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Mit der Austrian Airlines Boeing 777 nach Kapstadt

WIEN - Austrian Airlines bietet das "beste Langstrecken-Produkt innerhalb der Lufthansa-Gruppe", findet unser Autor. Auf der neuen Linie von Wien nach Kapstadt punktet die Airline bei Bordservice und Verpflegung, ohne Internet können elf Stunden Tagflug trotzdem ganz schön lang werden.

Austrian Airlines (AUA) ist die kleinste Langstreckenairline innerhalb der Lufthansa-Gruppe mit zwölf Flugzeugen in diesem Segment, je zur Hälfte Boeing 767 und 777.

Austrian Airlines Boeing 777 Sibanye
Austrian Airlines Boeing 777 Sibanye, © Oliver Roesler/Austrian Airlines

Das Motto "Klein aber fein" passt perfekt zur AUA, die ich und viele andere erfahrene Flugreisende bei ihrem Bordprodukt für das Juwel der Kranich-Kollektion halten.

Keine andere Gesellschaft innerhalb der Gruppe versteht es so meisterhaft, ihrem Produkt eine so ganz eigene nationale Identität zu verleihen und das auf einem zumindest im Lufthansa-Konzern unerreichten Niveau.

Heute bin ich auf dem Premierenflug der AUA von Wien nach Kapstadt unterwegs. Zuvor bin ich kurz in der Business Class-Lounge und leicht enttäuscht. Sehr voll, nur eine –nicht ausgeschilderte- Toilette, auf dem Morgenbüffet kein Brotbelag außer Marmelade, dazu alle ausländischen Zeitungen nur vom Vortag, mitten am Vormittag. Das macht Lufthansa besser.

Flugreport Austrian Airlines
Airline:
Austrian Airlines
Flugzeugtyp:
Boeing 777-200ER
Kennzeichen:
OE-LPF
Kabine:
Business Class
Datum:
27. Oktober 2018
Route:
Wien-Kapstadt
Flug:
OS31
Was die Route Wien-Kapstadt betrifft deutet schon die Tatsache, dass sie nur saisonal bis Ostern 2019 angeboten und nur zweimal wöchentlich bedient wird, wobei der Hinflug tagsüber stattfindet, deutet ganz klar darauf hin, dass es sich hierbei um eine vorranging touristisch bedeutsame Strecke handelt.

Und die Aktionen am Gate und beim Abflug von einer Außenposition des Wiener Flughafens auch – sogar eine täuschend lebensechte, von zwei Menschen bediente Elefanten-Figur auf dem Vorfeld wird aufgeboten.

Austrian Airlines Boeing 777 Sibanye
Austrian Airlines Boeing 777 Sibanye, © Oliver Roesler/Austrian Airlines


Die heute eingesetzte Boeing 777-200ER mit dem Taufnamen "Sibanye" (das heißt soviel wie "Wir sind eins") trägt als einzige bereits die modifizierte neueste Bemalung mit dem großen "Austrian"-Schriftzug über den ganzen vorderen Rumpf und eine Sonderbeklebung zum 60-jährigen AUA-Jubiläum.

Gleichzeitig ist dieses seit Anfang 2018 eingesetzte Flugzeug die neueste 777 der AUA, was allerdings trotzdem heißt, dass sie bereits 2001 gebaut wurde und vorher bei Varig und Aeromexico flog.

Innen jedenfalls ist sie auf dem neuesten Stand und die Business Class-Kabine macht einen sehr guten Eindruck. Die gegeneinander versetzten "Staggered Seats" des Typs Thompson Aero Seating Vantage sind von der Hardware identisch mit jenen die auch bei Brussels Airlines, Finnair, Swiss, Delta und American in einigen Flugzeugtypen fliegen.

Optisch punktet AUA bereits auf den ersten Blick mit blaugrauen Sitzbezügen und geschickt eingesetztem Dunkelrot an Kopflehnen, Leselampe und Staufächern. Insgesamt bietet die 777 bei AUA 40 Sitze in Business Class, sieben Reihen in 1-2-1- bzw. 2-2-2-Anordnung vor der Galley und eine weitere achte Reihe in 2-2-2-Bestuhlung dahinter.

Austrian Airlines Boeing 777 Business Class
Austrian Airlines Boeing 777 Business Class, © Andreas Spaeth


Die begehrtesten Plätze jedenfalls für Alleinreisende wie mich sind die einzeln stehenden sogenannten "Thronsitze", von denen es hier gerade mal sechs gibt. Meiner ist 3K. Ich mag die beiden tischartigen riesigen Ablageflächen auf beiden Seiten des Sitzes, auf dem bereits ein großes Kissen und eine eingerollte hochwertige Decke bereit liegen, beides in schickem hellblau-weiß-dunkelrotem Design.

In die lederne Sitztasche an der Rückwand der Sitzschale ist sogar eine rote Fantasiekrone eingestickt – sehr passend zum Thron, obwohl es diese Applikation an allen Sitzen gibt. Klar ist jedenfalls, dass AUA auch bei Kleinigkeiten einen hochwertigen Eindruck vermittelt.

