"Leute mit Hühnerhirnen"
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Heftige Kritik nach Absturz der Il-112W

Iljuschin Il-112W
Iljuschin Il-112W, © UAC

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MOSKAU - Nach dem Absturz des einzigen Prototypen steht die Erprobung der Iljuschin Il-112W still. Ein Bericht legt Konstruktionsmängel am Flugzeug, insbesondere am Triebwerk nahe. Derweil greifen Kritiker Russlands Luftfahrtindustrie als Ganzes an - in ungewöhnlich hartem Ton.

Es sind Bilder, die jedem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen: ,it seinem Smartphone filmt ein Anwohner des Fliegerhorsts Kubinka nahe Moskau am 17. August einen Testflug des neuen russischen Turboprop-Transporters Iljuschin Il-112W.

In der Videosequenz ist zu sehen, wie in geringer Flughöhe plötzlich Flammen aus dem rechten Triebwerk des Frachters schlagen, die rasch zu einem meterlangen Feuerschweif anwachsen. Die Il-112W fliegt feuerspuckend eine Weile geradeaus weiter - bis sie mit einem Mal über die rechte Tragfläche abkippt, an Höhe verliert und schließlich fast senkrecht in einen kleinen Wald stürzt und zerschellt.

Alle drei Besatzungsmitglieder, die Testpiloten Nikolai Kuimow und Dimitri Komarow sowie der Flugingenieur Nikolai Chludejew, sind sofort tot.

Eigentlich hatte die Flugzeugbau-Holding UAC das neue Flugzeug auf der Militärmesse Army 2021 ausstellen wollen, die Tage später in Kubinka begann. Nun muss sie den Verlust des einzigen flugfähigen Prototypen der Il-112W verkraften. Das zweite Exemplar, das in Woronesch gerade fertiggestellt wird, ist nur für Bodentests vorgesehen.

Erst im Sommer 2022 soll die Flugerprobung mit zwei weiteren Testflugzeugen, den Prototypen drei und vier, wieder aufgenommen werden. Der Plan, die ersten Exemplare der Il-112W bereits 2023 an die russische Luftwaffe zu liefern, dürfte spätestens mit diesem tragischen Ereignis hinfällig sein - zumal Russlands Vize-Ministerpräsident Juri Borisow schon im Juli nach einem Besuch des WASO-Flugzeugwerks in Woronesch konstatiert hatte, dass die Maschine den Anforderungen des Kreml nicht entspreche.

"Solange Sie die geforderten Flugleistungen der Il-112 nicht bestätigen, ist es sinnlos, über Serienverträge zu sprechen", so Borisow damals.

Keine Chance für die Besatzung


Die Probleme der Il-112W scheinen jedoch, so legt es der Absturz nahe, noch weitaus tiefer zu liegen, als es bis dato den Anschein hatte. Zwar gibt es offiziell noch keine konkreten Ergebnisse, was das Feuer im rechten Triebwerk verursachte, warum es sich nicht löschen ließ und weshalb das Flugzeug letztlich abstürzte.

Il-112 Prototyp verunglückt bei Testflug, © TSL

Allerdings zitiert die Zeitung Kommersant recht ausführlich interne Aussagen von mit dem Absturz betrauten Unfallermittlern. Diese sprechen in ihrer Analyse von einem "Verlust der gasdynamischen Stabilität" im Steuerbord-Triebwerk als Ausgangspunkt. Dieser habe mutmaßlich "zur teilweisen Zerstörung der Turbine" geführt, deren Trümmer wiederum die nahegelegenen Kraftstoffleitungen durchtrennten.

Die Folge sei ein Feuer gewesen, das sich rasch ausgebreitet habe und auch auf die Struktur der Tragfläche übergegangen sei. Die Besatzung habe das Triebwerk abgestellt, den Propeller in Segelstellung gebracht und versucht, den Brand zu löschen, damit aber keinen Erfolg gehabt. Schließlich sei es in Folge des Feuers zu einem "strukturellen Zusammenbruch" des rechten Querruders gekommen, wodurch die Iljuschin wegen des asymmetrischen Schubs durch das linke Triebwerk nach rechts abkippte und unkontrollierbar wurde.

Die Crew habe nichts mehr ausrichten können - und sei sich dessen in den letzten Sekunden wohl auch bewusst gewesen.

Unzureichendes Feuerlöschsystem?


