30 Jahre Mauerfall
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Der Planespotter

Frank T.
Frank T., © privat

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BERLIN - Dies ist keine Weihnachtsgeschichte. Aber sie passt zum Ausklang des Jahres 2019, das vom Mauerfall inzwischen 30 Jahre trennen. Enthusiatische Flugzeugfotografen gab es in der Bundesrepublik und in der DDR - nur war die Ausübung des Hobbys in Ostdeutschland um einiges gefährlicher.

Was hätte aus diesem Mann nicht alles werden können? Ein Pilot, ein Flugzeugkonstrukteur, ein ostdeutscher Wernher von Braun im Dienste des russischen Sojus-Programms. Doch im 61. Lebensjahr wirkt Frank T. wie ein gebrochener Mann, müde und auch ein bisschen abgerissen.

Er sitzt im Lokal "Biertempel 2" nahe seiner Wohnung im Berliner Stadtteil Tempelhof bei seinem zweiten Glas Riesling. Seit 2005 ist er Rentner, dauerhaft arbeitsunfähig auf Grund einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Nur wenn er von seiner großen Leidenschaft spricht, da scheint etwas in ihm zu erwachen und seine Augen leuchten. Und dann sprudeln aus ihm diese Buchstaben-Zahlen-Kombinationen, die uns Laien wie geheime Zauberformeln erscheinen: Die IL-62M, MI-8TB oder die An-24RW mit dem zusätzlichen Strahltriebwerk.

Es geht um Typenbezeichnungen von Flugzeugen und Hubschraubern. Frank T. "schießt" seit seiner Kindheit mit dem Fotoapparat Flugzeugtypen ab. "Plane Spotter" nennen sich die fast ausschließlich männlichen "Jäger und Sammler" mit ihren Kameras, die im Umfeld von Flughäfen auf die Pirsch gehen.

T. ist ein wandelndes Flugzeuglexikon. Was hätte aus diesem 1959 in Ostberlin geborenen Jungen, der im Alter von sechs Jahren erstmals mit seiner Kamera der Ost-Marke "Beiretta" losstiefelte, um auf Rampe 1 des damals gerade neu erbauten DDR-Flughafens Schönefeld sein erstes Foto zu schießen, eine IL-14M der jugoslawischen Luftwaffe, was hätte aus dem nicht alles werden können?

Ferien auf dem Flughafen

Ein technisches Wunderkind. Welcher Junge sonst fraß sich durch Fachzeitschriften, berauschte sich an technischen Details der Apollo-Missionen? Andere 14-Jährige wollten in den Sommerferien ins Kinderferienlager an die Ostsee, T. wünschte sich, seine Mutter möge ihn nach Prag auf den Flughafen begleiten.

Er hatte den Flugplan studiert und wusste, dass Montags und Dienstags sowohl eine Boeing 707 der US-Fluglinien PanAm als auch eine DC-8-61 der Air Canada landeten. Sie hielten sich zwei Tage lang auf der Aussichtsterasse auf, nächtigten auf harten Bänken im Wartesaal und ernährten sich von mitgebrachten Stullen.

Er registrierte irgendwann, dass er nicht der einzige mit einem so ungewöhnlichen Hobby war. Die Männer mit ihren Kameras, die die wenigen Flughäfen des Ostblocks umschwirrten wie Motten das Licht, kannten sich bald.

Die erschwerten Bedingungen – stets unter Zeitdruck und vom Flughafenzaun auf Distanz gehalten – führten dazu, dass man sich als Teil einer "Spotter-Familie" verstand.

T. suchte den Kontakt zu Gleichgesinnten auch jenseits des Eisernen Vorhangs. Weil man sich als erfolgreicher Spotter auf seinen "Trophäen" nicht ausruht, sondern diese gern teilt. "Es gab da eine Ost-West-Arbeitsteilung", sagt T., "wir im Osten lichteten die russischen Baureihen ab, bekamen im Tausch von Spottern aus der Bundesrepublik, aus den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Großbritannien, Frankreich Bilder von dort."

