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Atlantik-Überquerung in der neuen A350 von Air France

PARIS - Air France wird bis 2025 ihre halbe Flotte erneuern. Ein wichtiger Schritt in diesem Vorhaben ist die Einführung des Airbus A350-900, von dem im September das erste Flugzeug geliefert wurde und seit Anfang November das zweite im Liniendienst steht. Wir sind mitgeflogen.

Nach einem internen Flottentausch mit Partner KLM wird Air France jetzt bis 2025 alle 28 bestellten A350 bekommen. Eigentlich waren die ersten zehn Flugzeuge für die kürzlich gestoppte Marke Joon vorgesehen.

Air France Airbus A350
Air France Airbus A350, © Air France

Ihre Kabinenkonfiguration konnte nicht mehr verändert werden, daher fliegt Air France nun mit nicht weniger als fünf unterschiedlichen Produkten in der Business Class auf Langstrecken. Etliche davon haben bis heute keine Fullflat-Sitze, etwa die A340 (scheidet bald aus), die A380 (bis Ende 2022 in der Flotte), die halbe A330-Flotte sowie alle zwölf Boeing 777 mit 42-Business-Sitzen.

Erst bis Anfang 2022 werden alle Langstreckenjets Fullflat-Sitze aufweisen mit Ausnahme der A380. Damit liegt Air France weiter sehr stark hinter allen anderen großen Airlines zurück, weil sie lange nicht investiert hat.

Ich bin Ende Oktober Gast des ersten Nordamerika-Flugs der zu diesem Zeitpunkt einzigen A350 in der Flotte. Sie war zunächst nach Westafrika unterwegs, später werden A350 auch Kairo und Seoul anfliegen.

Ich reise nur mit Handgepäck und habe online eingecheckt. Nach der Ankunft im Terminal 2F von Paris-CDG bin ich zu Fuß ungeahnt schnell im Terminal 2L, ohne einen der automatischen Terminalzüge benutzen zu müssen.

An einem regnerischen Sonntagmittag steht niemand an der Passkontrolle an – erstaunlich, denn oft stauen sich hier hunderte Reisende um diese Zeit. So habe ich noch etwa zwei Stunden Zeit bis zum Weiterflug und begebe mich in die neueste Air France-Lounge.

Außer dem großen Hauptbereich gibt es sehr ansprechende Ruhebereiche, in denen es tatsächlich still ist, während vorn der Betrieb brummt. Im Hauptbereich werden an einem Tresen frische warme Speisen zubereitet, an einem Buffet gibt es kalte Speisen sowie Wein und auch Champagner zur Selbstbedienung.

Air France Airbus A350 Business Class
Air France Airbus A350 Business Class, © Andreas Spaeth

Ich betrete bewusst als einer der ersten Passagiere das Flugzeug, um die Kabine auf mich wirken lassen zu können. Da der Einsteigevorgang zügig abläuft genieße ich dieses Privileg nicht lange.

Insgesamt verfügt die A350 bei Air France über 324 Sitze, wesentlich mehr als die 293 bei Lufthansa. Und das, obwohl die Business-Class-Kabine wesentlich großzügiger daherkommt – neun Reihen in 1-2-1-Anordnung mit insgesamt 34 Sitzen anstatt der antiquierten 2-2-2-Konfiguration bei der Kranich-Linie.

Die Kabine wirkt auf den ersten Blick recht steril – es fehlt jede auflockernde Farbe. Das überrascht, gerade weil sie ja ursprünglich für die kurzlebige, wesentlich poppigere Marke Joon gedacht war. Aber es dominieren dunkelgrau, hellgrau, weiß und metallic.

Ungewöhnlich ist, dass alle Sitze am Gang schräg zur Flugrichtung stehen während die anderen gerade ausgerichtet sind. Es gibt selbst bei den Einzelsitzen an den Außenseiten nur jede zweite Reihe einen wirklichen Fensterplatz - und diese sind für Einzelreisende klar zu bevorzugen.

Die beiden einzigen Sitze der ersten Reihe stehen außen und heißen 1C und 1J. Sie bieten die größte Fußfreiheit dank größerer Fußkästen, sind dafür aber dicht am Gang und an der Galley sowie recht weit weg vom Fenster.

Flugreport Air France
Airline:
Air France
Flugzeugtyp:
Airbus A350-900
Kabine:
Business Class
Datum:
27. Oktober 2019
Route:
Paris CDG - Toronto
Flug:
AF356
Außerdem sind diese beiden Sitze schräg zur Flugrichtung mit Blick nach innen in die Kabine ausgerichtet. Mit ihrer Nähe zum Gang bieten sie deutlich weniger Privatsphäre als die Einzelsitze in den Reihen mit geraden Nummern von zwei bis acht, jeweils 2A und 2L, 4A und 4L usw.

