der Mond, das zwei Jahre zuvor von Präsident Kennedy ausgelobte Ziel, ist dem zukünftigen Astronauten allerdings nicht weit genug: "Mich hat eigentlich der Mars immer mehr fasziniert. Schon als Kind. Ich glaube, das kommt von den "Flash Gordon"- und "Buck Rogers"-Comics, die sie früher samstagnachmittags immer im Kino gezeigt haben."

Wie ein Autoreifen

Tatsächlich steht der Flug zum Mond zunächst auch gar nicht auf Collins' Agenda. Anfang 1965 bekommt er das Fachgebiet "Raumanzüge und Weltraumspaziergänge" zugeteilt, dem er sich zusätzlich zum generellen Astronautentraining widmet.

Dabei arbeitet er eng mit den Entwicklern der Anzüge zusammen, testet zahllose Modelle, gibt Empfehlungen. "Raumanzüge sind kuriose Dinge. Sie pumpen dich auf wie einen Autoreifen und müssen dich trotzdem beweglich halten, vor extremen Temperaturen schützen und Mikrometeoriten abwehren. Da steckt viel Ingenieurskunst drin."

Die Chance, einen dieser Anzüge in der Praxis auszutesten, ergibt sich schließlich im Sommer 1966 mit der Mission Gemini 10. Am 18. Juli lässt sich Collins zusammen mit John Young von einer Titan-Rakete ins All schießen. Dort warten in der Erdumlaufbahn gleich zwei Außeneinsätze (EVA, extra-vehicular activities) auf ihn – und Collins merkt schnell, dass ihn sein Training auf der Erde nur mäßig darauf vorbereitet hat: "Wir waren dumm gewesen. Wir hatten nicht darüber nachgedacht, wie sich zwei Objekte verhalten, die in der Schwerelosigkeit aufeinanderprallen. Das hatten wir nicht trainiert."

Ein Defizit, das sich endgültig offenbart, als Collins sich mit Hilfe seiner Manövrierpistole aus dem Gemini-Raumschiff zum abgeschalteten Agena-Satelliten GATV-8 bewegt. Dort soll er eine Platte holen, von der sich Forscher Erkenntnisse über Mikrometeoriten erhoffen.

"Da stand ich nun draußen mit dieser blöden kleinen Kanone und ließ mich zu dem Satelliten treiben. Aber sobald du die Pistole nur ein bisschen versetzt gehalten hast, warst du schon nicht mehr auf Kurs. Und wenn du dann korrigieren wolltest, hat es dich direkt gedreht und herumgewirbelt. Ehe du dich versahst, warst du außer Kontrolle."

Unbeweglich im All

Collins erreicht zwar den zwei Meter vom Raumschiff entfernten Agena-Satelliten, doch damit gehen die Schwierigkeiten erst richtig los: "Der Satellit war nicht dazu gebaut, ihn zu greifen, und ich hatte diesen schweren Anzug an, der mich unbeweglich machte. Hätten wir früher darüber nachgedacht, hätten wir Lockheed vielleicht gebeten, ein paar Handgriffe an ihre Satelliten zu bauen. Ich komme also an diesem gottverdammten Agena an, kann mich aber nirgends festhalten, und ehe ich mich versehe, rutsche ich ab und fliege wie ein Wagenrad drüber hinweg – auf und davon, bis mich das Ende meiner Sicherungsleine wieder einfängt."

Doch Collins gibt nicht auf, sammelt sich kurz, wagt einen zweiten Versuch – und kommt kurz darauf zusammen mit der abmontierten Platte wieder ins Raumschiff zurück. Er wird damit zum ersten Menschen, der sich im All zwischen zwei Flugkörpern hin- und herbewegt hat. Später trainieren die NASA-Astronauten ähnliche EVA-Missionen unter Wasser. "Bei Gemini 10 hatten wir das noch nicht."

Von Gemini zu Apollo

In den Genuss eines dieser Unter-Wasser-Trainings kommt Michael Collins aber nicht mehr. Nach Gemini 10 wechselt er zum Apollo-Programm und arbeitet fortan daran mit, die erste Landung von Menschen auf dem Mond zu ermöglichen.

Zunächst ist Collins für die Mission Apollo 8 eingeplant, bei der zum ersten Mal ein bemanntes Raumschiff die Erdumlaufbahn verlassen und in den Mondorbit eintreten soll. Die Vorbereitung dafür ist intensiv, zeitraubend – und nicht immer einfach.

"Wir waren oft im Simulator, was zumindest am Anfang ein Problem war, weil die Simulatoren nicht so gut arbeiteten. Es ist wohl einfacher, ein Raumschiff zu bauen als einen Simulator dazu. Auf jeden Fall waren wir sehr beschäftigt, flogen wie verrückt von einem Ort zum anderen, und unsere Frauen wurden sauer, weil wir nie zu Hause waren."

