Recaro-Chef Mark Hiller
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"Corona ist eine Einladung, Orders zu stornieren"

Mark Hiller
Mark Hiller, © Archiv Spaeth

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SCHWÄBISCH HALL - Die Luftfahrt stürzt in eine schwere Krise. Recaro, deutscher Weltmarktführer für Economy-Sitze, sieht sich stark genug und erwartet bereits 2021 wieder Wachstum. Firmenchef Mark Hiller attestiert Airlines "gutes Kapazitäts-Management" - und rechnet mit Auftragsverlusten für Hersteller.

"Bisher hatten wir keine Stornierungen", sagt Mark Hiller im exklusiven Gespräch mit aero.de. Allerdings erwartet er für 2020 "starke Rückgänge bei Auftragseingängen und Umsätzen."

Denn die Gemengelage ist gerade ziemlich verheerend: "Der Virus und die daraus entstandene Kundenzurückhaltung sowie die Boeing 737-MAX-Krise und daraus resultierende Verzögerung anderer Programm wie etwa der 777X", gibt Mark Hiller die drängendsten Probleme an.

Bisher war Recaro mit Stammwerk in Schwäbisch Hall und Filialen in China, USA, Polen und Südafrika stets erfolgsverwöhnt, Umsatzsprünge von mindestens zehn Prozent im Jahr die Regel. Allerdings sieht Hiller seine Firma gut aufgestellt und erwartet bereits für 2021 wieder Wachstum. "Und in 2022 sollten wir zurück sein auf dem bisherigen Wachstumspfad."

Hiller sieht einen Lerneffekt seit dem letzten großen Einbruch während der Finanzkrise 2008. "Die Airlines reagieren heute deutlich schneller, damals ist man mit leeren Flugzeugen einfach weitergeflogen, während man jetzt ein sehr gutes Kapazitäts-Management macht", beobachtet der Firmenchef.

Die anhaltende Krise um die Boeing 737 MAX ist für Recaro Fluch und Segen zugleich. "In unserem Werk in Qingdao in China mussten wir zeitweise 40 von 200 Mitarbeitern wegen Corona vorsorglich in Quarantäne schicken, jetzt sind alle zurück. Aber da wir dort besonders viele MAX-Aufträge überwiegend chinesischer Airlines abzuarbeiten gehabt hätten war ohnehin weniger zu tun, das hat uns geholfen", so Hiller.

Ursprünglich hatte Recaro geplant, zehn Prozent ihres Jahresumsatzes in 2020 mit MAX-Aufträgen zu machen. "Seit Boeing die Produktion gestoppt hat und keine Sitze mehr annimmt ist davon nur ein Drittel übrig", erklärt der Recaro-Chef. Generell sieht er für die MAX weitere schwierige Zeiten: "Die Corona-Krise ist eine Einladung für die Airlines, ihre Ausstiegsklauseln zu nutzen und MAX Orders zu stornieren, der Virus hilft dem Programm definitiv nicht."

Tatsächlich haben Airlines und Leasingfirmen 2020 bereits 41 Aufträge für die 737 MAX zurückgezogen, allein Air Canada hat elf 737 MAX storniert.

Hiller weist auch auf Probleme mit dem Zeitfahrplan hin: "Wenn sie im Juni oder Juli wieder fliegen darf benötigen die Airlines noch rund drei Monate um sie flugfertig zu haben. Dann kommen wir in die Nebensaison, wo keiner zusätzliche Kapazität braucht."

Recaro erwartet Marktbereinigung

Recaro sieht sich stark genug um Krisen wie derzeit zu bewältigen: "Unsere Performance ist gut, im Gegensatz zu vielen unserer Wettbewerber. Die aktuelle Gemengelage wird zu einer Marktbereinigung bei den Sitzanbietern führen", vermutet Hiller.

Auch in Deutschland gibt es bereits Bewegung - Sitzfabrikant ZIM aus Markdorf am Bodensee wurde im Dezember von einer Private Equity Firma übernommen, was Branchenkenner als Zeichen von Problemen deuten. "Ohne eigene Teilefertigung haben wir ein flexibles System und können uns über unsere Lieferkette steuern", erklärt Hiller.

Recaros Lieferanten sitzen teilweise in China, doch noch habe es keine Unterbrechungen gegeben. Zunächst weil bisher Seefracht zur Lieferung genutzt wurde mit sechs Wochen Zeitverzögerung. Nun sei man auf Luftfracht umgestiegen, allerdings gibt es hier wegen massiv reduzierter Passagierflüge derzeit Engpässe für die Fracht als Beiladung.

"Wir sehen Preissteigerungen in der Luftfracht um das drei- bis vierfache", klagt der Recaro-Chef.
© aero.de, Andreas Spaeth | Abb.: Archiv Spaeth | 13.03.2020 06:32


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