Neue Pilotenausbildung
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Lufthansa schaltet in Bremen die Triebwerke ab

Lufthansa Verkehrsfliegerschule Bremen
Lufthansa Verkehrsfliegerschule Bremen, © Lufthansa

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FRANKFURT - Der Lufthansa-Konzern schließt mit seinem neuen Konzept zur Pilotenausbildung die praktische Ausbildung an der traditionsreichen Verkehrsfliegerschule Bremen - 130 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Künftige Lufthansa-Piloten werden das Fliegen in Rostock lernen.

Im künftigen Ausbildungsverbund sollen am Standort nur noch die theoretischen Inhalte gelehrt werden, die Trainingsrunden im Flugzeug werden vom Bremer Flughafen nach Rostock verlagert, wie die Konzern- Ausbildungssparte Lufthansa Aviation Training (LAT) am Mittwoch mitteilte.

Die 1956 gegründete Verkehrsfliegerschule Bremen ist nicht irgendein Standort, sondern für die meisten der rund 5.000 Lufthansa-Piloten mit starken Emotionen verbunden. Hier haben sie als junge Flugschüler ihre ersten Erfahrungen gemacht, in eng verbundenen Jahrgängen für die anspruchsvollen Prüfungen gebüffelt und diese letztlich bestanden.

Bremen gilt als Ausgangspunkt des starken Korps-Geistes der Pilotenschaft, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder in Konflikten mit dem Management gezeigt hat.

Den rund 130 Bremer Mitarbeitern wurde am Mittwochmorgen in einer Betriebsversammlung eröffnet, dass für sie ein Interessenausgleich und Sozialplan verhandelt werde. "Es ist ein wirklich dunkler Tag für die Schule, die Piloten und die Mitarbeiter", sagt danach der Fluglehrer und Betriebsrats-Vize Philip Walker.

Nach diesen Ankündigungen müssten nicht nur die Fluglehrer um ihre Jobs bangen. "Auch die Theorielehrer und Angestellten in der Verwaltung können sich keineswegs sicher sein, dass ihre Kompetenzen in Zukunft noch gewollt sind."

Laut Lufthansa soll der theoretische Teil der Ausbildung künftig am Standort Bremen konzentriert werden. "Hier sollen auch die zukunftsgerichteten, digitalen Module für die theoretische Pilotenausbildung entwickelt werden", heißt es in einer Mitteilung. Auf Dauer zu teuer erschienen hingegen die Übungsflüge in den erst 2007 angeschafften Cessna-Citation-Jets.

An ihre Stelle sollen am Flughafen Rostock-Laage Propellermaschinen treten, deren Betrieb laut LAT nicht einmal ein Viertel der Cessna-Kosten ausmacht. Unverändert bleibt die Ausbildungseinrichtung Grenchen aus dem Erbe der Lufthansa-Tochter Swiss, die ebenfalls mit Diamond-Propellermaschinen arbeitet.

Der Konzern verabschiedet sich mit dem neuen Konzept von dem Modell, Piloten in einem speziellen Ausbildungsgang allein für die Bedürfnisse ihrer Haupt-Airline Lufthansa und der Lufthansa Cargo auszubilden. Wer früher in diese Ausbildung genommen wurde, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Anstellung bei der Lufthansa-Kerngesellschaft machen, und das zu Tarifbedingungen, von denen die Piloten in anderen Konzern-Airlines nur träumen konnten.

Künftig sollen alle Flugschüler in einem "Campus-Modell" die gleichen Ausbildungsschritte durchlaufen und sich mit dem allgemeineren ATPL-Abschluss (Airline Transport Pilot Licence) bei den verschiedenen Konzerngesellschaften bewerben. Fluglehrer Walker findet das kurzsichtig: "Die ganz speziell auf die Bedürfnisse der Lufthansa zugeschnittene MPL-Ausbildung (Multi-Crew Pilot Licence) ist damit tot. Das bedeutet auch für die Airline einen ungeheuren Qualitäts- und Kompetenzverlust."