Was dazu führte, dass T. nicht nur ein Technikfreak und begnadeter Fotograf wurde, sondern sein Abitur mit der Englisch-Note 1 bestand, was er seinen globalen Briefkontakten sowie dem ständigen Hören der britischen Militärsender BFBS und BFN verdankte.

Er war ein guter Schüler, aus Frank T. hätte vieles werden können - hätte er dieses Hobby nicht in einem Staat gepflegt, der für sein geradezu paranoides Misstrauen den eigenen Bürgern gegenüber berüchtigt war.

Und das, obwohl T. den vom System gewünschten Weg einschlug. Nach dem Abitur 1978 auf einer der privilegierten "Erweiterten Oberschule" (EOS) verpflichtete er sich zu einem freiwillig verlängerten Dienst von drei Jahren als Unteroffizier bei der Luftwaffe der Nationalen Volksarmee (NVA).

Militärdienst

Das war der Preis, um danach einen der begehrten Studienplätze an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden zu ergattern. Die Zeit beim Militär – er empfand sie nicht einmal als quälend, schließlich versetzte man ihn nach der Grundausbildung an der Unteroffiziersschule 8 in Bad Düben in eine Fla-Raketentruppe, dann zum Fliegeringenieurdienst (FID) für Hubschrauber, später zum Hubschraubergeschwader 34 nach Brandenburg-Briest.

Frank T.
Frank T., © privat

Verglichen mit anderen Einheiten ging es dort vor allem und technisches Knowhow. Das war seine Welt. Die russischen Hubschraubertypen Mi-8, Mi-2 und Mi-4 kannte er bald aus Effeff.

Die Politik ließ ihn weiterhin kalt. "Willst Du nicht mal in die Partei eintreten?", wurde er von Vorgesetzten gefragt. "Was denn für eine Partei?", fragte er zurück. Ja, er fühlte sich wohl zwischen Rotoren und Turbinen. Denn eigentlich wollte er nur sicherstellen, dass Dinge fliegen können.

Bis man ihn vom Himmel holte. Das war im Juni 1981, gar nicht lange vor dem Ende seiner NVA-Dienstzeit. Er hatte Urlaub, zudem eine Reisegenehmigung für das sozialistische Ausland, ausgestellt von der für Militärabwehr zuständigen Hauptabteilung I der Staatssicherheit.

Wieder steuerte er Prag an. Es war bereits zu lange "auf Entzug", die alte Leidenschaft drängte. Er fotografierte in Pilzen eine Hubschrauber-Basis und fuhr dann nach Prag, hatte dort das seltene Glück, eine IL-76M in den Farben der libyschen LAA (Libyan Arab Airlines) mit Heck-Kanonenstand und Heckradar zu knipsen, für ihn ein Highlight.

Der vermeintliche Spion

Er gönnte sich einen Rückflug mit der tschechischen Fluggesellschaft CSA nach Berlin-Schönefeld. Und wurde bei Ankunft von Uniformierten gebeten, zur "Klärung eines Sachverhaltes" mitzukommen. Er wurde in einen zivilen Pkw genötigt, "einen Lada 1500". Und dann ging es in Richtung Mittenwalde, in eine Villa im Dorf Kallinchen.

T. war in die Mühlen der Stasi geraten. Seine technische Besessenheit hatte ihn blind für die Abgründe dieses System gemacht, das einem wie ihm misstraute, misstrauen musste.

Natürlich hielt man ihn für einen Spion, einen Agenten, einen, der die Geheimnisse dieses paranoiden Staates dem Klassenfeind preisgab. T. wusste, dass einer seiner Westberliner Spotter-Freunde gelegentlich über Flugzeuge im "Tagesspiegel" schrieb – doch zu ihm hatte er schon lange keinen Kontakt mehr.

Heute sieht er sich als eine Art Bauernopfer, um die gesamte Spotterszene einzuschüchtern, weil sie eine für die Stasi bedrohlich wirkende eigene Ost-West-Politik betrieb.

