BERLIN - Der Aufbau der globalen Luftfahrtsysteme läuft wie geschmiert.
Die Gründung der interkontinentalen Luftfahrtallianzen setzte weltweit
einen gewaltigen Konsolidierungsprozess in Gang, der in wenigen Jahren
das gesamte Luftfahrtgefüge bis in die kleinsten regionalen Nischen
veränderte. Naiv wäre es freilich zu glauben, der globale
Luftverkehr wäre naturbedingt ein Privileg berufener Allianzen. Oder
gar deren gemachtes Bett.
Hörte man im globalen Verkehr vor Kurzem noch auf Namen wie Atlanta, Chicago, London, Paris, Frankfurt
oder Tokio, so schob sich mit Peking bereits ein Airport aus einem
Schwellenland in die erste Reihe, was zwar absehbar, als Tatsache dann
aber doch ein Schock war.
Ein noch ganz anderes Schockpotential
hat freilich eine Region, die noch vor einer Generation außer Wüstensand
so gut wie nichts zu bieten hatte: Die arabischen Emirate. Während
China mit 1,3 Milliarden Menschen in weniger als zehn Jahren zur
weltweit größten Volkswirtschaft heranwachsen könnte, bringen die
Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gerade einmal 6 Millionen Bewohner
auf die globale Waage, auf einem Gebiet so groß (oder winzig) wie der
Kleinstaat Österreich.
Auf diesem Fleckchen Wüstensand mit
Küstenanschluß lebten noch in den 60er-Jahren erst 80.000 Menschen,
großteils vom Fischfang, und für das westliche Gemüt in archaischen
Verhältnissen.
Was die Gegend nun so wichtig macht, sind freilich weder die dort
entdeckten und inzwischen schon fast erschöpften Ölvorkommen noch die
visionäre Weitsicht der inzwischen hochgebildeten Wüstensöhne, sondern
schlicht die geographische Lage.
Logik des FaktischenWie
kein anderer Flecken dieser schönen Erde liegen die Vereinigten Emirate
perfekt an der Schnittstelle zwischen allen Kontinenten: Mit modernen
Langstreckenflugzeugen kann man von hier aus jeden besiedelten Ort der
Erde erreichen, nonstop und in weniger als 15 Stunden. Und am kürzesten Weg
alle Seehäfen der östlichen Hemisphäre. Dieses globale Wegkreuz hat
inzwischen auch einen Namen, der ebenfalls in weniger als zehn Jahren
den großen Playern Rang und Namen ablaufen könnte: Jebel Ali.
Dubais neues Logistikzentrum liegt 40 Kilometer südwestlich von Dubai City und
ist als intermodales Transitzentrum für den globalen Güter- und
Personenverkehr geplant. Herz des mitten in die Wüste gesetzten Projekts
ist die Dubai World City, eine urbane Großstadt für 700.000 Bewohner,
die in erster Linie für einen reibungslosen Verkehr zwischen den
Kontinenten sorgen sollen.
Im Norden der Stadt befindet sich der
weltweit größte künstlich angelegte Seehafen Jebel Ali Port, im Osten
der im Bau befindliche neue Jebel Ali Airport (JXB), ein im Endausbau
auf 12 Millionen Jahrestonnen Luftfracht und 150 Millionen
Jahrespassagiere ausgelegter Komplex mit bis zu sechs 4,5 Kilometer
langen Parallelpisten, acht Midfield-Terminals und der Aviation- und
Cargo-City.
Mit JXB wird Dubai über mehr Transportkapazität
verfügen als Atlanta und Chicago zusammen, die heute weltgrößten
Airports. Eröffnung: Juni 2010, zum Start für 200 Tausend Tonnen Fracht
und ab 2011 für 10 Millionen Passagiere. Gestartet mit westlichem
Spekulationskapital stoppte die globale Wirtschaftskrise dort für zwei
Jahre zwar gut die Hälfte aller Kräne, die im Wesentlichen aber nur die
Besitzer wechselten: Der Worldport ist jetzt fest in Händen der Emirate.
Logik
der AllianzenVerständlich, dass die etablierten Netzwerker den allianzfreien
Wüstensöhnen nicht tatenlos zusehen, was die vor ihren Augen in den
Wüstensand setzen. Die großen Knoten sollen dort bleiben, wo sie aus
Sicht der globalen Planer auch hingehören, im Einfluss- und
Einzugsbereich der Allianzen.
Zweifellos hat im Europa-Asien
Geschäft die von der Lufthansa maßgeblich mitgestaltete Star Alliance
die Nase vorn. Mit 296 wöchentlichen Flügen (Quelle OAG) dominiert der
Kranich den Markt, deutlich vor ihren Allianzrivalen Air France/KLM
(249) und British Airways (128). Ähnlich der Verkehr nach Nahost. Mit
264 Flügen überflügelt der Kranich auch hier die Konkurrenz. So kommt
AirFrance/KLM auf 130 und die neue 'anglo-iberische' BA auf 101 Flüge.
Logisch, dass Lufthansa da auch dem "2x täglich in die ganze Welt"
einer Emirates einen Riegel vorschieben wollte: Vier Andockstellen in
Deutschland seien genug (München, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg).
Deren jahrelangen Mühen um weitere Verkehrsrechte hielten die Hanseaten
bis jetzt erfolgreich stand, der globale Verkehr am neuen deutschen
Hauptstadtairport Berlin Brandenburg soll in deutschen Händen bleiben. Bleibt er auch.
Standen bis dato den 49 wöchentlichen Flügen von Emirates 28 Flüge der Lufthansa-Gruppe gegenüber, einigte man sich auf einen Kompromiss. Statt Emirates darf ab Berlin nun eine zweite, deutsche Airline nach Dubai fliegen: Air Berlin.
Ein Phyrrus-Sieg? Air Berlin Boss
Joachim Hunold freut sich, und auch sein Emirate-Kollege Jim Clark: Gut
fürs Geschäft. Vor allem für die Geschäftskunden. Dubai als Gateway nach
Indien und Südostasien beschert den Wahlberlinern völlig neue Märkte,
und Lufthansa vor der Haustür eine neue, hausgemachte Konkurrenz.
Statt
Emirates in Berlin: Ist Air Berlin in Dubai das geringere Übel? Oder
schlicht der Preis für einen bedarfsgerecht versorgten Markt. Eines
dürfte klar sein: Auch wenn so mancher Global Player Jebel Ali noch
immer als Fata Morgana sieht, an der Realität des Faktischen kommt
keiner vorbei, und in wenigen Jahren auch nicht an Jebel Ali. Auch
logisch.
© Bob Gedat, Edition Airside / aero.at | Abb.: Gerhard Vysocan | 17.05.2010 11:47
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Dieser Artikel "Ein Kommentar: Air Berlin statt Emirates – für Lufthansa ein Schuss ins Knie?" von © Bob Gedat / Edition Airside / aero.at, erscheint (mir) eher in Forumqualität geschrieben worden zu sein, kaum für eine obere Schublade, "das geringere Übel, schlicht der Preis für einen bedarfsgerecht versorgten Markt." ;-) mfg