Ausnahmeflug der Lufthansa
Älter als 7 Tage   EXKLUSIV 

In 15 Stunden nonstop von Hamburg auf die Falklands

Lufthansa Airbus A350-900
Lufthansa Airbus A350-900, © Lufthansa

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HAMBURG - Am Sonntagabend startet der längste und bisher wohl ungewöhnlichste Nonstop-Flug der Lufthansa: ein Airbus A350-900 bringt 92 Wissenschaftler, Schiffs- und technisches Personal direkt auf die Falklandinseln. Projektleiter Thomas Jahn erklärt im Interview mit aero.de, warum die Wahl auf genau dieses Flugzeug fiel.

Normalerweise haben es Antarktis-Forscher, Schiffs- und Stationspersonal des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) nicht so kommod, wenn sie ihren Dienstort aufsuchen.

Auf Linienflügen reisen sie üblicherweise nach Kapstadt und von da aus mit einer lauten russischen Iljuschin IL-76 auf engen Sitzen im dunklen Frachtraum zur Novo Air Base direkt in die Antarktis.

Doch während der Corona-Pandemie ist nichts normal. Daher geht es jetzt am Sonntag mit einer komfortablen Lufthansa-A350 auf Dienstreise von Hamburg in den Südatlantik, in einem Business Class-Liegesitz oder in einer der bereits auf der São Paulo-Route getesteten Sleeper's Rows, mit Business Class-Sitzauflage und -Bettzeug zum Schlafen hergerichteten Economy-Dreierreihen.

Zum Schutz des Personals, das Monate auf abgelegenen Polarstationen oder einem Forschungsschiff von der Außenwelt weitgehend isoliert verbringt, ist der weitgehende Ausschluss einer möglichen Corona-Infektion vorher absolut entscheidend.

Die geplante Rote für den Nonstop-Flug zu den Falkland-Inseln
Geplante Route für den Nonstop-Flug zu den Falklandinseln, © Lufthansa

Da Südafrika gerade als Risikogebiet gilt, musste sich das AWI nach einer Alternative umschauen und wandte sich an die Lufthansa. "Im Sommer letzten Jahres erhielten wir die Anfrage, ob wir nonstop von Hamburg auf die Falkland-Inseln fliegen können", sagt der Münchner Lufthansa-A350-Flottenkapitän und Falkland-Projektleiter Thomas Jahn im Interview mit aero.de. Ernsthafte Vorbereitungen begannen im November, die Anforderungen sowie die Logistik sind komplex.

"Das AWI hat verlangt, dass neben ihren eigenen Mitreisenden auch unsere gesamte Besatzung in Quarantäne geht für zwei Wochen vor Abflug", so Jahn. Seit dem 16. Januar befand sich deshalb neben den 92 Passagieren auch eine insgesamt 18köpfige Cockpit-, Kabinen- und Bodencrew der Lufthansa in Abgeschiedenheit in einem Bremerhavener Hotel mit Hafenblick.

Die ersten sieben Tage eingeschlossen in ihren Zimmern, nach dem dritten negativen Corona-Test dann mit Abstand und Masken immerhin mit Bewegungsfreiheit im ganzen Haus. Auf die Ausschreibung hatten sich innerhalb von nur 48 Stunden intern über 600 Freiwillige beworben.

Gerade in der Pandemie schien mit ein wenig Abenteuer bei Rundum-Versorgung ein Nerv beim Personal getroffen worden zu sein. Dabei ist die Tour eher nicht vergnügungssteuerpflichtig – denn weder bei der Vorbereitung noch am Zielort dürfen die Beteiligten die Quarantäne verlassen.

Militärbasis Mount Pleasant auf den Falkland-Inseln
Militärbasis Mount Pleasant auf den Falkland-Inseln, © Lufthansa

"Das ist eine besondere Reise, wo viele gehofft hatten, ein wenig von den Falklands zu sehen, was leider jetzt nicht der Fall ist", bedauert Thomas Jahn. "Man kommt zwar nicht aus dem Hotel raus, aber kann sich intensiv mit Antarktis-Forschern austauschen, das allein lohnt sich schon für viele", weiß der Projektleiter. Für den Rückholungsflug am 30. März wird es eine erneute interne Ausschreibung geben.

So wird, wenn die Wetterbedingungen am Ziel es zulassen, am Sonntagabend um 21.30 Uhr der Airbus A350-900 D-AIXP "Braunschweig" zum Flug LH2574 vom Hamburger Flughafen zum bisher einmaligen Nonstop-Flug über 13.700 Kilometer zur Militärbasis RAF Mount Pleasant starten, dem britischen Militärflughafen auf den Falkland-Inseln.

