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Einwegkunststoff in der Luftfahrt: Alternativen gesucht

Verpflegung an Bord wird nach wie vor überwiegend in Einwegplastik serviert
Verpflegung an Bord wird nach wie vor überwiegend in Einwegplastik serviert, © Timo Rosen

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FRANKFURT - Kunststoff ist aus dem Bordservice kaum wegzudenken. Das Material trumpft mit vielen Vorteilen, kann zum Großteil aber nicht wiederverwendet werden. Die ersten Airlines machen sich auf die Suche nach Alternativen - und hoffen auf Nachahmer.

Die Luftfahrt produziert jährlich große Mengen Abfall. 2016 waren es laut IATA, Dachverband der Fluggesellschaften, insgesamt 5,6 Millionen Tonnen. Davon sind etwa 13 Prozent Einwegkunststoff, für die fast ausschließlich der Bordservice verantwortlich ist.

So sind beispielsweise Decken und Kopfhörer eingeschweißt und obwohl einige Airlines zum Teil bereits auf wiederverwendbare Bestecke oder Tabletts setzen, gibt es Becher, Flaschen und Folien in allen Variationen. Insgesamt werden knapp 80 Prozent des Caterings an Bord in Kunststoff serviert. Ein umweltliches Desaster.

Die Krux mit den Alternativen

Es ist jedoch gut begründet, warum Airlines am Kunststoff festhalten. Im Flugzeug soll alles so leicht wie möglich sein. Immerhin erhöht jedes Kilogramm zusätzliches Gewicht den Spritverbrauch, verursacht dadurch mehr Kosten, senkt die Rentabilität und belastet auch die Umwelt.

Außerdem muss alles, was an Bord kommt, sicher sein. Sicher was die Hygiene betrifft und sicher gegenüber potenzieller Manipulation. Um das zu erfüllen, muss der Inhalt vor Verunreinigung geschützt werden und dabei mit Sichtkontrollen leicht überprüfbar bleiben.

Das trifft in erster Linie Nahrungsmittel, denn gesetzlich "sind alle Lebensmittel in Transportbehältern und/oder Containern so zu schützen, dass das Kontaminationsrisiko so gering wie möglich ist", wie es die EG-Verordnung Nr. 852/2004 vom 29. April 2004 fordert.

Für Verpackungen und Zubehör an Bord gilt also: sie sollen möglichst leicht, hygienisch und einfach per Sichtkontrolle kontrollierbar sein. Natürlich sollen sie idealerweise auch günstig sein.

Alle diese Anforderungen kann Kunststoff wunderbar erfüllen - er ist leicht, transparent, schirmt Speisen vor Keimen perfekt ab und ist ein günstiges Massenprodukt. Ein weiterer Pluspunkt: ungeöffnete Verpackungen können von den Airlines in vielen Fällen wiederverwendet werden. Undichte oder offene Verpackungen dagegen provozieren Qualitäts- und Sicherheitsverluste.

Das macht die Suche nach Alternativen für die Luftfahrt schwierig. Glas und Keramik sind wesentlich schwerer. Verpackungen mit Papier sind zwar leicht, dafür undicht. Bambus ist weit weniger verfügbar und seine Qualität schwankend. Eines haben die Alternativen allerdings gemeinsam: sie sind mit mindestens einer der genannten Anforderungen inkompatibel.

Airlines in Zugzwang

Trotz allem kann die Luftfahrt das Kunststoff-Problem nicht ignorieren. Die negativen Auswirkungen auf die Natur sind längst unumstritten. Auf europäischer Ebene wird gerade ein Komplettverbot diskutiert.

Der Gesetzentwurf schließt zwar eine Ausnahme für die Luftfahrt bisher nicht aus – doch spätestens jetzt wird der Druck auf die Airlines umso größer. Wie aber gehen die Airlines damit um? Lufthansa schreibt auf aero.de-Nachfrage, dass "das Thema Müllvermeidung und insbesondere Plastikmüll die Lufthansa Group schon seit geraumer Zeit (beschäftigt, Red.)."

Tatsächlich findet sich im Netz ein Artikel zum selben Thema, in dem die Airline verkündet, zukünftig auf den Kunststoffbecher verzichten zu wollen. Allerdings stammt der Artikel von 1991 - und der Tomatensaft fließt noch heute in so einen Becher.

Heute stellt sich Lufthansa erneut diesem Ziel und arbeitet an diesem Becher, der "zu einem großen Teil aus recyceltem Kunststoff besteht". Anfang nächsten Jahres soll er eingeführt werden.

Lufthansas interne Initiative Flygreener beschäftigt sich kontinuierlich mit der Reduzierung des Mülls an Bord, so wurde im Mai in ihrer Businessclass die Verpackungen der Textilartikel durch Papier ersetzt.

Auch andere Airlines stellen sich der Herausforderung. United Airlines ersetzte jüngst ihre Einwegbecher durch wiederverwendbare, Alaska Airlines tat das Gleiche mit Umrührstäbchen aus Kunststoff und gibt an deren Stelle nun Stäbchen aus Birkenholz aus.

Hi Fly und Ryanair verzichten bald komplett

Als weltweit erste Fluggesellschaft kündigt das portugiesische Leasingunternehmen Hi Fly sogar den vollständigen Verzicht auf Einwegkunststoff an. Bereits 2019 soll es soweit sein.

"Wir können den Einfluss der Kunststoffverschmutzung auf Ökosysteme und die menschliche Gesundheit nicht länger ignorieren”, äußerte sich Hi Fly - Präsident Mirpuri im März auf dem IFEH World Congress on Environmental Health in Auckland dazu.

Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Gemeinsam mit ihrem Cateringanbieter untersucht die Fluggesellschaft, wie für die einzelne Anwendungen das jeweils beste Ersatzmaterial gefunden werden kann.

Dabei soll Einwegkunststoff zunehmend ersetzt werden durch wiederverwendbaren Kunststoff und sogenannte Biokunststoffe – kunststoffähnliches Material auf reiner Pflanzenbasis, das vollständig recycling- und kompostierfähig ist.

Mater-Bi ist eines davon: ein Produkt aus Maisstärke, das unter anderem als Folie verwendet werden kann und vollständig biologisch abbaubar ist. Hi Fly hofft dabei auf Nachahmer in aller Welt – denn ein Wandel kann ihr zufolge nur gemeinsam erreicht werden.

"Wir glauben, dass wir zusammen den Unterschied machen können und sind zuversichtlich, dass sich die Industrie mehr und mehr darüber bewusst wird, wie wichtig es ist, unsere Umweltauswirkungen zu minimieren und die Warnsignale der Natur in Bezug auf die Verschmutzung durch Kunststoff umzukehren," schreibt Hi Fly dazu.

Ab 2023 will auch Ryanair frei von Einwegkunststoff unterwegs sein. Als Bestandteil seines neuen Umweltplans will der Billigflieger es schaffen, die "Vorreiterrolle als Europas umweltfreundlichste und sauberste Fluggesellschaft” einzunehmen.
© Timo Rosen, FR | Abb.: Timo Rosen, Großbild: Hi Fly | 03.10.2018 09:10

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Beitrag vom 03.10.2018 - 12:56 Uhr
Falls man sich auf wenige gut trennbare stofflich wiederverwertbare Kunststoffe einigt, könnte man das Problem schon reduzieren.
Man kann natürlich auch auf weniger haltbare oder sehr begrenzt haltbare - biologisch abbaubare - Stoff wechseln.
Wälder abhacken für Einwegbesteck ist auch nicht so genial...


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