Luftfahrtorganisation
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IATA warnt vor tiefgreifenden Störungen durch Brexit

GENF – An einem Tag der besonderen Ungewissheit über den Verlauf des Austritts Großbritanniens aus der EU warnt die Linienluftfahrtorganisation IATA vor unvermeidlichen Störungen durch den Brexit für den Flugverkehr. Trotz der zu erwartenden Widrigkeiten rechnet die IATA mit einem profitablen Jahr 2019.

"Der Brexit ist keine gute Nachricht für die Luftfahrtbranche, alles was seine Auswirkungen abmildert wäre gut für die Luftfahrt," sagte IATA-Generalsekretär Alexandre de Juniac heute in Genf im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen in London.

Alexandre de Juniac
Alexandre de Juniac, © IATA


"Das Risiko für den weltweiten Luftverkehr durch den Brexit ist hoch, die Auswirkungen werden viel tiefgreifender sein als wir denken, nicht nur innerhalb der EU", warnte Rafael Schvartzman, IATA Vice President Europe. "Es wird zu Störungen kommen, daran gibt es keinen Zweifel."

Als Beispiel nannte er die Infrastruktur für Ein- und Ausreise in Großbritannien, die trotz zusätzlicher automatischer "E-Gates" nicht ausreichend sei für den erhöhten Bedarf an Personenkontrollen nach einem Brexit. Lange Wartezeiten seien unabwendbar.

Die IATA sorgt sich auch um die Durchführbarkeit von Sicherheitsverfahren. "Wenn Großbritannien ohne ein Abkommen über Luftfahrtsicherheit aus der EU fällt könnte das dazu führen, dass Passagiere und Gepäck bei Flügen aus Großbritannien in die EU erneut kontrolliert werden müssten ", so Schvartzman.

Dies kann ihm zufolge nur vermieden werden, wenn Großbritannien wie etwa die USA, Kanada und Singapur von der EU auf eine Liste von Drittstaaten gesetzt würde, denen man vergleichbare Sicherheitsstandards bei Passagierkontrollen wie innerhalb der EU attestiert. Dies würde zusätzliche Kontrollen überflüssig machen.

Die IATA erwartet für 2019 das zehnte profitable Jahr in Folge für die Airline-Industrie, © @IATA


Die Luftfahrtbranche beklagt vor allem das "hohe Niveau an Unsicherheit" in einer "sehr ernsten Situation", so Schvartzman. Mehr Klarheit und Transparenz seien dringend nötig.

Ein harter Brexit wird ihm zufolge immer realistischer. "Dabei brauchen wir eine zweijährige Übergangsperiode, um ernsthafte Unterbrechungen von Luftverkehrsverbindungen zu verhindern," so Schvartzmann. Diese Periode sei erst recht nötig, wenn es zu einem harten Brexit ohne Abkommen käme.

"Chaos von epischen Ausmaßen"

Es wäre "ein großer Verlust für die Gesellschaft und die Wirtschaft insgesamt, die Konnektivität zu verlieren, die wir heute haben." Die IATA hält eine andauernde Kooperation zwischen der EU und Großbritannien bei der gemeinsamen Nutzung von Lufträumen für entscheidend. Denn "da besteht zwischen beiden Seiten eine hohe Abhängigkeit," sagte Schvartzmann.

Das besonders vor dem Hintergrund der extremen Probleme im europäischen Luftraum im Sommer dieses Jahres. "Ein Chaos von epischen Ausmaßen!", schimpft IATA-Generalsekretär Alexandre de Juniac.

Bis Ende Oktober seien die kumulierten Verspätungen in Europa auf 14 Millionen Minuten angestiegen, ein Zuwachs von 53% gegenüber 2017. "Diese 14 Millionen Minuten entsprechen 26 Jahren! Das ist völlig inakzeptabel für ein entscheidendes Element der Infrastruktur", so de Juniac.

IATA erwartet trotzdem profitables Jahr

Insgesamt ist der Ausblick der IATA auf 2019 aber verhalten optimistisch. "Die Nachfrage ist stark und wir sehen einen massiven Fall der Ölpreise", so de Juniac.

Eine Rezession sei nicht absehbar, erklärte IATA-Chefökonom Brian Pearce, und die Nachfrage nach Flugreisen werde zwar langsamer als zuletzt steigen, aber mit 6% Zuwachs weiter über dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre liegen.

Dazu trägt die Erwartung eines anhaltend niedrigeren Ölpreises bei. Für 2018 lag der Durchschnittspreis bei 73 US-Dollar pro Barrel, wobei die Markpreise zeitweise fast 100 US-Dollar pro Barrel erreichten, während die IATA-Kalkulation für das kommende Jahr von 65 US-Dollar pro Barrel ausgeht.

