Covid-19-Krise
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Piloten am Boden

Airbus A350 Cockpit
Airbus A350 Cockpit, © Airbus

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FRANKFURT - Eine Maschine zu fliegen, die Hunderte Millionen Euro wert ist, galt Vielen bis vor Kurzem als Traumjob. An Gelegenheiten dazu mangelte es nicht: 2019 schätzte Boeing, dass in den kommenden 20 Jahren 800.000 neue Piloten gebraucht würden. Heute halten sich Tausende Piloten mit anderen Jobs über Wasser.

Im Zuge der Coronavirus-Pandemie stand zeitweise gut die Hälfte der globalen Flotte am Boden. Einige Piloten wissen nach wie vor nicht, wann und ob sie wieder ins Cockpit zurückkehren können - und halten sich derweil mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder suchen sich alternative Karrierewege.

Damit sind sie freilich nicht allein – weltweit sind wegen des Pandemie-Stillstandes eine Milliarde Arbeitnehmer branchenübergreifend von Gehaltseinbußen betroffen oder fürchten um ihren Job. 

Aber nur in wenigen Bereichen hat sich das Gewicht beinahe über Nacht vom extremen Mangel hin zu einem enormen Überschuss an Fachkräften verlagert. "Wir werden alles uns Mögliche tun, um das Problem zu lösen und unsere Familien zu schützen", sagte Chris Riggins, Delta Air Lines Pilot und Sprecher der US-Pilotengewerkschaft Airline Pilots Association. "Wenn das bedeutet, dass wir im Supermarkt arbeiten müssen, werden wir das tun."

Tatsächlich machen dies bereits einige, andere arbeiten in Telekommunikationsunternehmen, noch mehr machen einen LKW-Führerschein oder heuern bei Finanzdienstleistern an. Für viele haben sich Nebenjobs, die sie über die vergangenen Jahre aufgenommen hatten, nun zum ersten Standbein entwickelt.

Qantas-Pilot Richard Garner etwa hat vor zwei Jahren ein Finanzdienstleistungsunternehmen gegründet, das unter anderem Kredite für Airline-Mitarbeiter vermittelt. Heute ist es seine Haupteinnahmequelle. "So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt", sagt der 43-jährige A330-Pilot, der in dieser Funktion seit März freigestellt ist.

Nach wie vor nur ein Bruchteil des ursprünglichen Flugverkehrs

Seit Juni nehmen die Inlandsflüge in einigen Ländern – darunter China und USA - wieder zu. American Airlines etwa fährt das Programm im Juli im Vergleich zum Vormonat um 74 Prozent hoch – und liegt damit noch immer weit entfernt von ihrem Angebot, das sie 2019 hatte.

Insgesamt gibt es im Juni laut Zahlen der OAG weltweit zwei Drittel weniger Flugverkehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Am 8. Juni lagen Airlines in Westeuropa, Lateinamerika und Südostasien demnach bei knapp dreißig Prozent ihrer Vorkrisenkapazität.

Ob und wann die Branche sich davon vollständig erholt, ist noch nicht klar. Weltweit stehen Airlines laut dem internationalen Linienluftfahrtverband IATA vor einem Verlust in Höhe von gut 84 Milliarden US-Dollar und einem um die Hälfte eingebrochenen Umsatz. 

Airline-Chefs kündigen "schwierige Entscheidungen" an und stimmen die Belegschaft auf einen baldigen Stellenabbau ein. Düstere Aussichten für Berufspiloten, nicht nur wegen der greifbaren Arbeitsmarktzahlen. Wer heute Pilot ist, hat sich in vielen Fällen schon als Kind ins Cockpit gesehnt.

"Niemand stolpert zufällig in diesen Job", sagt Robert Bor vom Centre for Aviation Psychology, das Piloten-Screenings für viele britische Airlines durchführt. "Dieser Job zieht Leute an, die sich ihm vollständig widmen, die eine Leidenschaft dafür empfinden und manchmal sogar eine leichte Besessenheit."

Kaffee für Krankenpfleger

Dave Fielding wollte Pilot werden, seit er sieben Jahre alt ist. Seit 1993 flog er für British Airways, heute versorgt er gemeinsam mit Kollegen Krankenpfleger und Ärzte in Krankenhäusern in Leeds mit Kaffee und Snacks. 

