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Faktencheck Tegel – Berlin streitet um Weiterbetrieb

BERLIN - Die Schließung der Altflughäfen Tempelhof, Tegel und Schönefeld galt politisch wie wirtschaftlich als Vorbedingung für den Bau eines neuen Großflughafens. Das war vor zwanzig Jahren. Inzwischen hat die Entwicklung die Planung eingeholt - und überholt. Was braucht Berlin jetzt wirklich?

Geplant war bei BER-Eröffnung eine Kapazität von jährlich 27 Millionen Passagiere. Der Neubau werde aber nur 22 Millionen verkraften, hatte der ehemalige Flughafenchef Hartmut Mehdorn schon 2014 erklärt, zwei Jahre nach dem geplatzten Starttermin Juni 2012.

Tatsächlich mussten die Planer längst auf die Weiternutzung des Altbestands zurückgreifen, trotz politischer Widerstände. Im Frühjahr 2016 fiel die Entscheidung, die Terminals des ehemaligen DDR-Flughafens Schönefeld für 17 Millionen Euro auszubauen und nach Eröffnung des Neubaus für mindestens fünf weitere Jahre offenzuhalten.

Flughafen Berlin-Tegel
Flughafen Berlin-Tegel, © Flughafen Berlin Brandenburg / Archiv

Mit einer Reserve von 11 Millionen Passagieren am Altbau und der kürzlich beschlossenen Verlängerung des Nordpiers käme das zusammengelegte System BER-SXF auf eine Leistungsgröße von rund 38 Millionen Passagieren. Nach wie vor ist offen, wann die zur Verfügung steht. Inzwischen gilt eine Eröffnung vor dem Frühjahr 2019 als unwahrscheinlich.
 
Deutlich schneller als prognostiziert stieg das Aufkommen auf den Berliner Flughäfen auf zuletzt 33 Millionen Passagiere (2016). Bei einer Eröffnung im Jahr 2019 und anhaltend starkem Wachstum wäre die Kapazität am Standort bereits beim Start voll ausgeschöpft.

Schon 2012, im Jahr der ursprünglich geplanten Eröffnung, zählten die Flughäfen Tegel und Schönefeld gemeinsam 25,3 Millionen Passagiere, drei Millionen mehr als der Neubau allein verkraftet hätte, so die Theorie. In der Praxis sind rechnerische Kapazitäten durchaus belastbar, wie Londons Flughäfen Heathrow und Gatwick zeigen. Verkehrsseitig sind beide Flughäfen seit Jahren vollausgelastet, und wachsen dennoch.

Auch die Berliner Altflughäfen sind längst ausgelastet, und legen dennoch zu. Trotz der Unwägbarkeiten bei Air Berlin rechnen die Planer auch weiterhin mit einem überdurchschnittlichen Anstieg der Nachfrage. Wachstumsmotor sind vor allem die Angebote von Günstigairlines wie Ryanair und Easyjet.

Laut aktuellen Prognosen würde das Metropolaufkommen bereits zehn Jahre nach Start des Neubaus seine maximale Ausbaugröße überschreiten. Inklusive der geplanten Satellitenterminals läge die Latte bei 45 Millionen Passagieren. Im Januar 2016 rechnete Berlins Stadtchef Michael Müller für 2030 mit 46,3 Millionen Passagieren.

Nach einer Initiative der Berliner FDP und einem positiven Volksbegehren im Frühjahr 2017 befürwortet nun auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Weiterbetrieb des Stadtflughafens Tegel, zusätzlich zu Schönefeld.

Zu den wirtschaftlichen, ökologischen wie auch juristischen Vorbehalten, sowohl der Stadtregierung als auch des Flughafenmanagements, sagte der Minister  der Stadtflughafen sei nötig, um absehbare Leistungsdefizite abzufangen.

"Zu sagen, wir machen die Augen davor zu, dass es zehn Millionen Passagiere gibt, die wir nicht transportieren können, geht glaube ich nicht", erklärte Dobrinth.

Eine Milliarde Euro für Tegel-Sanierung

Aus Sicht des Ministers wären auch erhebliche Investitionen in die Renovierung Tegels gerechtfertigt. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup nannte für den Weiterbetrieb von Tegel einen Sanierungsbedarf rund von einer Milliarde Euro.

Auf Stand der Technik gebracht, würde die Tegel-Milliarde das langfristige Ausbaupotenzial am Standort auf über 60 Millionen Passagiere heben, vorausgesetzt die Berliner kommen auch weiterhin mit ihrem innerstädtischen Flugverkehr zurecht.