Die stehen nicht nur direkt und gerade am Fenster sondern verfügen als Abschirmung zum Gang hin über den dort eingebauten festen Tisch und außerdem eine für sogar noch mehr Abgeschiedenheit herausziehbare Aluminium-Trennwand, die bei den ohnehin schon nahe am Gang stehenden Sitzen fehlt.

Bei den Mittelsitzen gibt es abwechselnd zwei dicht zusammenstehende, die sich durch eine ausfahrbare große Trennwand aber recht effektiv abschirmen lassen – die besten sind 2E und 2G, die zusätzlich über den größten Fußraum verfügen.

Und dann ab 3D und 3H jeweils zwei weit auseinanderstehende Mittelsitze, deren Blickrichtung leicht nach außen versetzt ist - auch hier ist die Privatsphäre weit weniger ausgeprägt.

Die Sitze selbst gehören zum Typ Optima von Safran (früher Zodiac Aerospace), die gleiche Basis nutzt etwa United Airlines in ihrer Polaris Business Class. Mit weißer Leder-Kopfstütze, dunkelgrauer Stoffbespannung und dem kleinen roten Schrägstrich aus dem Air France-Logo als einzigem Farbfleck wirken sie elegant, aber unterkühlt.

Ich sitze auf 2A, einem von den nur acht Sitzen direkt am Fenster und bin mit meiner Wahl sehr zufrieden. Rechts neben mir auf Schulterhöhe entdecke ich das geräumige Schränkchen, zu öffnen mit einer kleinen Schlaufe aus Leder.

Das wirkt alles sehr hochwertig, innen ist der Schrank mit cremefarbenem Leder ausgeschlagen, hier hängt der schalldämmende Kopfhörer, steht eine Wasserflasche und innen an der Tür ist ein Spiegel, so groß wie ein Tablet. Ein solches würde hier auch hineinpassen, ein Laptop hingegen nicht.

Air France Airbus A350 Business Class
Air France Airbus A350 Business Class, © Andreas Spaeth

Im Schrank - und das ist gewöhnungsbedürftig - hängt die Fernbedienung für die Bordunterhaltung, die Konsole ist angenehm simpel mit nur vier Knöpfen. Versteckt und schwer zugänglich dagegen die Stromsteckdosen – und wie beim Kollegen hinter mir offenbar auch nicht immer funktionierend.

Die Sichtblenden lassen sich anders als in der Boeing 787 nicht mit Dimmer regulieren, aber in Business Class bei Air France gibt es zwei als Pfeile dargestellte Schalter über den Fenstern, mit denen zunächst ein lichtdurchlässiges Rollo heruntergelassen werden kann und danach ein lichtdichter Sichtschutz. Das bietet etwa Lufthansa nur in der First Class.

Mein Lieblingsteil dieses Sitzes aber ist eindeutig der Klapptisch, der beste, den ich je benutzt habe! Was habe ich mich schon rumgeärgert mit Tischen, die sich schwer aus- oder einfachen lassen, zu stark wackeln oder zu klein und unpraktisch sind.

Dieser ist ganz anders. Intuitiv zu bedienen und vor allem auch nur teilweise und auch längs ausfahrbar, wenn man nur ein Glas abstellen möchte oder andere Kleinigkeiten ohne den Bewegungsspielraum arg einzuschränken. Bravo!

Darüber der 18,5-Zoll Diagonale große Bildschirm. Auf dem ich am Boden und bei Start und Landung am liebsten eine der drei Live-Kameraansichten anschaue und während des Fluges der interaktiven 3D-Flugkarte folge, während ich gleichzeitig hervorragender Musik aus dem üppigen Bordprogramm lausche, die insgesamt 328 Filme aber verschmähe.

Air France Airbus A350 Business Class
Air France Airbus A350 Business Class, © Andreas Spaeth

Vor dem Start wird Champagner oder ein leckerer Beerensaft gereicht. Neun Minuten hinter der Startzeit werden wir zurückgeschoben, bis zum Abheben liegen wir 33 Minuten hinter Plan, es gab Ungereimtheiten bei der Zählung der Passagiere.

Inzwischen sind die Waschtaschen ausgeteilt worden, jeder kann unter vier Farben der zweiteiligen Ledertaschen mit Reißverschlüssen an beiden Enden auswählen.

Ebenfalls sehr hochwertig und praktisch auch der Inhalt - endlich mal ist ein Läppchen als Brillenputztuch dabei, braucht man immer. 45 Minuten nach dem Start werden Getränke gereicht.