Denn seit Monaten ist er wegen der Covid-19-Krise nicht mehr geflogen und engagiert sich deswegen im "Project Wingman", das inzwischen 5.000 Crewmitglieder in 50 Krankenhäusern umsetzen.

Wann Fielding wieder fliegen kann, weiß er nicht. Ab Juli können einige Piloten in Großbritannien in Teilzeit zurückkehren, andere müssen vermutlich bis Oktober oder länger warten. 

Das British Airways-Management hat die Streichung von 12.000 Arbeitsplätzen angekündigt und versucht, sich dieser Zahl zunächst mit freiwilligen Ausstiegsprogrammen zu nähern.

Im "Professional Pilots Rumour Network" tauschen sich Piloten über ihre neuen Jobs aus. Supermarktregale in Australien einzuräumen "ist ziemlich hart", schreibt ein Boeing 737-Pilot, "wenn man bedenkt, dass ich 60.000 bis 70.000 Schulden habe". 

Ein Airbus A320-Pilot berichtet von seinem Teilzeitjob als Security-Mitarbeiter, wo er "in einer Woche soviel verdient, wie (er, Red.) an einem halben Tag verdiente. Ein anderer wartet und installiert Swimming Pools. 

All dies kann ein vorübergehendes Tief sein. Einige Branchengrößen verweisen auf vergangene Krisen, welche die Luftfahrt gut überstanden hat – und nennen den SARS-Ausbruch 2003, die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Finanzkrise 2008 als Beispiel.

"Das Gleiche wird passieren, wenn die Covid-19-Pandemie abflaut", spricht das Boeing-Management sich und anderen Mut zu. "Langfristig gelten die Voraussetzungen, welche die Nachfrage nach Flugreisen und Flugfracht steuern, nach wie vor."

Branche verliert Erfahrungsschatz

Kurzfristig müssen große Airlines wie Delta und United 20 Prozent ihrer Piloten entlassen. Die meisten davon - in absoluten Zahlen bis zu 13.000 - können in Frührente gehen. 

Wegen der staatlichen Finanzhilfen können US-Airlines vor dem 30. September keine Angestellten entlassen. "Viele in der Branche fürchten dieses Datum", schreibt die Analystin Helene Becker.

Auch andernorts drohen tiefe Einschnitte. Das Lufthansa-Management spricht von einem Personalüberhang im Wert von 22.000 Vollzeitstellen, Alitalia hat laut Sonderverwalter Giuseppe Leogrande 6.800 Mitarbeiter zuviel. Das Emirates-Management spricht gar von 30.000.

Der angestrebte Rückzug insbesondere älterer Piloten bedeutet zugleich einen Verlust ihres Erfahrungsschatzes, von dem jüngere Kollegen bisher profitierten. Zugleich ist die Krise nicht dazu geeignet, junge Leute dazu zu animieren, den Beruf des Piloten zu ergreifen.

"Ein Verlust der Expertise erfahrener Piloten, die an der Spitze ausscheiden und nicht genug junge Talente, die unten nachkommen wird in der Zukunft zu einem Mangel an Know How führen", sagt Piloten-Recruiter Mark Charman. "Pilot zu werden ist nicht mehr so reizvoll, wie es einmal war."
© aero.de (boa), Bloomberg | Abb.: Project Wingman | 20.06.2020 08:20

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Beitrag vom 24.06.2020 - 18:31 Uhr
Danke, aber ein bisschen Zeit ist ja noch um das zu ändern...
Wer sollte da noch was ändern? Berlin? Mutti? Die macht bestimmt schon ihren Schönheitsschlaf. Mir fällt keine(r) ein.

Es geht darum wie ich stimme...
Alles klar :-)
Beitrag vom 24.06.2020 - 18:23 Uhr
Danke, aber ein bisschen Zeit ist ja noch um das zu ändern...
Wer sollte da noch was ändern? Berlin? Mutti? Die macht bestimmt schon ihren Schönheitsschlaf. Mir fällt keine(r) ein.

Es geht darum wie ich stimme...
Beitrag vom 24.06.2020 - 17:56 Uhr
Danke, aber ein bisschen Zeit ist ja noch um das zu ändern...
Wer sollte da noch was ändern? Berlin? Mutti? Die macht bestimmt schon ihren Schönheitsschlaf. Mir fällt keine(r) ein.


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