Tui-Betriebsrat
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Staatshilfe nützt auch den Kleinen – Kritik an Piloten

Tuifly Boeing 737 MAX 8
Tuifly Boeing 737 MAX 8, © Tui

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HANNOVER - Für Tui-Betriebsratschef Frank Jakobi sind die umstrittenen Staatshilfen an den größten Reiseanbieter berechtigt. Innerhalb des Konzerns müssten sich aber die Piloten fragen, ob sie nicht auch selbst einen größeren Beitrag zur Rettung leisten könnten, betonte der oberste Belegschaftsvertreter im Interview der dpa.

Das für den Tourismus verheerende Corona-Jahr 2020 hat bei den Hannoveranern bereits zu einem personellen Aderlass geführt. Das Management fährt außerdem einen harten Sparkurs.

"Man kann sich sicher die Frage stellen, ob Tui als Unternehmen systemrelevant für die Bundesrepublik ist", sagte Jakobi. "In direkter Form wohl nicht. Aber im Tourismus als Wirtschaftszweig ist Tui systemrelevant." Die Milliardenkredite und Bürgschaften, die vor allem über die Förderbank KfW laufen, seien insgesamt in Ordnung. Denn man müsse auch Anschlusseffekte beachten. "Wenn es uns nicht mehr gibt, dann hat auch das kleine Reisebüro an der Ecke fast kein Produkt mehr und bekommt Sortimentsprobleme", so Jakobi. "Viele, viele Arbeitsplätze und Existenzen sind indirekt von Tui abhängig."

Er habe sich dazu mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD) ausgetauscht. "Wir freuen uns natürlich, dass wir die staatlichen Hilfen bekommen." Jakobi betonte, dass dies aber "keine Geschenke" seien, sondern eben Kredite mit teils hohen Zinsen: "Wir werden alle Hilfen zurückzahlen, am Ende wird der deutsche Steuerzahler an Tui viel Geld verdienen." Zudem zahlten die Beschäftigten mit erhaltenen Jobs ja weiter ein. "Die Alternative wäre gewesen: Zehntausende Kolleginnen und Kollegen werden arbeitslos, zahlen keine Steuern mehr und erhalten staatliche Unterstützung wie Arbeitslosengeld", sagte der Betriebsratschef.

Insgesamt schätzt Jakobi die Chancen im neuen Jahr als durchaus gut ein. "Ich glaube, für ein profitables Oster-Programm wird es 2021 noch zu früh sein. Aber wir werden schon eine gute Buchungslage für den Sommer bekommen, alle Indikatoren deuten darauf hin. 2022 sind wir wieder da, wo wir 2019 vor dieser Krise waren - davon bin ich fest überzeugt." Auch Branchenbeobachter nehmen an, dass es bald aufwärtsgehen könnte - falls sich Corona-Impfungen breit durchsetzen.

Tui müsse auch selbst nach weiteren, möglichst sozialverträglichen Sparmöglichkeiten suchen. "Insgesamt ist das alles natürlich nicht leicht für uns", sagte Jakobi mit Blick etwa auf die eigene Airline Tuifly. "Der Druck auf die Kolleginnen und Kollegen und die Stimmung sind je nach Bereich aber auch sehr unterschiedlich. Es gibt Bereiche, die stärker vom Sparkurs betroffen sind als andere." Rund 8.000 Jobs will der Konzern insgesamt streichen, vor allem im Ausland.

Jakobi ermahnte die Piloten, sich solidarischer zu zeigen. "So gut wie alle Beschäftigten machen Kurzarbeit - aber eine Gruppe leistet im Augenblick keinen Beitrag", kritisierte er. Viele Mitarbeiter, die gut verdienen und oberhalb der Schwellen für das Kurzarbeitergeld liegen, hätten sich ebenfalls bereiterklärt, auf bis zu ein Fünftel ihres Gehalts zu verzichten.

"Die Piloten aber haben gesagt: "Das kommt für uns nicht in Frage, wir beteiligen uns nicht an Kurzarbeit und verzichten mit Blick auf Kurzarbeit auf nichts"". Diese Haltung sei anders als in Reisebüros, Callcentern, der Verwaltung oder den Veranstaltungsbereichen, wo man im Interesse des Ganzen zurückstecke.

"In allen Bereichen der Tui außerhalb des Cockpits haben die Betriebsräte ihre Verantwortung wahrgenommen und die Verhandlungen zur Kurzarbeit geführt", berichtete Jakobi. Bei den Piloten habe die eigene Personalvertretung das jedoch auf die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit übertragen. "Viele nennen das unverantwortlich und feige." Das Verhalten der Piloten werde von den anderen als unsolidarisch angesehen. "Die Stimmung in Richtung Piloten ist im Konzern auf einem Tiefpunkt", so Jakobi. "Diese Berufsgruppe isoliert sich gerade."

Unterdessen zeigen sich die Folgen der Corona-Einbrüche auch für die Beschäftigung im Tui-Konzern immer deutlicher - wobei hier vor allem die Lage in den Hotels sowie starke saisonale Effekte vor dem schwachen Winter zu berücksichtigen sind. Nach Angaben aus Konzernkreisen schrumpfte die Gesamtbelegschaft von knapp 60 300 Menschen im November 2019 auf rund 38 200 vor dem Jahresende 2020.

Im zurückliegenden Sommer brauchte der Konzern in den Urlaubsgebieten zunächst weniger Saisonkräfte als in normalen Jahren. Es habe nach der Rücknahme von Reisebeschränkungen zwischenzeitlich zwar wieder mehr Einstellungen gegeben, erklärte das Unternehmen in Hannover. Hinzu kämen nun allerdings auch Schließungen in Wintersport-Regionen sowie an südlichen Zielen wie den Kanarischen Inseln oder in Ägypten.

