Easyjet-Übernahme
06:28 Uhr

"Der Substanzwert liegt meist im toten Winkel"

Easyjet am BER
Easyjet am BER, © FBB

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LONDON - Nach 26 Börsenjahren soll Schluss sein: US-Investor Apollo zahlt Easyjet-Anleger aus. Easyjet konnte den eigenen Wert in einem Private-Equity-Tauziehen zwischen Apollo und Castlelake mühelos hochtreiben. Was sagt der Fall Easyjet über das Verhältnis zwischen Airlines und Finanzmarkt aus?

London, 28. Mai 2026: Easyjet-Aktien beenden den Handelstag mit 3,94 Pfund. Dann flattert Easyjet ein "Love Letter" ins Haus - die "Liebesbekundung" stammt vom US-Investor Castlelake - der übliche Weg der Kontaktanbahnung zu einem Übernahmeziel.

Anfangs ziert sich Easyjet, lehnt Castlelake-Offerten ab, treibt so den Preis hoch. Als ein Deal letztlich perfekt scheint, kommt Castlelake-Konkurrent Apollo mit einem noch höheren Gebot um die Ecke.

Anfang August 2026 stellt Castlelake das Werben ein, Easyjet geht an Apollo - für 7,15 Pfund pro Aktie. In nur zehn Wochen hat sich der Easyjet-Wert - ohne viel eigenes Zutun der Airline - um sagenhafte 81 Prozent erhöht!

Das wirft Fragen auf. Hat die Börse Easyjet über Jahre hinweg viel zu niedrig bepreist - oder überzahlt Apollo mit einer Bewertung von umgerechnet 6,7 Milliarden Euro massiv? Weder noch, meinen Kenner der Szene.

Denn zunächst sichert der Investor seine Interessen ab, wie es für frei handelbare Aktien kaum denkbar wäre: Apollo will für bis zu eine Milliarde Pfund Vorzugsaktien zeichnen, die mit einem Dividendenanspruch von 14 Prozent ausgestellt werden - Fabelrenditen, die Easyjet irgendwie aufbringen muss.

Rein aus dem operativen Geschäft wird das eng. Im jüngsten abgerechnten Quartal konnte Easyjet zwar die Umsätze um zwei Prozent auf knapp 3,0 Milliarden britische Pfund (rund 3,5 Mrd. Euro) ausbauen. Der um Sonderposten bereinigte Vorsteuergewinn fiel mit 85 Millionen Pfund 70 Prozent niedriger aus als ein Jahr zuvor.

Easyjet sitzt aber auf enormen stillen Reserven. Eine Abspaltung des Veranstaltergeschäfts oder ein Verkauf von Airbus-Lieferslots oder einzelner Landerechte könnte der Airline helfen, kurzfristige Renditeziele des Investors zu erfüllen. In profaner Fledderei erschöpft sich die Logik des Deals gleichwohl nicht.

Denn laut Angebotsunterlagen hat der Investor gleich mehrere Gewinnhebel identifziert, die das Management ziehen soll - darunter optimierte Winter- und Zusatzerlöse, ein Vielfliegerprogramm, eine bessere Flottenauslastung, ein Eintritt in neue Märkte, eine bessere Datennutzung und einen Ausbau des Veranstaltergeschäfts.

In Easyjet schlummert nach Überzeugung des Investors also noch viel ungehobenes Potenzial, das der Aktienkurs nicht eingepreist hatte.

"Für Fluggesellschaften besteht immer das Risiko, dass operative und externe Faktoren - zuletzt etwa die Kerosinpreise - Tagesgeschäft und Aktienkurs dominieren", sagte ein ehemaliger Airline-Finanzvorstand aero.de. "Der Substanzwert liegt (bei Fluggesellschaften, Red.) meist im toten Winkel der Börse. Diese Chance hat Apollo erkannt und ergriffen."

Der Manager ist seit einigen Jahren selbst als Berater in der Private-Equity-Szene aktiv - und sieht Easyjet als "logisches Investorenziel" innerhalb der Branche: "Easyjet ist nicht nur operativ profitabel und attraktiv bewertet, sondern hat auch eine passende Aktionärsstruktur und gerade noch die richtige Größe für eine Übernahme."

Schwergewichte wie Lufthansa, IAG und Air France-KLM fielen demgegenüber eher in Beuteschema "strategisch oder synergetisch motivierter Investoren" mit komplementären Geschäftsmodellen.

Lufthansa hat mit der Holding des kürzlich verstorbenen Logistikunternehmers Klaus-Michael Kühne einen starken Ankeraktionär an Bord, bei IAG nimmt diese Rolle Qatar Airways ein.

Air France-KLM hat mit Frankreich und den Niederlanden nicht nur staatliche Coeigner im Rücken, die 28,0 beziehungsweise 9,1 Prozent der Aktien halten. Beteiligungen der strategischen Partner CMA CGM, China Eastern Airlines und Delta Air Lines reduzieren den an der Börse handelbaren Konzernpart auf 42,8 Prozent.

Fluggesellschaften außerhalb der "Big 4" der europäischen Luftfahrt - Lufthansa, Air France-KLM, IAG und Ryanair - sieht der Szenekenner "für die weitere Konsolidierungsphase" besser bei Finanzinvestoren als an der Börse aufgehoben - und auch das nur als Zwischenstation. Die Spielregel laute "up or out" - entweder hoch in einen größeren Konzern oder raus aus dem Markt.

Castlelake macht bei SAS Kasse

In der Branche zeichnen sich unterdessen weitere Deals ab: Attestor will Condor vor einem möglichen Weiterverkauf an einen Airlinekonzern 2027 zunächst komplett übernehmen. Castlelake ist bei einer Beteiligung dem Exit schon einen Schritt näher: Der Finanzinvestor will SAS-Anteile noch 2026 an Air France-KLM abstoßen.
© aero.de | Abb.: FBB, Günter Wicker | 04.10.2026 06:28


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