Nachhaltigkeit
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Grüner Fliegen beginnt mit weniger Plastik an Bord

HAMBURG - Emissionen stehen im Zentrum der Diskussion, wenn es um die Notwendigkeit geht, Luftfahrt nachhaltiger zu gestalten. In einem anderen Bereich könnte die Branche sehr schnell und verhältnismäßig einfach einen großen Schritt in diese Richtung gehen: indem sie Plastikmüll vermeidet.

Es ist geradezu erschreckend, welche Plastikberge sich allein auf zwei Zehn-Stunden-Flügen in Economy Class anhäufen – eine Australierin hat kürzlich alles gesammelt, was ihr serviert wurde und in einer Tragetasche verstaut, bevor das Kabinenpersonal zum Abräumen kam. Das Ergebnis zeigt sie online.

Wir sehen fünf quadratische Verpackungen aus transparentem Plastik, jeweils Unterteil und Deckel. Drei Plastikbecher, acht Teile Plastikbesteck, zwei Plastiktassen, jede Menge Tütchen und Abdeckfolien und etliches mehr. Und das ist gerade mal das, was bei einem einzigen Passagier anfällt.

British Airways Catering
British Airways Catering, © British Airways

Hochgerechnet auf alle über vier Milliarden Flugpassagiere im vergangenen Jahr kommen da gigantische Mengen zusammen. Die Linienluftfahrtorganisation IATA schätzt, dass jeder Passagier pro Flug im Schnitt 1,43 Kilo Abfall hinterlässt, wobei darin menschliche Ausscheidungen enthalten sind, der Löwenanteil aber auf Plastik, Pappe und Papier entfällt.

Im ganzen Jahr 2017 kommt die IATA auf eine Menge von 5,7 Millionen Tonnen Passagierabfälle, vor allem Plastik. Das entspricht etwa der Masse von 2,8 Millionen Personenautos.

Das alles zu beseitigen kostet die Airlines weltweit rund 700 Millionen US-Dollar jährlich, rechnete die IATA aus. Wissenschaftliche Berechnungen, die anders vorgehen, kommen sogar auf ein Vielfaches an Passagierabfall.

Leicht und billig

Airlines entwickeln geradezu eine Obsession beim Gebrauch von Plastik in allen Bereichen ihres Bordservice. Der Kunststoff ist einfach perfekt für die Flugbranche – vor allem, weil er so leicht ist. Denn jedes Gramm extra Gewicht an Bord bedeutet mehr Treibstoffverbrauch und damit mehr CO2-Ausstoß.

American Airlines Snack Angebot
American Airlines Snack Angebot, © American Airlines


Plastik fällt da buchstäblich am wenigsten ins Gewicht – und es erlaubt das hygienische Einschweißen der verschiedenen Komponenten der Bordverpflegung. Nirgends ist Sauberkeit und Keimvermeidung beim Essen so wichtig wie über den Wolken wo viele Menschen über lange Stunden auf engstem Raum miteinander zubringen.

Während also die Folienversiegelung von Essbarem noch verständlich ist, geht die Gier nach Plastik weit darüber hinaus. Einweggeschirr ist Standard – weil es nichts wiegt und sich so simpel entsorgen lässt.

Mehrfachgeschirr hingegen muss mit erheblichem Aufwand an Energie und Wasser gereinigt werden und verursachen durch sein Gewicht auch höhere Transportkosten.

Deshalb ist die Sache mit dem Plastik in der Luftfahrt nicht so einfach wie sie aussieht – die Formel "Weniger Plastik gleich mehr Umweltschutz" gilt nicht uneingeschränkt.

Kabinenschlappen in Plastikhülle

Allerdings wird in der Luftfahrt vor allem in den Premiumklassen Plastik oft scheinbar sinnlos verwendet: Warum müssen die Bord-Waschtaschen, die Wolldecken, die Kopfhörer, die Plastikzahnbürste und die Kabinenschlappen nochmal extra in Folie verschweißt sein?

Unter anderem sorgt die Verpackung tatsächlich für Einsparungen bei der Logistik der Airlines und ihrer Bordbeladung. "Decken, die nicht mehr in Plastik verpackt sind, verursachen zusätzliche Arbeit beim Falten und Einlagern und damit höhere Kosten" heißt es bei Lufthansa.

Doch zumindest mit dem Einschweißen solcher Komfortartikel ist jetzt bei vielen Fluglinien Schluss, sie haben erkannt wie schlecht das bei Kunden ankommt, die vielleicht ohnehin schon aus Umweltgründen Schuldgefühle plagen beim Besteigen eines Flugzeugs.

So hat Lufthansa gerade für Slipper und Wolldecken die Plastikhüllen abgeschafft – damit sollen pro Jahr 18 Tonnen Plastik eingespart werden. "Wir müssen schauen, wie wir Nachhaltigkeit, Kundennutzen und Kosten aufeinander abstimmen" sagt Kerstin Halfmann-Kleisinger, die sich bei Lufthansa um die Nachhaltigkeit des Bordprodukts kümmert.

Strenge Hygienebestimmungen

Und damit sieht es in der Airline-Branche besonders düster aus. Etwa 91% des anfallenden Plastiks sowie der Großteil des sonstigen Kabinenabfalls nämlich wird bisher nicht recycelt.

Das liegt aber nicht am mangelnden Willen der Airlines, sondern an den extrem strengen Bestimmungen zur Hygiene, denen der Luftverkehr unterliegt. In den meisten Ländern der Welt ist es bisher Vorschrift, dass der gesamte Bestand an Bordverpflegung aus dem interkontinentalen Ausland nach Ankunft verbrannt oder auf Mülldeponien in den Boden gestampft wird, sogar ungeöffnete Getränkedosen.

