Glenda Newton
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"Wir werden mehr Frauen in der Luftfahrt brauchen"

MONTREAL - Glenda Newton ist führende Personalverantwortliche mit dem Schwerpunkt auf Genderfragen bei der UN-Organisation ICAO. Im Rahmen unserer Serie "Frauen in der Luftfahrt" macht sie klar, dass die Branche mehr Frauen braucht - und zeigt zugleich, warum diese es dort oft schwer haben.

aero.de: Frau Newton, in letzter Zeit unternehmen die ICAO, IATA und andere internationale Organisationen einige Anstrengungen, um die Luftfahrt weiblicher zu machen. Sie könnten doch auch sagen: Frauen interessieren sich offenbar nicht für Luftfahrt, lassen wir es dabei.

Glenda Newton: Naja, ich denke wir wissen alle, dass eine vielfältige Mitarbeiterschaft generell um einiges produktiver ist. Egal ob männlich, weiblich, östlich oder westlich kulturell geprägt und so weiter – aus je mehr Perspektiven man etwas betrachtet, desto besser wird die Lösung.

Glenda Newton, ICAO
Glenda Newton, ICAO, © ICAO, aero.de (Montage)
 
Frauen sind Konsumentinnen, Frauen fliegen in Flugzeugen. Wir sind die eine Seite der Medaille, warum sollten wir nicht auch an der anderen Seite teilhaben, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen und Strategien für Organisationen der Luftfahrt auszuarbeiten?

Die Luftfahrtgemeinde ist sich einig, dass wir bis 2036 gut 640.000 mehr Piloten brauchen werden und dass der Luftverkehr sich in den kommenden 15 Jahren verdoppeln wird. Woher sollen all diese Arbeitskräfte für die Luftfahrt kommen?

Wir werden mehr Frauen in der Luftfahrt brauchen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Das ist eine ziemlich einfache Rechnung – und hat nichts damit zu tun, was wir wollen und was wir wünschen und was schön wäre. Die Luftfahrt wird leiden, falls wir das nicht hinkriegen.

aero.de: Wie könnte die Luftfahrtindustrie mehr Frauen für sich gewinnen?

Newton: Das ist eine der größten Herausforderungen. Die Luftfahrtindustrie steht heute in Konkurrenz zu vielen anderen attraktiven Branchen.

Eine der Herausforderungen der Luftfahrtindustrie besteht also darin, sich als wettbewerbsfähiger Marktplatz zu positionieren und nicht nur mehr Frauen sondern auch mehr Männer zu akquirieren. Wir müssen Luftfahrt als Marke etablieren.

Wenn wir an die Luftfahrt denken, denken wir oft in kulturellen Stereotypen: weil wir den Pilotenjob als männlich und den des Kabinenpersonals als weiblich verkauft haben.

Hier muss ein gewaltiger kultureller Wandel stattfinden und ich denke, wir sollten innerhalb der Branche mit Aufmerksamkeits- und Vielfaltstraining, dass auch die unbewusste Voreingenommenheit thematisiert, anfangen. Die ICAO-Mitgliedsländer können dabei helfen.

aero.de: Wie könnten die kulturellen Stereotype ausgeräumt werden?

Newton: Das muss zunächst innerhalb der Organisationen geschehen. Viele große Luftfahrtorganisationen haben umfangreiche Mitarbeiterstrategien und viele davon haben sich Vielfalt auf die Fahnen geschrieben: sie haben Programme für weibliche Führungskräfte, Mentorenprogramme für Frauen, sie bringen Frauen in alle Ebenen und suchen nach Talenten, damit sie weiterentwickeln und fördern können.

Insgesamt sehen wir eine Verschiebung in der Industrie und hoffen, dass das auf andere Bereiche überspringt.

aero.de: Auf welche Weise unterstützt die ICAO diese Bemühungen?

Newton: Die Aufgabe der ICAO besteht darin, mit den Mitgliedsstaaten zusammen zu arbeiten – wir beeinflussen sie, haben aber keine Kontrolle auf diesem Gebiet.

Wir erstellen Empfehlungen dazu, was Mitgliedsländer bezüglich der Genderfrage tun könnten. Das ICAO-Programm zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern setzt fest, dass die Mitgliedsstaaten die Bildung von Mädchen allgemein und in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) insbesondere fördern sollen.

Letztes Jahr haben wir den ersten Global Aviation Gender Summit veranstaltet – dort haben wir einen Aktionsplan speziell für die Genderfrage in der Luftfahrt erarbeitet.

Dieser Plan wird im September allen ICAO-Mitgliedsstaaten in der Generalversammlung zur Abstimmung vorgelegt. Wenn sie ihm zustimmen, wird er zur Richtlinie für unsere Mitgliedsstaaten und ihre Unternehmen, mehr Frauen zum Einstieg in die Luftfahrt zu ermutigen.

aero.de: Der erste Global Aviation Gender Summit letztes Jahr war eine von vielen Bemühungen der IATA, der ICAO, der IAWA und anderen. Warum kommt all dies Engagement in Sachen Frauen in der Luftfahrt erst jetzt?

