Untersuchung beendet
Älter als 7 Tage  

Absturzursache der Il-112W bleibt unter Verschluss

Iljuschin Il-112W
Iljuschin Il-112W, © UAC

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MOSKAU - Die russischen Behörden haben ihre Untersuchung zum Absturz der Iljuschin Il-112W abgeschlossen. Offizielle Details über den Hergang der Katastrophe und ihre Ursachen wird es jedoch nicht geben. Trotzdem sind Details aus dem Abschlussbericht in die Medien gelangt.

Russlands Regierung wird den Unfallbericht zum Absturz der Iljuschin Il-112W nicht veröffentlichen. Das teilte das Ministerium für Industrie und Handel laut Angaben der Nachrichtenagentur Tass Ende der vergangenen Woche mit.

Der einzige flugfähige Prototyp des neuen russischen Transportflugzeugs war am 17. August 2021 nahe des Fliegerhorsts Kubinka in der Oblast Moskau abgestürzt.

Ein Video, das den Absturz dokumentiert, zeigt die Il-112W in geringer Höhe im Geradeausflug mit brennendem rechten Triebwerk - bis sie plötzlich nach rechts abkippt, rasch an Höhe verliert und schließlich fast senkrecht in einem kleinen Waldstück zerschellt. Alle drei Besatzungsmitglieder fanden bei dem Absturz den Tod.

Neun Monate nach dem Unglück habe die mit dem Fall betraute Kommission ihre Untersuchungen abgeschlossen, heißt es nun. Da es sich bei der Il-112W um ein Test- und nicht um ein Serienflugzeug gehandelt habe, unterlägen die Ermittler jedoch keiner international üblichen Transparenzverpflichtung.

Vielmehr sei die Kommission den Wünschen des "Kunden" - also des russischen Verteidigungsministeriums - verpflichtet. Und dieses stellte die Gutachter offenbar unter Schweigepflicht.

Wie die Tass unter Berufung auf interne Quellen weiter berichtet, offenbart der Abschlussbericht jedoch ohnehin nicht viel Neues. So benenne er die Ursachen der Tragödie "nicht direkt" und weise weder dem Konstrukteur und Hersteller des Flugzeugs noch dem Produzenten der Triebwerke noch der Besatzung eine direkte Verantwortung zu.

Feuer durch Trümmeraustritt

"Jeder und niemand war schuld am Absturz des Testflugzeugs", urteilt auch die russische Wirtschaftszeitung Kommersant, der zumindest Teile des Berichts vorzuliegen scheinen. Die Kausalitätskette der Ereignisse war aber ohnehin schon länger klar.

So schrieb Kommersant bereits im Herbst des vergangenen Jahres unter Berufung auf mit dem Fall betraute Insider, dass ein "Verlust der gasdynamischen Stabilität" im rechten Triebwerk als Ausgangspunkt identifiziert wurde. Dieser habe mutmaßlich "zur teilweisen Zerstörung der Turbine" geführt, deren Trümmer wiederum die nahegelegenen Kraftstoffleitungen durchtrennten.

Die Folge sei ein Feuer gewesen, das sich rasch ausgebreitet habe und auch auf die Struktur der Tragfläche übergegangen sei. Die Besatzung habe das Triebwerk abgestellt, den Propeller in Segelstellung gebracht und versucht, den Brand zu löschen, damit aber keinen Erfolg gehabt.

Schließlich sei es in Folge des Feuers zu einem "strukturellen Zusammenbruch" des rechten Querruders gekommen, wodurch die Iljuschin wegen des asymmetrischen Schubs durch das linke Triebwerk nach rechts abkippte und unkontrollierbar wurde.

Löschversuche scheitern

Die beiden TW-117ST-Turboprop-Motoren aus dem Hause Klimow galten schon vor dem Unglück als Schwachstelle der Il-112W. Im Nachgang stand auch das Feuerlöschsystem als unzureichend in der Kritik. Am 17. August 2021 habe in Kubinka ein Durchstartmanöver nach misslungener Landung mit nur einem laufenden Triebwerk auf dem Plan gestanden, berichtet Kommersant unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Allerdings sei das Feuer bereits während des Endanflugs auf den Fliegerhorst Kubinka ausgebrochen und die Crew habe das Durchstartmanöver abgebrochen. "Die automatische Zufuhr der ersten Portion des Löschgemisches in die rechte Triebwerksgondel löschte das Feuer nicht, und die Piloten mussten, wie aus dem Bericht hervorgeht, die Brandbekämpfung im manuellen Modus fortsetzen", so Kommersant weiter.