Austrian Airlines Boeing 777 Business Class
Austrian Airlines Boeing 777 Business Class, © Andreas Spaeth

Noch vor dem Start erscheint neben den Flugbegleitern in ihren knallroten Uniformen, auch dies ein willkommenes visuelles Ausrufezeichen, der Bordkoch vom Caterer Do&Co, der stilecht eine Kochmütze trägt.

Das macht sonst nur noch Turkish Airlines, deren Passagiere von der Istanbuler Do&Co-Tochter verköstigt werden. Natürlich ist das auch ein Show-Element, aber in Sachen Bordverpflegung reicht der AUA niemand das Wasser, und der Koch ist Teil davon, auch wenn er natürlich in der Galley nicht wirklich individuelle Menüs zubereiten kann.

Die Business Class ist auf diesem Erstflug so voll wie das ganze Flugzeug. Umso angenehmer ist es auf dem Thronsitz, wo man sich nie von irgendwem physisch bedrängt fühlt. Um 11.31 Uhr heben wir 16 Minuten nach der planmäßigen Startzeit in Wien ab.

Als wir über dem Mittelmeer auf Sardinien zufliegen wird klar, dass dies kein ganz gewöhnlicher Flug ist. Ein österreichischer Winzer ist an Bord der sowohl im Burgenland als auch am Kap Wein produziert.

Er kündigt den Business-Gästen eine Verkostung von nicht weniger als sechs verschiedenen seiner Weine an, die eigens beladen wurden, zusammen mit richtig großen Rotweingläsern, eins für jeden Passagier, aus dem alle Weine probiert werden.

Das Problem ist, dass man hier nicht Reste einfach ausspucken kann, sondern im Prinzip alles austrinken muss um den nächsten Wein zu testen. Was sich geschmacklich in allen Fällen lohnt, es mir aber schwerer macht, die geplante Arbeit noch zu erledigen.

Austrian Airlines Boeing 777 Business Class
Austrian Airlines Boeing 777 Business Class, © Austrian Airlines

Nach Beginn des Ausschanks startet auch der Essensservice - und dessen Beginn ist das größtmögliche Spektakel, das ich bei irgendeiner Airline kenne und das so nur von Do&Co bei AUA und Turkish zelebriert wird: Der Vorspeisenwagen.

Sieht großartig aus und die Kleinigkeiten schmecken auch so. Sechs verschiedene, fein angerichtete Vorspeisen werden auf dem Wagen vorgefahren, eine Augenweide.

Dazu trägt übrigens auch das einmalige dreieckige Geschirr bei, einstmals ein Markenzeichen von Lauda Air. Am besten munden mir die gefüllten Kartoffeln und der Oktopussalat.

Für das Hauptgericht gibt es drei Optionen: Altwiener Kalbsrahmgulasch mit Spätzle (das die meisten Liebhaber findet), Rigatoni oder Meeresfrüchtespieß mit Risotto. Ich habe letzteres bestellt und bin hochzufrieden, sieht toll aus und schmeckt ebenso.

Austrian Airlines Boeing 777 Business Class
Austrian Airlines Boeing 777 Business Class, © Andreas Spaeth

Dazu gönne ich mir ein Glas Duval-Leroy Brut Réserve. Der Champagner ist guter Kontrast nach der Weinprobe. Üblicherweise bietet AUA je drei Weiße und Rote, allesamt aus Österreich, freilich.

Und selbstredend offerieren die Österreicher auch verführerische Desserts: Zwetschkenragout mit Topfencreme, Altwiener Marillenbuchtel oder Haselnuss-Parfait. Ich bitte um das geeiste Parfait und finde es äußerst lecker. Dazu brauche ich jetzt noch einen Marillenschnaps, köstlich. Nun ist es aber auch gut.

Austrian Airlines Boeing 777 Business Class
Austrian Airlines Boeing 777 Business Class, © Andreas Spaeth

Oder doch nicht? Denn nun gibt es obendrauf noch eine weitere AUA-Spezialität: Das "Wiener Kaffeehaus über den Wolken" mit eigener Kaffee-Menükarte. Nicht weniger als zehn verschiedene Kaffeespezialitäten werden nach Wiener Art frisch zubereitet, Chapeau!

Drei davon enthalten wiederum Alkohol. Ich bin fast froh, dass ich generell keinen Kaffee trinke, aber ich muss zugeben: was meine Nachbarn serviert bekommen sieht toll aus in hohen Gläsern mit üppigen Sahnehauben.

Elf Stunden Tagflug können ganz schön lang sein, Zeit also für einen Mittagsschlaf. Ich fahre meinen Sitz ganz aus in die Bettposition. Offiziell ist der Sitzabstand mager mit nur 1,52 Meter (60 Zoll), die Breite mit 50cm (19.5 Zoll) auch nicht riesig.

Aber Tatsache ist, dass man sich weit ausstrecken kann unter dem Vordersitz, der kleine Fußkasten ist innen sogar blau beleuchtet. Viele Nutzer kritisieren, dass sie sich im Liegen auf dem Thronsitz wie in einem Sarg vorkommen wegen der Bodennähe und der dann hohen Wände auf allen Seiten.