Newton: Initiativen in dieser Richtung gibt es schon lange. Es gibt ICAO-Dokumente aus den Jahren 2003/2004, die sich mit der Förderung von Frauen beschäftigen.

Trotzdem sind derzeit nur vier von 35 Mitgliedern in unserem Rat Frauen. In unserem Rat haben wir also kein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern und es wäre schwierig, diese herzustellen mit Entsandten all unserer Mitgliedsstaaten in unserem Rat und in der Generalversammlung – denn es ist ein männlich geprägtes Umfeld.

Es ist ein harter Kampf. Immerhin ist die ICAO eine Organisation zur Regulierung der Luftfahrt innerhalb der Vereinten Nationen. Der Fokus der ICAO liegt auf Regulierungen und der Einhaltung von Sicherheitsstandards.

Gender gehört nicht zu unserem Kerngeschäft. Es hat also einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, einiges an Mühe, um dorthin zu gelangen, wo wir heute sind und ein Bewusstsein dafür geschaffen haben, dass Gender ein Thema sein muss. In den letzten drei/vier Jahren hat die ICAO sich diesbezüglich sprunghaft weiterentwickelt.

aero.de: Sie haben erwähnt, dass die ICAO weit von einem Gleichgewicht der Geschlechter entfernt ist. Haben Sie dazu genauere Zahlen?

Newton: Insgesamt arbeiten 54 Prozent Frauen in unserer Organisation. Wir haben Hilfspersonal und internationales Personal. Die internationalen Mitarbeiter sind von den Mitgliedsstaaten entsandt und die sogenannten Internationalen Staatsbediensteten.

Auf professioneller Ebene haben wir 30 Prozent Frauen, das ist nicht schlecht. Auf der Experten-Ebene beschäftigen wir 18 Prozent Frauen, die extrem technische Positionen innehaben.

aero.de: Sie haben über 20 Jahre Erfahrung im Personalwesen. Was hat Sie an Ihrem jetzigen Posten mit dem Fokus auf Genderfragen innerhalb der ICAO gereizt?

Newton: Ich habe oft dort gearbeitet, wo hauptsächlich Männer gearbeitet haben. Zusätzlich habe ich als Personalchefin des UN Global Services seit 2012 mit einer Menge männlicher peace keeper zusammengearbeitet - viele davon ehemalige Militärangehörige, die meinen Wert nicht immer respektiert haben.

Meine Position erlaubte es mir, bei diesen Leuten Grenzen zu überschreiten und Ihre Ansicht zu Genderfragen zu verändern. Im Personalwesen des UN-Hauptsitzes in New York hatte ich die gleiche Rolle inne, wo ich das Glück hatte, mit den politischen Entscheidungsträgern und denjenigen, die an vorderster Front des Gender Mainstreaming stehen, wie z.B. UN-Frauen, zusammenzuarbeiten.

Als dann meine jetzige Stelle bei der ICAO geschaffen wurde, war ich sehr daran interessiert. Wahrscheinlich ist dies aus kultureller, globaler und sogar auf individueller Perspektive eine der schwierigsten Organisationen, um einen Wandel in der Geschlechterverteilung einzuleiten.

aero.de: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Newton: Weil sie typischerweise männlich dominiert ist. Wenn Männer es gewohnt sind, nur mit Männern in einem Raum zu sitzen und man dort eine Frau vorstellt, die ihre Ideen nicht auf die gleiche Weise präsentiert, wie die Männer dies tun, kann dies neue Dynamiken und Herausforderungen schaffen.

Ich sehe hier manchmal Besprechungen, bei denen keine einzige Frau am Tisch sitzt. In einem Umfeld, in dem du niemanden hast, der anders ist als du, sei es, dass er einem anderen Geschlecht angehört oder eine andere Herkunft hat, kannst du diese Leute vielleicht nicht so gut verstehen, wie es eigentlich möglich wäre – selbst wenn diese Leute möglicherweise großartige Ideen mitbringen.

aero.de: Was denken Sie: warum arbeiten so wenige Frauen in der Luftfahrt?

Newton: Auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten – fangen wir bei den Grundlagen an. Ein Kind schaut in den Himmel und sagt: ich will ein Flugzeug bauen. Wenn es ein Junge ist, sagen die Eltern für gewöhnlich: ja. Wenn es ein Mädchen ist, können sie oft sagen: Du kannst kein Flugzeug bauen, du bist ein Mädchen.