Die Insider kritisieren gegenüber Kommersant, dass die Il-112W nur über zwei Hochdruck-Feuerlöscher pro Triebwerk verfüge, von denen der erste automatisch, der zweite manuell ausgelöst worden sei. Da die Feuerlöscher überdies nur auf den Motor gerichtet gewesen seien, das Feuer sich zu dem Zeitpunkt, als das System auslöste, aber bereits in den Hohlräumen der Tragfläche ausgebreitet habe, sei der Löschversuch zwangsläufig ins Leere gelaufen.

Zivile Iljuschin-Muster seien dagegen mit sechs Schaumlöschern pro Triebwerk ausgestattet, heißt es weiter. Die von Kommersant zitierten Ermittler sprechen bei der Il-112W in diesem Zusammenhang von einem "Konstruktionsfehler". Den Piloten sei nichts anderes übrig geblieben, als zu versuchen, das havarierte Flugzeug nach Kubinka zu steuern. Die Besatzung hätte das wohl auch beinahe geschafft: Bis zum fatalen Versagen des Querruders sei die Iljuschin auf einem "nahezu idealen Kurs zur weniger als zwei Kilometer entfernten Landebahn" geflogen.

Triebwerk im Kreuzfeuer


Die Hauptursache für die Tragödie vom 17. August, so schreibt Kommersant weiter, sei indes nicht nur technischer, sondern auch politischer Natur. Die Zeitung bemängelt die "offensichtlich schlechte Vorbereitung des Prototyps auf Testflüge und die mögliche Eile bei der Inbetriebnahme". Schließlich habe die Il-112W bis zum Crash lediglich 23 Flüge absolviert.

Die meisten davon hätten nur wenige Minuten gedauert, weil insbesondere die Triebwerke des Flugzeugs immer wieder Probleme gemacht hätten.

In der Tat steht der Antrieb der Il-112W, der Turboprop-Motor Klimow TW7-117ST, nicht erst seit dem 17. August im Fokus der Kritik. Nun, nach dem Absturz, formulieren manche Experten diese Kritik noch sehr viel deutlicher und mit teils drastischen Worten.

So zitiert das Portal News.ru den ehemaligen Iljuschin-Chefkonstrukteur Nikolai Talikow, er habe ein solches Unglück kommen sehen: "Das habe ich erwartet. Ich schreie schon seit Jahren, dass die Motoren Schrott sind, dass sie irgendwann versagen würden", so Talikow, der ebenfalls politische Gründe als tiefere Ursache ausmachte.

Iljuschin Il-112W
Iljuschin Il-112W, © UAC

Man habe intern um Fehlfunktionen der Triebwerke gewusst, dieses Wissen aber zu lange ignoriert, sagt Talikow. "In unserer glorreichen Firma schenkt niemand Aufmerksamkeit. Der siebte Chef, den wir in den letzten fünf oder sechs Jahren hatten, hat nicht aufgepasst. Also hat man abgewartet", sagte Talikow. "Riskante" Modernisierungen

Der Ingenieur Andrej Zlobin, nach eigenem Bekunden einst in den 90ern an der Entwicklung der Ur-Version des Klimow TW7-117 beteiligt, blies gegenüber der Webseite newizv.ru in ein ähnliches Horn. In seiner Grundauslegung sei das TW7-117 ein zuverlässiges Triebwerk, biete vom Design her aber wenig Spielraum für "riskante" Modernisierungen.

Genau solche "Zwangsmodifikationen" aber habe man beim TW7-117ST der Il-112W vorgenommen. Klimow selbst schreibt auf seiner Firmen-Webseite, es sei gelungen, "durch die Verwendung neuer Materialien und die Verbesserung des Designs erhöhte Leistungsindikatoren und andere Hauptparameter zu erreichen."

Zlobin dagegen betont, dass derlei Upgrades "höchste technologische Disziplin" verlangten und das TW7-117 aufgrund der "geringen Abmessungen der Turbinenkomponenten und des Kühlsystems" bereits von Haus aus unter schwierigen Bedingungen arbeite.

Außerdem sei auf "die strikte Einhaltung der Betriebsbedingungen in Bezug auf den Staubschutz" zu achten, insbesondere bei einem Militärflugzeug. Das Gefährlichste, was passieren könne, "wäre die Zerstörung der Turbine, zum Beispiel durch Überhitzung. In diesem Fall durchschlagen die Trümmer, die mit der Geschwindigkeit eines Geschosses fliegen, alles, was sich ihnen in den Weg stellt, einschließlich der Steuerung. Wenn Turbinentrümmer die Kraftstoffleitungen oder den Kraftstofftank zerstören, ist ein Großbrand fast unvermeidlich..."