Gleichzeitig mit ihm wurde auch der damalige Vorsitzende des Luftfahrtclub 'Otto Lilienthal' in Schönefeld verhaftet und zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Oder hatte er einfach nur Pech, weil die DDR-Staatsschützer damals nach einer Serie von Rückschlägen unter Druck standen?

1979 war Werner Stiller, ein Stasi-Oberleutnant der Hauptverwaltung Aufklärung, in den Westen übergelaufen – der schwerste Schlag, den die Stasi je einstecken musste.

Etwa zum Zeitpunkt von Ts. Verhaftung war der ebenfalls in der Hauptverwaltung Aufklärung als Hauptmann tätige Stasi-Offizier Werner Teske hingerichtet worden – angeblich wollte auch er überlaufen. Das Regime reagierte äußerst gereizt.

Die Stasi konstatierte, T. hätte während seines Dienstes in der NVA "geheimzuhaltende Angaben über militärische Flugzeuge und Hubschrauber an Westberliner Personen übermittelt" – ein Militärgericht verurteilte den 22-Jährigen zu fünfeinhalb Jahren Haft.

Obwohl die Untersuchung in der zentralen Stasi-U-Haft Magdalenenstraße ergeben hatte, dass "eine direkte nachrichtendienstliche Steuerung nicht erarbeitet werden konnte", wie es in den Gerichtsakten heißt. Und obwohl einer der Vernehmer protokollierte, dass T. "nicht aus einer feindlichen Grundeinstellung gegen die DDR handelte", sondern sich bezüglich seines Hobbys "einen Namen zu machen versuchte".

Blick nach Westen

Ein Leidensweg begann. Als einziger "Politischer" unter Kriminellen litt er unter Schikanen in der Haftanstalt Rummelsburg, später in Brandenburg. "Dass T. regelrecht kaputt gehe" mutmaßte sogar der für die Anstalt zuständige Stasi-Offizier. Und: "Er ist nicht in der Lage, die Härten zu ertragen, die unter den Strafgefangenen üblich sind."

Allmählich dämmerte T., dass es für ihn in der DDR mit dieser Vorstrafe keine Zukunft gibt und er entschloss sich, auf eine Haftentlassung in Richtung Westen zu setzen. Seit den 60er Jahren gab es geheime Verhandlungen zwischen West und Ost über den "Freikauf" politischer Häftlinge nach Verbüßung eines Teiles der Strafe.

Die Rechtsanwaltskanzlei von Wolfgang Vogel managte diese Fälle. Für T. ein schwerer Entschluss, vor allem mit Blick auf seine Familie – der Vater saß im Rollstuhl, äußerte mehrfach Suizidgedanken, bei seiner Mutter war Krebs diagnostiziert worden.

Vor diesem Hintergrund versuchte die Stasi, den komplett aus der Bahn geworfenen T. unter Druck zu setzen und für eine Stasi-Mitarbeit zu gewinnen. Man hoffte, er könne im Westen über die dortige "Spotter-Szene" berichten.

T. ließ sich auf eine Zusammenarbeit ein, lieferte aber schon im Knast nicht die erwünschten Spitzel-Resultate sodass man ihn aufgab – und ihn fast die gesamt Haftzeit absitzen ließ. Im Oktober 1984 starb sein Vater, man stellte ihm eine Teilnahme an der Beerdigung in Aussicht, falls er seinen Ausreiseantrag zurückzöge. T. lehnte ab.

Zumal sein Fall längst zum Thema internationaler Menschenrechtsorganisationen geworden war. Im März 1985 starb auch die geliebte Großmutter. Er musste befürchten, niemanden seiner Familie je wiederzusehen.

Durch das Engagement westlicher Hilfsorganisationen öffneten sich im September 1985 für ihn die Gefängnistore – die kleinen, wie auch die großen: Frank T. wurde nach fünf Jahren und drei Monaten Haft in den Westen entlassen.

Jetzt waren es die westlichen Geheimdienste, die sich für ihn interessierten, denn der Fall eines ehemaligen NVA-Unteroffiziers, der zu solch langer Haftstrafe verurteilt worden war, erweckte Aufmerksamkeit.