Flugschüler in der Warteschleife

Weil die Ausbildung in Bremen bislang sogar Einstellungsvoraussetzung für frischgebackene Piloten bei Lufthansa und Lufthansa Cargo war, hat der Konzern den entsprechenden "Tarifvertrag Auswahl" mit der Vereinigung Cockpit zum Ende Juni gekündigt. Das müsse nun neu ausgehandelt werden, heißt es in der Frankfurter Zentrale.

Lufthansa zieht Praxisausbildung aus Bremen ab
Lufthansa zieht Praxisausbildung aus Bremen ab, © Lufthansa

Weiterhin unklar ist das Schicksal der rund 700 Flugschüler, die im vergangenen Frühjahr von der Corona-Krise kalt erwischt wurden. Lufthansa Aviation Training will nur rund 150 weit Fortgeschrittene fertig ausbilden, die übrigen sollen aufhören oder mit ungewissen Aussichten an eine private Flugschule wechseln.

Laut Vereinigung Cockpit haben rund 120 Schüler aus dem MPL-Lehrgang beim Arbeitsgericht Frankfurt auf eine Fortsetzung der Ausbildung zu den alten Bedingungen geklagt.

Wann es neue Kurse nach welchem Modell auch immer geben wird, wagt im Moment niemand zu sagen. Fakt bleibt, dass der Konzern seine Flotte von einst 800 auf 650 Flugzeuge verringern will und dafür auf lange Zeit weniger Piloten benötigt als er zur Zeit an Bord hat.
© dpa-AFX | Abb.: Lufthansa | 17.02.2021 16:00

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Beitrag vom 18.02.2021 - 18:11 Uhr
Irgendeine Fahrschule, irgendwann in den 50ern irgendwo in der norddeutschen Pampa gegründet ist also "geschichtsträchtig" und Ausgangspunkt irgendeines "Korps-Geistes" ...


Fast so lächerlich wie die Berliner "Apus-Group" aber nur fast.

Na das trieft ja nur so vor Arroganz...
Beitrag vom 18.02.2021 - 12:36 Uhr
Irgendeine Fahrschule, irgendwann in den 50ern irgendwo in der norddeutschen Pampa gegründet ist also "geschichtsträchtig" und Ausgangspunkt irgendeines "Korps-Geistes" ...


Fast so lächerlich wie die Berliner "Apus-Group" aber nur fast.
Beitrag vom 17.02.2021 - 20:10 Uhr
Und das Risiko sollen die Flugschüler auch komplett selber tragen, was auch sonst.

Das muss er ja nicht tun, wenn er es nicht will. Ich sehe das Problem nicht.
Spätestens wenn Fluggesellschaften Piloten suchen und nicht finden wird das Thema des Zahlens der Ausbildung vom Tisch sein. Aber die Flugschüler sind doch selbst dran schuld, wenn man so viel Geld dafür locker macht.

Das ist wohl eine maximal liberale, marktwirtschaftliche Meinung.
Ich respektiere sie, aber ich kann sie keineswegs teilen.
Es geht um das Ende eines dualen Ausbildungsmodells (das sich über einige Jahre anbahnte), einer Partnerschaft mit dem künftigen Arbeitgeber via seiner Flugschule. Natürlich finden sich unzählige Bereiche der Wirtschaft, in denen Menschen ihrer Tätigkeit auch ohne eine solche partnerschaftliche Ausbildung gut ausüben können, dieser Angriffsfläche bin ich mir bewusst. Doch mit der einstigen FQ beim DLR hat sich ein Bewerber, wie der Name schon sagt, für die Firma (den Konzern) qualifiziert. Es war Voraussetzung für eine Partnerschaft mit Rechten und Pflichten, Möglichkeit den Pilotenanwärter nach eigenen Vorstellungen im Bereich des lizenztechnisch Zulässigen zu formen und im Gegenzug eine Art Absicherung für ebendiesen Anwärter, wenn er nur alle Hürden nimmt. Das unternehmerische Risiko für den Luftfahrtkonzern dahinter bestand immer, es wurde nur zunehmend kritischer bewertet, schon geraume Zeit vor der Pandemie...


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