Das jedoch sei ziemlich kompliziert gewesen: Insgesamt habe die Besatzung hierfür nacheinander fünf Aktionen ausführen müssen, stellte die Kommission fest. Die Piloten hätten währenddessen im "intensiven Funkverkehr" mit den Fluglotsen am Boden gestanden und sich auf die Landung vorbereitet.

Letztlich jedoch sei Kommandant Nikolai Kuimow der Ansicht gewesen, "dass die Landung in dieser Situation zu riskant wäre", zitiert Kommersant die Insiderquelle. "In der Hoffnung, das Flugzeug so zu retten, stoppte er den Sinkflug und ging in eine Platzrunde, um die Situation zu klären."

Il-112 Prototyp verunglückt bei Testflug, © TSL
 
Eine Nachbildung der Ereignisse im Simulator habe ergeben, dass die Piloten "absolut situationsgerecht" gehandelt hätten, schreibt Kommersant weiter. Dass das Feuer nur Sekunden später zum Bruch der Querruderstange führen würde, habe selbst "der erfahrenste Kommandant" nicht voraussehen können. Die Frage, ob die Crew beim Löschen des Feuers einen Fehler begangen hat, bleibe jedoch abschließend "im Wesentlichen unbeantwortet."

Die Erkenntnisse aus dem Simulator hätten ergeben, "dass die Besatzung mindestens 40 Sekunden benötigte, um die zweite Portion des Löschgemischs zuzuführen." Allerdings habe sich das Feuer zu diesem Zeitpunkt längst "über den gesamten Flügel ausgebreitet" gehabt, weswegen der manuelle Löschversuch ohne Chance gewesen sei.

Ein einzelnes Mitglied der Kommission habe aufgrund der Verzögerung Zweifel an der Kompetenz der Crew geäußert - der Bericht habe sich dieser Minderheitsmeinung jedoch nicht angeschlossen.

Politischer Druck?

Wie bereits im Herbst des vergangenen Jahres weist die Zeitung Kommersant auch in ihrem jüngsten Bericht über den Absturz auf die politische Dimension hin. So sei die Il-112W von März 2019 bis zum 17. August 2021 lediglich 23 Mal in der Luft gewesen und habe dabei stets nur sehr kurze Testflüge absolviert.

Da man nach dem Jungfernflug am 30. März 2019 massive technische Mängel ausgemacht hatte, war das Flugzeug zwei Jahre lang sogar überhaupt nicht geflogen und erst im März 2021 erstmals wieder aufgestiegen. Trotzdem seien die politisch Verantwortlichen sehr darauf bedacht gewesen, die Il-112W auf der Luftfahrtschau Army 2021 in Kubinka öffentlich zu präsentieren.

Der Verdacht steht im Raum, dass die damit einhergehende Eile erst den Nährboden für die Katastrophe geschaffen hat. Ein Umstand, den neben Kommersant auch diverse russische Experten ausdrücklich anführen. Und womöglich ist das der eigentliche Grund, warum der Abschlussbericht erstens nicht veröffentlicht wird - und zweitens in seinem Fazit, nach allem, was bekannt ist, so vage wie nur möglich bleibt.

Das Ministerium selbst sieht die Sache in einer Stellungnahme gegenüber Kommersant naturgemäß anders: Es sei nicht Aufgabe der Kommission, Täter und Verantwortliche zu benennen, sondern lediglich, "die Ursachen der Tragödie zu ermitteln und Empfehlungen zu erarbeiten, um ähnliche Unfälle in Zukunft zu verhindern".

Ob und in welcher Form dies im Abschlussbericht tatsächlich geschehen ist, lässt sich von außen nicht feststellen - weil der Bericht eben nicht publiziert wurde.

Il-112W wird fortgesetzt

Das Projekt Il-112W, das nach dem Absturz bis auf Weiteres auf Eis lag, scheint indes wieder Fahrt aufzunehmen. Statische Tests mit dem als Bruchzelle verwendeten zweiten Prototypen seien beim Luftfahrtforschungsinstitut ZAGI bereits wieder im Gange, heißt es aus Russland. Außerdem plane man, die im Bau befindlichen Testmaschinen drei und vier rasch fertigzustellen. Bereits im Laufe des Sommers könnte damit eine neue Il-112W abheben.
© FLUG REVUE - Patrick Zwerger | Abb.: Iljuschin | 31.05.2022 09:05


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