Für 2019 sagt die IATA das zehnte profitable Jahr der Luftfahrtbranche in Folge voraus und erwartet branchenweit einen Gewinn von 35,5 Milliarden US$. "Das heißt dass wir das fünfte Jahr in Folge mehr als unsere Kapitalkosten verdienen und damit Werte für unsere Investoren schaffen anstelle sie zu zerstören", so Brian Pearce.
© Andreas Spaeth | Abb.: Gatwick Airport | 12.12.2018 12:50

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Beitrag vom 13.12.2018 - 10:29 Uhr
Der regulatorische Part wird wüst - UK kann der EASA (wie Norwegen, Schweiz und Island auch) zwar wieder beitreten, und das wäre (soweit ich verstanden) habe auch Bestandteil des vorliegenden Brexit-Abkommens. Bei einem Austritt ohne Abkommen müsste das aber in einem separaten Vertrag erst wieder vereinbart werden.

Das betrifft dann eine ganze Menge - gegenseitige Anerkennung von Pilotenlizenzen, AOCs, Zertifizierung von Luftfahrzeugen und Flugzeugkomponenten, Zertifizierung von Entwicklungs-, Herstell- und Wartungsbetrieben, etc.
Beitrag vom 12.12.2018 - 16:30 Uhr
Nicht überraschend. Die Luftfahrt ist sehr Prozess-orientiert und seit Jahrzehnten optimierungs- und rationalisierungswütig.
Solche Organsationen verlieren daher fast zwangsläufig diejenigen Mitarbeiter, deren Stärke im Improvisieren besteht.
Gleichzeitig wird der Aufwand gescheut, umfangreiche (teure) Vorbereitungen für den Worst Case (Harter Brexit) zu treffen, bevor das alle anderen auch tun.

So sind aktuell weder die notwendigen umfangreichen Vorbereitungen abgeschlossen, noch ist flexibles Personal für schnelle, gezielte Adaptionen auf große Veränderungen vorhanden.

Kurz: Aktuell sind weder die Strukturen noch die Führungskräfte der Luftfahrt auf den Brexit ausgelegt.
Aber nicht nur dort ...
Das ist aber arg pauschal. Welche Vorbereitungen meinen Sie denn konkret? Die im Artikel aufgeführten Themen sind allesamt hoheitlich. Was soll da die IATA ausrichten? Wie ihre Rolle gesehen wird zeigt sich aktuell im Qatar Boykott. Eher nebensächlich.
Das GB-USA Abkommen steht bereits, da der Bedarf klar ist. Aber wenn ein harter Brexit kommt, dann ist die Luftfahrt nur eins von unzähligen Themen, die dann schnell zu lösen wären.

Dieser Beitrag wurde am 12.12.2018 16:33 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 12.12.2018 - 15:22 Uhr
Als Beispiel nannte er die Infrastruktur für Ein- und Ausreise in Großbritannien, die trotz zusätzlicher automatischer "E-Gates" nicht ausreichend sei für den erhöhten Bedarf an Personenkontrollen nach einem Brexit. Lange Wartezeiten seien unabwendbar.

Verstehe ich nicht. Großbritannien ist nicht Schengen und hat daher die ganze Zeit Personenkontrollen durchgeführt. Habe regelmäßig meinen Pass/Perso vorweisen müssen.

Die IATA sorgt sich auch um die Durchführbarkeit von Sicherheitsverfahren. "Wenn Großbritannien ohne ein Abkommen über Luftfahrtsicherheit aus der EU fällt könnte das dazu führen, dass Passagiere und Gepäck bei Flügen aus Großbritannien in die EU erneut kontrolliert werden müssten ", so Schvartzman.

Wie viele Umsteiger, die von Großbritannien kommen und in einem EU-Flughafen umsteigen gibt es denn? Die Mehrzahl dürften doch Direktflüge sein. Fallen die Umsteiger dann im Verhältnis zu den ganzen Umsteigern aus anderen Ländern ins Gewicht?

Und nachdem nicht zu erwarten ist, dass Großbritannien mit dem Austrittstag die Sicherheitskontrollen spontan schleifen lässt, wäre eine Aufnahme in die Liste der Länder mit hohem Kontrollstandard doch ohne Probleme machbar.

Ich sage nicht, dass es keine Probleme gibt. Ich halte hier aber einiges für Panikmache. Mag aber auch sein, dass ich das zu entspannt sehe.


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