Sie haben die Wahl. Im September soll über die Zukunft Tegels eine kommunale Volksbefragung abgehalten werden. Das Votum ist politisch nicht bindend. Gegenüber dem Berliner Tagesspiegel erklärte Berlins Bürgermeister Müller, der Entscheid sei aber zu respektieren.

Die Alternative zu Tegel wäre allerdings ein weiterer Neubau, wie kürzlich auch von Ryanair gefordert. Dafür wird eine Milliarde sicher nicht reichen, zumal dann auch aus der Klimaecke ein kräftiger Gegenwind droht.

Gegenwind sieht Müller aber auch für den Weiterbetrieb von Tegel. Allein die Ausweitung der Brandenburger Lärmschutzvereinbarungen auf den alten Stadtflughafen, mache das Projekt unkalkulierbar. Die Diskussion bleibt spannend, wie der Volksentscheid.
© Bob Gedat,aero.at | Abb.: Flughafen Tegel | 31.07.2017 08:07

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Beitrag vom 01.08.2017 - 12:24 Uhr
Tja, schade nur, dass sämtliche An- und Abflugrouten für den BER für den Alleinbetrieb desselben geplant und genehmigt wurden.

D.h. die genehmigten Flugrouten sind NICHT geeignet für den Parallelbetrieb von BER und TXL. Neue Flugrouten + Genehmigungsverfahren + Lotsentraining = 3-4 Jahre = HAHA !

Und wieder mal rächt sich bitter die völlig unintelligente Schließung von Tempelhof, den man zur Not mit nur mit einer Piste als Regierungsairport und lebendiges Luftfahrtmuseum hätte weiterbetreiben müssen, gemäß seiner historischen Bedeutung. RRG in Berlin das war klar, dass es lustig wird.

Sie werden es nicht hinbekommen. Jede Wette!
Beitrag vom 31.07.2017 - 17:42 Uhr
Und nochmals: 1 Mrd für Tegel ist ein Supersonderangebot. So kleine Summen kennt Berlin nicht.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Genau so wurde auch der BER am Anfang beworben - als Superschnäppchen für Kosten von unter 1 Mrd und 2-3 Jahren Bauzeit.
Zum Baustart 2009 ging man immerhin schon von 2 Mrd aus.
Aktuell sind es mind. 5,4 Mrd, 9 Jahre aktuell "geplante" Gesamtbauzeit und ein tatsächliches Ende dieses Elends ist im August 2017 nicht wirklich absehbar.

Wer ist denn wirklich dafür 2 mal auf den gleichen Trick reinzufallen?
Das wäre sogar für Berliner Verhältnisse auffallend dämlich...

Dieser Beitrag wurde am 31.07.2017 17:43 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 31.07.2017 - 17:20 Uhr
Berlin hat incl. Umland 4 Mio. Menschen. Aber nicht viel Industrie und wenig große Unternehmen.
Meines erachtens sind die PAX dort v.a. touristisch, also typisches LCC Segment.
Dafür muss man nicht neu bauen.

Einen Hub sehe ich in Berlin irgenwie nicht, vlt. die LH mit EW?

Volle Zustimmung! Weiterhin spielen FRA und MUC bzgl. ihres Standortes in einer anderen Liga. In FRA ist man mit dem ICE selbst aus dem Ruhrgebiet in 2 Stunden. Und im Münchener Umland steckt einfach mehr Geld als in Brandenburg, Nord-Sachsen und West-Polen.
Das z.Zt. rasante Wachstum in Berlin sehe ich vor allem von LCC generiert und deren Wachstumskurve wird auch irgendwann in die Sättigung gehen. Weiterhin wird Berlin (als Stadt) seit einiger Zeit sehr gehypt. Auch damit könnte irgendwann Schluss sein. Andererseits könnte ein abflachender Berlin-Hype durch die zunehmende Urbanisierung egalisiert werden.
Interessant finde ich, dass RYRs Marketing Mensch Kenny Jacobs kürzlich dem Senat ein Denken "wie im vergangenen Jahrhundert" vorwarf. Ist das wirklich so? Oder stammt das neoliberale Wachstumsdenken vielleicht eher aus dem vergangenen Jahrhundert? Ohne moral-apostolisch klingen zu wollen: Darüber, dass "wir" Europäer und Nordamerikaner über die Verhältnisse des Rests der Welt leben, herrscht ja weitestgehend Einigkeit. Billigfliegen ist eines der offensichtlichsten Symptome hiervon. Es würde mich nicht wundern, wenn der Städtetrip für 39€ in 15 Jahren das neue Rauchen oder Fleischessen wäre.


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