"Leute mit Hühnerhirnen"

Auch für Zlobin sind die eigentlichen Ursachen für den Crash in Kubinka allerdings weniger im technischen, sondern vielmehr im politisch-organisatorischen Bereich zu suchen. Russlands Luftfahrtindustrie sei "buchstäblich überschwemmt von Leuten mit Hühnerhirnen", die zwar Führungspositionen bekleideten, aber keinerlei luftfahrttechnische Ausbildung besäßen, bekundet der Ingenieur in schonungsloses Offenheit.

Es gebe in verantwortlichen Positionen schlicht "zu viele Dilettanten, die in Bezug auf die Luftfahrt offensichtlich ungebildet sind". Gleichzeitig könne ein inkompetenter Eingriff in den Triebwerks- und Flugzeugbau tragische Folgen haben.

"Mir bricht der kalte Schweiß aus, wenn ich daran denke, dass dieselben 'Universalgelehrten' vielleicht bald versuchen werden, unsere Luftfahrt auf Wasserstoff als Kraftstoff umzustellen. Gott bewahre!", so Zlobin weiter. Bis die "Profanen und Unwissenden" aus der Luftfahrt des Landes vertrieben seien, "werden die Tragödien am russischen Himmel nicht aufhören", lautet Zlobins düsteres Fazit. Ein düsteres Szenario

Unterdessen hat Russlands staatliche Flugzeugbau-Holding UAC auch die Erprobung des Regional-Turboprops Il-114-300 bis auf Weiteres ausgesetzt. Die Il-114-300 besitzt fast identische Triebwerke des Typs TW7-117ST-01. Ob und in wiefern sich die Zwangspause auf den weiteren Zeitplan des ehrgeizigen Flugzeugprogramms auswirkt, das im zivilen Sektor die alten Antonow An-24 ersetzen soll, lässt sich derzeit nicht absehen und dürfte stark von den Ergebnissen der offiziellen Untersuchung des Il-112W-Crashs abhängen.

In jedem Fall wirft der Absturz der Il-112W am 17. August in Kubinka ein unschönes Licht auf die russische Luftfahrtindustrie - die sich nun plötzlich im Zentrum ungewöhnlich heftiger Kritik wiederfindet. Erste Stimmen unken bereits, die russische Luftwaffe werde wohl demnächst Transportflugzeuge im Ausland kaufen müssen, weil die Il-112W nicht rechtzeitig fertig werde, um die am Lebensende angelangten An-26 abzulösen. Sollte es tatsächlich soweit kommen, wäre das für die stolze Luftfahrtnation Russland moralisch nur schwer zu verdauen.
© FLUG REVUE - Patrick Zwerger | Abb.: UAC | 18.09.2021 09:33

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Beitrag vom 18.09.2021 - 16:53 Uhr
Schön, dass die russische Luftfahrtsindustrie stark aufgeholt hat und zumindest schon mal auf dem Nivau von Boeing ist!
>

Oder erschreckend das Boeing auf das Niveu der Russen gefallen ist.
Beitrag vom 18.09.2021 - 15:07 Uhr
Schön, dass die russische Luftfahrtsindustrie stark aufgeholt hat und zumindest schon mal auf dem Nivau von Boeing ist!

Wie war das noch?


 https://www.aero.de/news-33694/Entwickelt-von-Clowns-die-von-Affen-beaufsichtigt-werden.html
Beitrag vom 18.09.2021 - 12:08 Uhr
Das kommt davon wenn man einen (im Aufbau befindlichen) Rechtsstaat zu einem Mafiastaat umbaut.

(Zumindest passen die fachlich unqualifizierten aber wohl persönlich/politisch begünstigten Führungskräfte perfekt in dieses Bild)

Allgemeines Misstrauen und keine unabhängige und funktionierende Aufsicht sind das direkte Resultat.

In Kombination mit Druck von oben führen diese Rahmenbedingungen zu solchen Unglücken.



Das sollte auch unserer Politik zu denken geben denn auch wenn unsere Situation noch weit von der in Russland entfernt ist so geht der allgemeine Trend doch in diese Richtung.

Man kann froh sein dass bei uns zumindest die Luftfahrt international und damit doch ziemlich unabhängig von der Politik organisiert ist.


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