Wenige Monate vor dem für Dezember 1968 geplanten Start streikt auch noch Collins' Körper: Bandscheibenprobleme machen weiteres Training unmöglich. Collins scheidet aus der Apollo-8-Crew aus. Als Verbindungssprecher ("CapCom") koordiniert er die Mission später in Houston vom Boden aus.

"Versau es nicht!"

Die Gelegenheit für eine Rückkehr ins All kommt mit Apollo 11: Der wieder genesene Collins rückt als Pilot der Kommandokapsel in die Crew, die das Apollo-Projekt mit der ersten bemannten Mondlandung ans Ziel führen soll.

Michael Collins
Michael Collins, © NASA


Schnell wird dem Astronauten klar, welche Ausmaße diese Mission besitzt: "Es mag banal klingen, aber Apollo 11 war ein historischer Meilenstein. Leute auf der ganzen Welt interessierten sich dafür. Und mein Gedanke war: "Versau es nicht!" Ich hatte wirklich Sorge, dass ich durch einen kleinen Fehler das ganze Projekt lächerlich mache – aber ich war total scharf auf diese Aufgabe!"

Dieses Mal macht auch der Körper keine Zicken: Am 16. Juli 1969 sitzt Collins zusammen mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf der Startplattform in Cape Canaveral in der Spitze der gigantischen Saturn-V-Rakete und wartet auf den Countdown.

Um genau 13:32 Uhr UTC zünden die Triebwerke der ersten Stufe. Brachiales Grollen durchschneidet die Szenerie. Einen riesigen Feuerschweif hinter sich herziehend, bahnt sich die Rakete ihren Weg ins All. Nun gibt es kein Zurück mehr.

Einsame Stunden

76 Stunden später tritt Apollo 11 in den Mondorbit ein. Dann trennen sich die Wege. Armstrong und Aldrin nehmen mit ihrem Lander Kurs auf den Erdtrabanten, Collins bleibt allein zurück im Kommandomodul.

"Natürlich war da ein Gefühl von Einsamkeit. In dem Moment, in dem der Funkkontakt mit der Erde plötzlich abbricht, weil man hinter dem Mond verschwindet, ist man ganz allein – komplett isoliert."

Isoliert ist Collins auch nach der erfolgreichen Landung der Raumkapsel am 24. Juli 1969 im Pazifik, allerdings nicht allein: Aus Furcht vor unbekannten Krankheitserregern steckt die NASA alle drei Mondfahrer nach der Bergung erst einmal in Quarantäne – zunächst im mobilen Quarantänemodul, danach im Space Center in Houston.

"Die Zeit dort verging schnell. Wir hatten heiße Duschen, Gin und Steaks, und wir mussten ja sowieso unsere Post-Flight-Reports schreiben." Anschließend wartet die Welttournee: An Bord einer der beiden Boeing VC-137 des US-Präsidenten geht es in 33 Tagen zu 28 Städten – ein PR-Marathon, der den Beteiligten alles abverlangt. "Ja, das war hart, auch körperlich. Aber ich möchte keine fünf Minuten davon missen."

Bis zuletzt: der Traum vom Mars

Ins All fliegt Michael Collins danach nicht mehr. 1970 verlässt er die NASA, kümmert sich zunächst im Außenministerium um die Öffentlichkeitsarbeit und wird 1971 Direktor des Nationalen Luft- und Raumfahrtmuseums am Smithsonian Institute in Washington, D.C.

Später geht er in die Wirtschaft, gründet seine eigene Firma, schreibt mehrere Bücher und zieht sich nach dem Tod seiner Frau Patricia 2014 weitgehend in seiner Heimat North Carolina zurück. Der Raumfahrt jedoch gilt bis zuletzt seine Leidenschaft – und auch der Traum vom Mars hat ihn nie losgelassen.

"Ich glaube, wir kommen dem Punkt immer näher, an dem wir nicht mehr sagen, "wir wollen", sondern "wir werden" zum Mars fliegen", erklärte er 2019 in einem Interview mit CNN. Dem damaligen US-Präsidenten Trump empfahl Collins, ein Ziel mit klarem Zeitfenster vorzugeben, so wie es einst John F. Kennedy mit dem Mond vollzog.

Allerdings glaube er nicht, dass es Trump mit dem Mars ähnlich ernst meine, so Collins weiter: "Womöglich weiß er nicht einmal, dass da ein Planet namens Mars ist…"

Am 28. April 2021 ist Michael Collins im Alter von 90 Jahren in einem Hospiz in Naples, Florida an Krebs gestorben.
© FLUGREVUE - Patrick Zwerger | Abb.: NASA | 29.04.2021 11:43


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