A350 derzeit einzig aktive Langstreckenmaschine

Die A350 war das einzige in Frage kommende Fluggerät. "Wir haben momentan nur die A350-900 für die Langstrecke, alle A340-600 und A380 sind stillgelegt", sagt Thomas Jahn. "Die Boeing 747-8 war wegen der Kosten, ihrem Treibstoffverbrauch und den CO2-Emissionen kein Thema. Wir brauchen mit der A350 rund 90 Tonnen Sprit auf die Falklands, die A340-600 hätte 140 Tonnen verbraucht – und mit der 747-8 wäre es sogar 160 Tonnen geworden", erklärt der A350-Flottenpilot.

Eine möglichst klimafreundliche Reise ist den Naturwissenschaftlern zu Recht ein Anliegen, das AWI kompensiert den Sonderflug so wie alle dienstlichen Flüge über das Atmosfair-Portal. An Bord werden neben der Besatzung und den gerade gut ein Drittel der Kabine füllenden Passagiere deren Gepäck, Ersatzeile für Station und Schiff sowie frische Lebensmittel für beide sein.

"Bei der Nutzlast haben wir trotzdem sogar noch ein paar Tonnen Luft", sagt Thomas Jahn, er erwartet ein Startgewicht von etwa 260 Tonnen, acht Tonnen weniger als das maximale Startgewicht der A350-900. Damit sei theoretisch eine Flugzeit von fast 18 Stunden möglich.

 Die geplante Flugdauer beträgt aber nur etwa 15 Stunden und zehn Minuten, die Ankunft ist für Montagmorgen 1. Februar um 8.55 Uhr Lokalzeit geplant. Ein spannendes Thema auch für die Lufthansa-Experten war die Streckenplanung.

Mangels eigener Erfahrungen auf der Route nahm man zunächst statistische Winddaten als Grundlage, doch als kürzlich die Berechnungen mit realen Winddaten begannen, schien es angeraten, die Streckenführung zu ändern.

Eine Zwischenlandung, wie sie etwa auf den Kanaren, den Kapverden oder Ascension Island (wo die Royal Air Force mit ihren A330-Tankern auf dem Weg nach Falkland auftankt) möglich wäre, wurde aufgrund der Pandemieschutz-Vorgaben des AWI von vornherein verworfen.

War die Route anfangs zunächst entlang der afrikanischen Westküste geplant, geht es nun direkt über den Atlantik und dann die südamerikanische Ostküste entlang nach Süden.

Plan B für eine Ausweichlandung

Um die Frage der möglichen Ausweichflughäfen hatte es sogar hochpolitische Verwicklungen gegeben, als Argentinien die Lufthansa-Anfrage danach als Anerkennung ihrer Ansprüche auf die Malwinen, wie die Inseln dort heißen, durch Deutschland ausschlachtete.

Der direkte Weiterflug von Argentinien nach Falkland ist aus politischen Gründen unmöglich, der Flug hätte dann nochmals zwischenlanden müssen. Anfangs war daher Punta Arenas in Chile als Ausweichflughafen benannt worden, aber "momentan", so Jahn, ist es doch Ushuaia.

Für den Fall einer Ausweichlandung dort gibt es einen Plan B: "In diesem Fall leiten wir die Polarstern dorthin um und fliegen von Ushuaia direkt wieder nach Hause", erläutert Jahn.

Das deutsche Forschungsschiff wird die Lufthansa-Passagiere abholen, wie geplant auf Falkland oder notfalls in Ushuaia. Letzteres allerdings würde eine zwei Tage längere Schiffsreise bis zur Neumayer-Station in der Antarktis bedeuten.

Aber Thomas Jahn gibt sich zuversichtlich: "Ich gehe davon aus, dass auf den Falklands am Montag eine normale Westwetterlage herrscht und dem Flug nichts im Wege steht." Und wünscht seiner Crew, dass sie wenigstens die Busfahrt vom Flughafen ins Quarantänehotel nutzen kann, um Eindrücke von der Insellandschaft aufzusaugen.
© aero.de, Andreas Spaeth | Abb.: Lufthansa | 30.01.2021 08:25

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Beitrag vom 01.02.2021 - 11:15 Uhr
momentan sind’s bei einer Landung auf der 28 23 kts direkt auf die Nase

EGYP 010950Z 28023KT 9999 FEW015 BKN240 14/08 Q1000
Beitrag vom 01.02.2021 - 08:11 Uhr
@A345:
Ich kann mir vorstellen, dass weder die Militärbasis auf den Falklands, noch der Alternate Ushuaia die üblichen Annehmlichkeiten eines internationalen AirPorts mitbringt. Das Abfertigen und Umdrehen der A359 ist da bestimmt auch mit gewissem organisatorischem Aufwand verbunden.

Hinzu kommt das Wetter, wie im Artikel erwähnt. Das findest du ohne weiteres nicht in den üblichen Datenbanken. Durfte mich selber mal zaghaft mit Flugplanung in der Gegend und südlicher befassen ;-)
Beitrag vom 31.01.2021 - 22:02 Uhr
Weder der Flottenchef, noch einer der Münchner Fleet Captains führt diesen Flug durch.
Eingeteilt sind zwei normale Trainingskapitäne und zwei Senior FOs.


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