Dem kann ich nur begrenzt beipflichten, und das bei meinen 1,88 Meter Länge. Klar könnte bei meiner Schuhgröße 46 der Fußraum größer sein, aber beim aktuellen Lufthansa-Business-Sitz stört mich die Enge für die Füße viel mehr.

Abgesehen davon bieten die Zweier-Sitzpaare der AUA auch etwas mehr Fußraum, wer darauf Wert legt. Ich jedenfalls kann hier recht bequem eine längere Siesta halten.

Magere Bordunterhaltung

Keinen Spitzenplatz erreicht AUA beim Content-Angebot ihrer Bordunterhaltung. Insgesamt soll es 300 Stunden umfassen, aber das ist im Vergleich zu vielen anderen Gesellschaften wenig, tausend Stunden sind heute schon recht üblich.

So gibt es sehr wenig Audio-Alben (gerade mal 73, darunter nur vier für Rock oder drei für Soul/Jazz) und 69 Filme, darunter wenig Aktuelles. Selbst mir, der ich meist nur Audio-Angebote nutze und lieber lese als Filme schaue, fällt die Begrenztheit des Angebots auf, vor allem nach meinen kürzlichen Reisen mit Emirates und Singapore Airlines, die beim Content weltweit führend sind.

Ein großes Minus bei AUA, gerade auf einem Tagflug und auch im Vergleich zu den gerade erwähnten Mitbewerbern plus vor allem der Mutter Lufthansa, ist das völlig fehlende WLAN-Angebot auf Langstrecken. Derzeit ist auch nicht in Sicht dass sich hier mittelfristig etwas ändert. Für Geschäftsreisende könnte das ein Grund sein, nicht mit AUA auf Langstrecke zu gehen.

Sehr spät erst, gegen 21 Uhr (am Flugtag gab es zwischen Wien und Kapstadt keinen Zeitunterschied) wird die zweite Mahlzeit serviert. Die Auswahl besteht zwischen Rindfleischstrudel und Quesadillas mit Huhn, für die ich mich entscheide.

Der Koch bringt sie heiß direkt aus dem Ofen an den Platz, kommt mehrfach mit Nachschub. Dazu gibt es Sour Cream und Guacamole. Was soll ich sagen, lecker! Schon wieder ein kulinarischer Volltreffer. Nach genau elf Stunden und acht Minuten landen wir pünktlich am Kap.

Bewertung

Austrian Airlines bietet das unbestritten beste Langstrecken-Business-Produkt innerhalb der Lufthansa-Gruppe. Den Österreichern gelingt es meisterhaft, ihre nationalen Stärken in ein überzeugendes Passagier-Angebot umzusetzen.

Die Bordverpflegung übertrifft in Darbietung und Qualität jene in First Class mancher Weltklasse-Airline. Ein Manko, an dem AUA etwas ändern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben, ist das auf Langstecken völlig fehlende WLAN, außerdem könnte die Bordunterhaltung mehr und aktuelleren Content vertragen.


Hinweis: in einer früheren Fassung dieses Artikels war ein falscher Sitztyp angegeben. Es handelt sich um "Vantage"-Sitze des Herstellers Thompson Aero Seating. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.
© Andreas Spaeth | Abb.: Oliver Roesler/Autrian Airlines | 25.11.2018 09:36

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Beitrag vom 25.11.2018 - 13:39 Uhr
Fliegt Edelweiss keine Langstrecke mehr?
Beitrag vom 25.11.2018 - 13:06 Uhr
Ich fliege einmal im Jahr BKK - MUC , die letzten Male mit AUA . Geschaut bei AUA und LH , gleiche Flüge bei LH 750 € billiger als bei Austrian gebucht ! LH wollte für Sitzplatzreservierung 150 € , online bei Austri gratis .
Service und Qualität wie beschrieben TOP . Nur sollte man erste Reihe buchen, da dort das Fußloch wesentlich größer ist als befinden ahnderen Reihen. Doppelsitzer sind für große Leute unbequem da das Fußloch einfach zu klein ist.

Immer wieder gern mit AUA . Ok die Lounge in Wien ist sehr klein. Zubringer von FRA mit 3 Gänge Menue für knapp über einer Stunde Flugzeit etwas überbemessen.
Beitrag vom 25.11.2018 - 12:29 Uhr
Interessant dass hier die ungeliebte Stieftochter der LH ein wesentlich besseres Produkt anbietet, als sie selbst in ihrer hochgelobten First Class. Kein Wunder dass daher die AUA immer mit einer vollen Business Class über den Wolken fliegt und sie sich überlegen sollte hier das Angebot zu vergrößern. Die LH hingegen sollte hier (gegenüber der AUA , Turkish oder gar Emirates)ihr Angebot in der Business und auch First überdenken, ob denn immer weniger Essen (das Angebot ist oftmals ungenügend, nicht genug für alle beladen, sehr kleine Portionen - und kein, so wie bei AUA Vorspeisenangebot vom Wagen von dem man immer wieder nach bekommen kann) wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, um neue Gäste anzulocken


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