Bei KLM zum Beispiel muss auch über die Hälfte der Hinterlassenschaften europäischer Flüge in die Müllverbrennung – die in Holland immerhin zur Energieerzeugung genutzt wird.

Besteck und Geschirr aus erneuerbaren Rohstoffen
Besteck und Geschirr aus erneuerbaren Rohstoffen, © HiFly


Während etwa Honig oder Milchprodukte aus fernen Ländern unter Umständen Gefahren für die Landwirtschaft am Zielort darstellen können ist dies aus Hygiene-Gesichtspunkten sonst kaum nachvollziehbar.

Die IATA sieht darin eines der Hauptprobleme für mehr Recycling: "Wir müssen diese internationalen Catering-Bestimmungen ändern", fordert Sprecher Chris Goater.

Unter weiteren Zugzwang gerät die Airline-Branche durch die neue EU-Regelung zur Plastikvermeidung – ab 2021 bereits sind Plastikteller, -trinkhalme und andere Wegwerfprodukte auch in der Luft verboten.

Essbare Kaffeebecher

Um zu zeigen, dass sie die Thematik ernst nehmen, aber auch als PR-Aktionen, wie Kritiker argwöhnen, führen derzeit immer mehr Gesellschaften zunächst einmalig plastikfreie Flüge durch.

So flog die arabische Etihad im April als erste große Airline einen Ultra-Langstreckenflug ohne Einweg-Plastik. Für den Flug von Abu Dhabi nach Brisbane mussten nicht weniger als 95 einzelne Artikel aus Einmalplastik ersetzt werden, die üblicherweise an Bord sind.

Die Kaffeetassen bestanden aus essbarem Waffelteig, die Decken aus recycelten Plastikflaschen – und die Einmal-Besteck in Economy aus Stahl. "Wir haben Bambus- und Holzbestecke getestet, aber das war keine angenehme Ess-Erfahrung", so die Etihad-Bordservice-Managerin Linda Celestino. Daher tendiere man künftig zu Bestecken aus leichtem Stahl.

"Für uns ist der CO2-Ausstoß aber ein wichtigeres Problem als Plastikabfall", so Celestino. Qantas führte im Mai einen abfallfreien Inlandsflug durch – erster Schritt hin zum Ziel bis Ende 2021 volle 75% des anfallenden Abfalls einzusparen, der bei 50 Millionen Passagieren der Australier jährlich 80 vollbeladenen Jumbo Jets entspricht.

Der Zweistundenflug von Sydney nach Adelaide allein produziert normalerweise 34 Kilo Müll. Um den zu vermeiden mussten tausend Teile Einmalplastik an Bord ersetzt werden, etwa durch Papier-Trinkbecher aus Pflanzenfasern, Essenskartons aus Abfallprodukten der Zuckerproduktion und Bioplastik-Bestecken aus Stärke.
© Andreas Spaeth | Abb.: British Airways | 29.09.2019 09:21

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Beitrag vom 02.10.2019 - 01:02 Uhr
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5 Beiträge gelöscht - zuerst OT und zum Schluss persönliche Angriffe.

Bitte zurück zum Thema Plastikmüll beim Fliegen.
Beitrag vom 01.10.2019 - 10:22 Uhr
@EricM

Verbennung kann man zu 99,9% Sauber.

Genau dieses Thema habe ich vor ein paar Jahren tatsächlich mit einem Betreiber einer Müllverbrennungsanlage besprochen.
Tatsächlich ist bei der Abfallverbrennung die unbekannte Mischung des Brennmaterials der Grund dafür, dass eine Verbrennung nicht optimal gesteuert werden kann.
Unbekannte Inhaltsstoffe, schwankender Feuchtegrad, etc.

Dazu gibt es Filter usw. Und damit kann man Teilweise noch Sinnvolles anfangen.

Recycling kann man es zu 100%.

Manche Kunststoffe ja. Aber nur wenn sie sortenrein vorliegen.
Auch hier ist das im Falle von Plastikmüll nie der Fall.


Das man es nicht macht ist aber nicht das Problem des Verwenders von Kunststoff sondern das Problem des Entsorgers.

[... nicht mein Problem, ich zahle ja ...]

Da machen Sie es sich ein bisschen einfach.
Die Preise die heute für Müllentsorgung gezahlt werden, erlauben offensichtlich keine fachgerechte Entsorgung oder Wiederaufbereitung.

Das Problem ist immer die Verhältnismäßigkeit und der Aktionismus der hier an den Tag gelegt wird.
Das eine wird Verboten dann kommt das nächste viiiiel bessere, nach kurzer Zeit stellt man fest, upss so toll ist es ja doch nicht, andere vorher nicht gesehene Probleme tauchen auf.

Aktuell reden wir von einer Marketing-Initiative der Fluggesellschaften, nicht von Verboten.

Ich könnte jetzt hier unzählige Sachen aufführen die in der Praxis ein Fehlwurf wurde, aber das ist nicht das Thema.
Fakt ist das Kunstoff im Flieger kein Problem ist was die Erde nur im Ansatz juckt, ist ist der berühmte Sack Reis in China.

Da bin ich wie oben schon geschrieben weitgehend bei Ihnen.

Beitrag vom 01.10.2019 - 08:55 Uhr
@JX

Guter Kommentar 👍


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