EASA-Direktor Patrick Ky
Älter als 7 Tage  

"Wir haben erkannt wie verwundbar die Luftfahrt ist"

Patrick Ky
Patrick Ky, © EASA

Verwandte Themen

KÖLN - Airlines rechnen 2022 mit einem Abklingen der Pandemie. Der Neustart ist nicht die einzige Herausforderung für die Branche. Im Interview mit aero.de spricht EASA-Direktor Patrick Ky über gestresste Piloten, mehr Vogelschläge, die aktuelle A350-Problematik - und Lehren aus der 737 MAX für die Zulassung der 777X. 

Der Franzose Patrick Ky (54) ist seit September 2013 Direktor der Europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA, die mit etwa 800 Mitarbeiten ihren Sitz nahe des Kölner Hauptbahnhofs hat. Zuvor leitete er das SESAR-Forschungsprogramm, das den einheitlichen Luftraum über Europa umzusetzen versucht.

"Schon als Kind wurde meine Begeisterung für Luftfahrt geweckt als ich in der Nähe des Flughafens Paris-Orly aufwuchs und oft mit dem Fahrrad zum Flugzeuge gucken fuhr", sagte Ky gegenüber aero.de Priority. Das Interview führte Andreas Spaeth. 

aero.de: Wie hat sich die Zeit geringen Flugaufkommens während der Pandemie auf den Flugbetrieb danach ausgewirkt?

Patrick Ky: In Gegenden wo es längere Zeit kaum Flugverkehr gegeben hatte im letzten Jahr verzeichneten wir zum Beispiel vermehrt Vogelschlag. Dort hatten die Vögel wieder das Flughafenterrain übernommen, was beim Neustart des Flugverkehrs für gefährliche Situationen sorgte. Das können wir aber in den Griff bekommen.

Wir haben auch viele Piloten beobachtet, die länger nicht geflogen waren und erst ihre Routine wiedergewinnen mussten. Sie fühlten sich vor allem unwohl in Bereichen, wo sie sich nicht genau auskannten. So gaben ihnen etwa die Lotsen jetzt plötzlich oft direktere Routen, weil wenig Verkehr herrschte, die die Piloten aber aus normalen Zeiten nicht kannten.

Das verursachte höheren Stress. Dazu kam, dass sie sich oft ein wenig eingerostet fühlten weil sie eben eine Zeit lang nicht geflogen waren. Daraus entsteht was wir "unstable approaches" nennen, da wird immer mal der Schub erhöht und der Anflug erfolgt nicht gleichmäßig, sondern stufenweise. Aber ich muss betonen, dass alle diese Dinge nie die Sicherheit gefährdet haben.

Hat die EASA dagegen etwas unternommen?

Wir haben die Branche und die nationalen Luftfahrtbehörden informiert und gefragt, ob sie sich verstärkt um die Vogelvergrämung und das Training direkter Anflüge für Piloten kümmern können.

Was wir auch noch beobachtet haben, ist eine spezielle Form der Ermüdung von Piloten, wenn sie einige Zeit ohne Flugpraxis waren und sich dann bei Rückkehr ins Cockpit mehr gestresst fühlten. Das ist eine ganze andere Art von pilot fatigue als bei Überlastung etwa durch viele Routineflüge. Wir haben auch da die nationalen Behörden gebeten das zu überwachen um sicherzustellen, dass wir keine übermüdeten Crews im Cockpit haben, was dann zum Sicherheitsrisiko werden könnte.

Ein anderes Problemfeld ist die Bodenabfertigung, die Ground Handler standen in Zeiten von wenig Flugverkehr besonders unter Druck und mussten viele Leute entlassen und dann ad hoc wieder einstellen, deshalb gab es einen Anstieg bei den mit der Bodenabfertigung zusammenhängenden Vorfälle.

Auch hier war die Sicherheit nicht beeinträchtigt, aber unsere Rolle ist nicht zu warten bis Unfälle passieren, sondern zu erkennen, wo Risiken bestehen und dann die Beteiligten aufzufordern, diese abzustellen.