Ich denke, dass Mädchen in vielen Gegenden ab einem sehr frühen Alter kulturell entmutigt werden und Frauen keine Rolle in der Luftfahrt zugeschrieben wird. Einige Kulturen sind voreingenommen, was den Werdegang von Mädchen betrifft.

Zwar verändern sich die Dinge; die Millenials achten nicht auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern – aber wir haben sie nicht frühzeitig für die Luftfahrt gewonnen.

Außerdem denke ich, dass einige Frauen der Luftfahrt wieder den Rücken kehren, wenn sie merken, wie schwierig es hier als Frau ist - weil sie eben derart Männer-dominiert ist.

aero.de: Was macht es so schwierig für Frauen?

Newton: Für Frauen kann es manchmal schwierig sein, als einzige unter Männern in einer Besprechung zu sitzen – es kann einschüchternd sein, egal, wie qualifiziert die Frau auch sein mag.

Deswegen ist Training für weibliche Führungskräfte so wichtig – damit sie ihr Selbstbewusstsein bewahren und einen Wandel einleiten und mitgestalten können.

Außerdem haben wir keine Mentoren für Frauen in dieser Industrie. Wir sind sehr froh, dass wir Dr. Fang Liu als Chefin der ICAO haben, wir haben Angela Gittens als Chefin des Flughafenverbandes ACI World.

Wir haben ein paar Frauen auf sehr einflussreichen Posten in der Luftfahrt, wir brauchen auch welche auf der mittleren Management-Ebene.

aero.de: Sie haben Vorbilder wie Dr. Fang Liu und Angela Gittens erwähnt. Was können Frauen noch dazu beitragen, um ihren Anteil in der Luftfahrt zu erhöhen?

Newton: Ich denke, dass besonders diese beiden Damen stetig für Frauen in der Luftfahrt eintreten. Das ist eine Möglichkeit: eine Kernbotschaft beim Publikum zu hinterlassen – und das ist meist männlich.

Mentorinnen sind meiner Ansicht nach ebenfalls wichtig, aber wir brauchen auch männliche Anwälte für dieses Thema. Viele Männer arbeiten hart dafür, um zu erreichen, dass Frauen nicht außer Acht gelassen werden.

Wir müssen auch sichtbare Aktivitäten wie den Gender Summit voranbringen. Als wir ihn beworben haben, haben wir bemerkt, dass Gender ein übergreifendes Thema ist. Es ist unerheblich, ob Sie Studentin sind, im Berufsleben stehen, eine Regierungsvertreterin oder sonst etwas sind. Der Kampf um Gender-Gerechtigkeit geht alle etwas an.

Jeder ist ein Teil dieses Kampfes. Wir wollen, dass Perspektiven zusammenkommen und so eine Veränderung zum guten mit bewirken können.

Frau Newton, wir danken Ihnen für das Gespräch.

In unserer aero.de-Serie Frauen in der Luftfahrt stellen wir Ihnen einflussreiche und außergewöhnliche Frauen der aktuellen Luftfahrt vor, liefern Hintergründe zu dem Thema und zeigen aktuelle Entwicklungen auf.
© aero.de (boa) | Abb.: ICAO, aero.de (Montage) | 18.05.2019 08:48

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Beitrag vom 18.05.2019 - 11:01 Uhr
Eines vorneweg: Wir leben im Jahr 2019, wenn also eine Frau gerne Pilotin werden möchte, soll sie das tun, damit habe ich absolut kein Problem.
Wenn Frauen auf irgendeine Art und Weise diskriminiert werden, dann muss das aufhören, ganz klar.
Aber: Die wenigsten Frauen möchten überhaupt ins Cockpit. Sicherlich, einige trauen es sich vielleicht nicht zu, die kann man noch motivieren. Aber der Rest, der einfach keine Lust oder Interesse hat? Auch das soll vorkommen, und genau dieser Punkt wird oft in diesen Geschlechtsdebatten vergessen oder bewusst völlig außer acht gelassen.
Ebenso ist es wichtig, dass man versteht, dass gewisse Anforderungen, die in einem Cockpit nunmal schlicht notwendig sind, Männer bevorzugen, z.B. räumliches Vorstellungsvermögen. Damit sage ich nicht, dass Frauen allgemein dieses Vorstellungsvermögen nicht haben, es ist aber im Durchschnitt weniger ausgeprägt. Dafür können Frauen dank einer besseren Vernetzung der Hirnhälften besser zwei Dinge gleichzeitig machen.
Was ich sagen will: Man darf die Industriestandards nicht senken, nur um irgendeiner Quote hinterherzuhecheln. Das wäre in puncto Sicherheit völlig kontraproduktiv.
Bestärkt diejenigen, die sich aus irgendwelchen Gründen nicht trauen, aber die die Voraussetzungen hätten, und ansonsten muss man eben damit leben, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Stärken und Schwächen haben. Ganz einfach.


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