Wie es aus dem Konzernumfeld weiter hieß, soll der Jobabbau in Deutschland bis zum November im Vorjahresvergleich bei etwa 17 Prozent gelegen haben. In den Hotels an den Urlaubsorten dagegen kam es demnach zu mehr als einer Halbierung der Belegschaft (minus 57 Prozent). Die Airline Tuifly soll 12 Prozent, das Unternehmen Tui Deutschland 7 Prozent weniger Mitarbeiter beschäftigt haben.
© dpa | Abb.: Tui | 23.01.2021 06:46

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Beitrag vom 26.01.2021 - 09:57 Uhr
Dass Piloten Bashing - insbesondere von irgendwelchen Wannabees - immer gut geht, ist ja nichts neues. Endlich kann man den blöden Piloten mal eins drauf geben, sie sind ja so gemein und so gierig.

All das geht am Kern vorbei. Was Herr Jacobi uns allen aus vermutlich gutem Grund erspart hat, ist der Weg wie es zu dem Umstand gekommen ist, dass die Piloten sich seit Dezember nicht mehr an den Gehaltsreduzierungen beteiligen. dazu verdreht er wissentlich oder nicht ein paar wenige aber wesentliche Tatsachen: Jacobi sagt:

"Die Piloten aber haben gesagt: "Das kommt für uns nicht in Frage, wir beteiligen uns nicht an Kurzarbeit und verzichten mit Blick auf Kurzarbeit auf nichts"

Das ist glatt gelogen. Die VC hat für ihre Piloten einen 20% Gehaltscut vereinbart. Diese Vereinbarung ist bis November 2020 gültig gewesen. Auf Nachfrage von Tui, ob man den Vertrag verlängern könne, hat die VC darum gebeten, das mit weiteren Verhandlungen zur Restrukturierung zu verknüpfen. Ohne darauf zu Antworten hat sich die Tui GF dann drei Tage im Internen Mailing über die Piloten beschwert, dass sie ihren Anteil nicht beitragen wollen.

Außerdem hat die Personalvertretung - der Betriebsrat der Piloten - sich den Gesprächen nicht feige verweigert wie Jacobi behauptet, sondern musste die Verhandlungen an die Tarifkommission abgeben, da die Personalvertretung nicht über Tarifthemen verhandeln darf. Das hat mit den rechtlichen Besonderheiten zu tun, die beim fliegenden Volk anders als im Betriebsverfassungsrecht geregelt sind.
Das dürfte aber so nicht ganz richtig sein. Kurzarbeit ist ein BR, und damit PV, Thema, denn es ist kein Tarifthema. Es sei denn, man verknüpft Beides miteinander. Das dürfte das Kernproblem sein, siehe LH. Es wird versucht, aktuelle Sparmaßnahmen mit perspektivischen Maßnahmen zu verknüpfen. Das ist natürlich komplizierter und dauert somit länger. In der Zwischenzeit sind andere Bereiche schon im Spar/KA Modus und man schaut auf die Gruppe, die da noch nicht ist. Es ist natürlich deren gutes Recht, so zu verhandeln wie es in die eigne Bedürfnisslage passt, allerdings muss man dann auch aushlaten, wenn andere Gruppen oder deren Vertretungen da eine eigenen Blick drauf haben. Das immer gleich mit Piloten Bashing zu verknüpfen macht es nicht besser und man macht es sich damit zu leicht. Wenn man der Gegenseite vorwirft sie wäre pauschal und nicht differenziert genug, dann muss man diesen Ansprüchen auch selbst genügen. Völlig unabhängig davon, was hier jetzt von welcher Seite genau stimmt oder nicht.

Was ich persönlich nicht verstehe ist die Tatsache, dass die Presse unisono genau die gleichen Behauptungen voneinander abschreibt, ohne mal ein wenig Recherche zu betreiben. Aber wie schon geschrieben: Piloten Bashing geht immer und die neidischen Wannabees freuen sich, dass die Gierlappen aus den Cockpits ihre Arroganz endlich mal heimgezahlt bekommen...
Na ja, das ist eine Agenturmeldung, die man übernimmt. Investigativer Journalismus, hier?
Die Frage "Qui Bono" muss hier erlaubt sein.... Warum stichelt der oberste Mitarbeitervertreter gegen eine Berufsgruppe ohne sich selbst für die auch betroffenen Mitarbeiter am Boden oder in der Kabine einzusetzen?
Gute Frage! Könnte man auch der VC stellen wenn sie veröffentlicht Gehaltsverzicht von bis zu 50% und nicht im Schnitt von x% schreibt ;-) So ist das in der Politik.

Ein Schelm wer böses dabei denkt...
Eben
Beitrag vom 26.01.2021 - 08:25 Uhr
Lieber Gurkenwassertrinker,

gut zusammengefasst! Exakt so ist es.


Mark Pieper
Beitrag vom 25.01.2021 - 22:56 Uhr
Dass Piloten Bashing - insbesondere von irgendwelchen Wannabees - immer gut geht, ist ja nichts neues. Endlich kann man den blöden Piloten mal eins drauf geben, sie sind ja so gemein und so gierig.


Aber wie schon geschrieben: Piloten Bashing geht immer und die neidischen Wannabees freuen sich, dass die Gierlappen aus den Cockpits ihre Arroganz endlich mal heimgezahlt bekommen...

Was scheinbar auch genauso gut geht wie das Piloten Bashing ist die unendlich wiederholte Neid Diskussion. Jeder der etwas gegen die Piloten sagt, ist nur neidisch....

Wir beides langsam ziemlich langweilig hier...


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