Doch T. wollte eigentlich nur eins: ein normales Leben führen – und endlich wieder Flugzeuge fotografieren. Er sah seine Mutter noch einmal, die als Invalidenrentnerin Westberlin besuchen durfte – bevor sie kurze Zeit später starb.

Keine Chance auf ein normales Leben

Die Stasi hatte nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie zerstört. Er begann bei Audi zu arbeiten, versuchte ein normales Leben zu führen. Doch der Albtraum ging weiter, die Stasi infiltrierte auch im Westen seinen neuen Freundeskreis, der natürlich aus Spottern bestand, brach in seine neue Wohnung ein. Es war wie ein niemals endender Fluch, von dem erst der Fall der Mauer Erlösung brachte.

Frank T. war nur scheinbar ein freier Mann. Das nach 1990 ermöglichte Studium seiner Stasi-Akten offenbarte ihm das ganze Ausmaß des Misstrauens, das ihm dieses verdorbene System entgegengebracht hatte.

Und er musste bitter erfahren, dass es nichts als eine Illusion war – der Traum vom normalen Leben. Nach Problemen mit einem Arbeitgeber erlitt er 2001 mehrere Nervenzusammenbrüche, landete in der Psychiatrie, wurde 2009 für arbeitsunfähig erklärt, Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörungen PTBS.

Er gilt als zu 30 Prozent schwerbehindert. Die Stasi hatte ihn besiegt. Frank T. hat keine Familie mehr. Er führte nie eine Beziehung. Er wohnt in einem Berliner Stadtbezirk, wo die Straßen die Namen einstiger "Helden der Lüfte" tragen: Oswald Boelcke, Manfred von Richthofen, Fritz Rumey. Zufall.

Sein einziger Triumph über die Stasi, das ist sein Archiv von geschätzten 100.000 Dias aus 50 Jahren "Plane Spotting", wohlsortiert und geordnet - sein Lebenswerk.

Und die Jagd geht weiter. Denn wirklich frei fühlt er sich, wenn er auf die Pirsch geht. Wie kürzlich an einem wunderschönen Oktobertag im serbischen Nis. Er hatte von einer "Air Show" mit einem Leckerbissen erfahren, dem er schon seit zehn Jahren nachjagt: Einer An-2 mit serbischem Hoheitszeichen, letztes Exemplar dieses Doppeldeckers mit Frontpropeller aus dem Kosovo-Krieg.

Er fuhr quer über den Balkan, spazierte auf die serbische Luftwaffenbasis, bis ihn ein Militärpolizist festhielt. "Geht nicht", sagte dieser auf Russisch und telefonierte mit einem Vorgesetzten. 30 Minuten lang wurde dieser seltsame Deutsche festgehalten, durchsucht, befragt. War sie wieder da, die alte Angst?

T. winkt ab. Einen Spotter, der fünfeinhalb Jahre lang im DDR-Knast saß, holt so schnell nichts vom Himmel. Am Ende überzeugte er die Serben, dass er zwar ein verrücktes Hobby habe, eigentlich aber ganz harmlos sei und nur Flugzeuge fotografieren wolle. Dann durfte er seine An-2 fotografieren - und man wünschte ihm eine gute Heimfahrt.
© Harald Stutte | Abb.: privat | 25.12.2019 08:24

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Beitrag vom 25.12.2019 - 20:12 Uhr
Sehr guter Artikel von Harald Stutte. FW 190, ich kann Ihnen nur zustimmen!
Beitrag vom 25.12.2019 - 12:28 Uhr
Auch wenn es Weihnachten ist,:
"das ganze Ausmaß des Misstrauens, das ihm dieses verdorbene System entgegengebracht hatte..."

Das war kein verdorbenes System, das war ein verbrecherisches. Wer es heute entschuldigt mit: "die hatten auch etwas gutes" solch sich mal mit den vielen in Bautzen und Hohenschönhausen gequälten Menschen unterhalten.

So jetzt bin ich wieder in Weihnachtstimmung und friedlich. Ich hoffe er findet irgendwann seinen Seelenfrieden wieder.


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