Ich entscheide mich für den exklusiven Signature Cocktail von der Bar des Pariser Hotels Lancaster, der seltsamerweise keinen Namen hat. Rosmarinlikör, Pfirsichsaft, Limettensaft, dunkler Rum aus Martinique und aufgefüllt mit Champagner. Hammer! Buchstäblich. Extrem lecker aber auch heftig stark. Weil der Tag noch lang wird verzichte ich schweren Herzens auf einen zweiten.

Natürlich ist Air France bekannt für gutes Essen an Bord. Aber ich bin ehrlich gesagt leicht ernüchtert dieses Mal, im Vergleich zu dem, was ich kurz zuvor ebenfalls bei Abflug aus Paris bei Air Tahiti Nui serviert bekam. Da hilft auch der große Name des Sternekochs Guy Martin bei Air France nur wenig.

Der Appetizer (Rote Beete-Mousse) ist derartig klein, dass man ihn kaum wahrnimmt. Die Vorspeise (eine nur noch hauchdünne Scheibe Foie Gras mit Zwiebelconfit, hier hat Air France klar den Rotstift angesetzt) plus ein Stück dekorierte Artischocke, recht langweilig.

Vier Hauptgerichte stehen zur Wahl – geschmortes Lamm mit Gemüsebeilage, Hühnchen-Confit, Shrimps mit Brokkoli und Kürbispüree oder Zucchini-Cannelloni auf Paprikasahne. Ich entscheide mich für das Lamm. Das Fleisch ist hervorragend, das Gemüse leider matschig und völlig zerkocht.

Air France Airbus A350 Business Class
Air France Airbus A350 Business Class, © Andreas Spaeth


Auch die Käseauswahl und Präsentation unter Plastik vom Tablett, das am Anfang serviert wird, ist unterdurchschnittlich - gerade im eben erwähnten direkten Vergleich zur Konkurrenz. Nur das Dessert-Angebot reißt es wieder ein wenig raus: Ein paar köstliche Törtchen wie Mango-Passionsfrucht oder Operntorte stehen ebenso zur Wahl wie (schön präsentierte) frische Früchte und die berühmten Mini-Sorbets von Air France.

Nach dem Essen nutze ich das an Bord gebotene WLAN. Ich hatte zur Feier des Erstflugs einen Gratis-Gutscheincode bekommen, das Netz lässt sich einfach nutzen und ist sehr schnell. Für alle Passagiere an Bord ist die Nutzung von Messenger-Diensten wie WhatsApp oder Facebook Messenger gratis, eine sehr gute Entscheidung.

Internet-Nutzung kostet ansonsten, auch in Business Class, acht Euro pro Stunde oder 18 Euro für den ganzen Flug, ein Streaming-Zugang kostet 30€ für den ganzen Flug. Dann versuche ich ein wenig zu schlafen.

Dafür lassen sich an meinem Sitz nach Ausfahren des Bettes auf 1,97 Meter Liegefläche beide Armlehnen hochklappen, was etwas mehr seitlichen Raum schafft. Auch wenn ich hier nur einen Mittagsschlaf versuche: was bei einer Lücke zwischen Sitzfläche und Lehne definitiv fehlt ist eine polsternde Matratzenauflage. Die gibt es nach Auskunft von Air France ab 2020 dazu.

Als Nordamerika näher rückt gibt es noch einen Imbiss, Kürbis-Karottenflan und Ziegenkäse mit Birne auf Toast, eine große Schüssel mit weißem Naturquark (warum ist mir rätselhaft) und zwei Törtchen. Nicht wirklich beeindruckend.

Ganz anders als die bunte Stimmungsbeleuchtung in der Kabine. Als wir nach sieben Stunden und 36 Minuten in Toronto gelandet sind zeigt der Purser nach diesem Tagflug noch, was eine Air France A350 bei Nacht alles kann.

Bewertung

Die Vielfalt der verschiedenen Business-Class-Produkte bei Air France ist für Kunden verwirrend. Die Franzosen haben aber in ihren neuen Kabinen mit Fullflat-Sitzen einen gleichbleibend hohen Standard, und den hält auch die A350.

Kleinere Verbesserungen wie die bisher fehlende Matratzenauflage können den Perfektionsgrad noch erhöhen, und die A350 bietet ohnehin ein wesentlich besseres Flugerlebnis als ältere Jets. Hoffentlich setzt Air France auch kulinarisch bald wieder zu den gewohnten und erwarteten Höhenflügen an.
© Andreas Spaeth | Abb.: Air France | 08.12.2019 09:10


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