Waren diese Beobachtungen auf 2020 beschränkt oder tauchen sie mit den Aufs und Abs der Pandemie weiterhin auf?

Wir haben aus den Erfahrungen gelernt und ich glaube die Branche ist heute in der Pandemie wesentlich besser aufgestellt als vor einem Jahr, alles ist vorbereitet. Wo wir immer noch Probleme haben ist mit den rein nationalstaatlichen Entscheidungen.

Einfach Grenzen zu schließen oder Quarantäne-Auflagen zu verhängen, ohne das mit den Nachbarstaaten zu koordinieren, das schafft uns Probleme, weil 70% des europäischen Flugverkehrs mindestens eine Grenze überquert. Wenn man sich nicht einmal innerhalb Europas abspricht, entstehen viele Schwierigkeiten und man hilft niemandem. So haben einige Länder jetzt allen Verkehr ins südliche Afrika gestoppt, aber das hält das Virus nicht davon ab sich zu verbreiten, das war eher eine reflexartige Reaktion.

Wie hat die Pandemie die Luftfahrtbranche insgesamt verändert?

Vor drei oder vier Jahren wurde vor allem in Deutschland die Verspätungssituation im Luftraum als unhaltbar angesehen. Es war einfach nicht vorstellbar, wie die vorhandene Infrastruktur das andauernde Wachstum der Luftfahrt bewältigen sollte. Ein anderes großes Thema war Flugscham und die wachsende Erkenntnis, das Fliegen die Umwelt schädigt.

Covid hat die Situation dramatisch verändert. Zum ersten Mal in der Geschichte kam weltweit die Luftfahrt quasi zum erliegen, und zwar für mehr als ein paar Tage, oder maximal Monate, wie noch etwa nach 9/11 oder der ersten SARS-Pandemie. Das hat die ganze Branche zum Nachdenken darüber gezwungen: "Wer sind wir eigentlich und was wollen wir versuchen zu erreichen?" Das ist e
 
 
Ganzen Artikel kaufen mit aero.de Priority
Bezahlung per PayPal
aero.de Priority ist unsere Antwort auf den Umbruch in der Welt digitaler Luftfahrtmedien. Unser Nachrichtenangebot bleibt frei von Abo- und Bezahlschranken.

aero.de Priority erweitert es um besondere Artikel, die für das Gesamtangebot einen einmaligen, vorab festgesetzten Erlösbeitrag erzielen – und für alle Leser frei zugänglich werden, sobald dieser erreicht ist.

Mit der Freischaltung eines aero.de Priority-Artikels unterstützen Sie die redaktionelle Arbeit auf aero.de und ermöglichen uns Recherchen, die sich über reine Werbeerlöse nicht finanzieren lassen.

Start – Steigflug – Reiseflug – Anflug – Landung: wir zeigen transparent, auf welchem Streckenabschnitt zu seinem Erlösziel Ihr Priority-Artikel sich gerade befindet. Nach der Landung gehen die Türen auch für andere Leser auf – der Artikel kann frei aufgerufen werden und steht Luftfahrtbegeisterten ebenso zur Verfügung, die gerade wirtschaftlich stärker von der Krise betroffen sind.

Und der Ticketpreis? 1,00 Euro oder 3,00 Euro – je nachdem, was Sie für den Artikelabruf bezahlen möchten (und können). Wir denken, dies ist ein faires Angebot und bedanken uns bei allen Lesern, die von Zeit zu Zeit aero.de Priority fliegen.
© aero.de, Andreas Spaeth | Abb.: EASA | 26.12.2021 08:04


Kommentare (0) Zur Startseite

Um einen Kommentar schreiben zu können, müssen Sie sich bei aero.de registrieren oder einloggen.

Stellenmarkt

Schlagzeilen

aero.uk

schiene.de

Meistgelesene Artikel

Community

Thema: Pilotenausbildung

PaxEx.de Passenger Experience

FLUGREVUE 01/2022

Shop

Es gibt neue
Nachrichten bei aero.de

Startseite neu laden