Beinaheunfall in Nizza
Älter als 7 Tage

Hat die hellere Landebahn die Piloten angezogen?

Flughafen Nizza bei Nacht
Flughafen Nizza bei Nacht, © BEA

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NIZZA - Im Anflug auf Nizza vertun sich Piloten eines Airbus A320 in der Landebahn. Die Maschine aus Tunis kratzt über eine startbereite A320 von Easyjet hinweg - bevor der Tower in die Situation eingreift. Nun liegt ein erster Ermittlerbericht vor. Haben Helligkeitsunterschiede der Parallelbahnen zu der Verwechslung beitragen?

Flughafen Nizza, 21. September 2025: Easyjet 4706, die A320 OE-IJZ, nach Nantes bringt sich gegen 23:30 Uhr an 04R zum Start in Stellung. Der Flughafen liegt unter Nebel. Zeitgleich befindet sich ein A320 aus Tunis im RNP-Endanflug auf Nizza. Nouvelair 586 soll auf 04L landen.

23:31:36 Uhr: Nouvelair 586 trennen noch 1,8 Meilen vom Flughafen, der Airbus ist auf 04R ausgerichtet.

23:31:41 Uhr: Easyjet 4706 rollt auf 04R ein, im Tower schlägt das Bodenkonfliktwarnsystem "A-SMGCS" an - erst mit einer gelben Warnlampe, 16 Sekunden später blinkt eine rote Lampe unterlegt mit einem akustischen Alarm.

Ab 23:32:05 Uhr: "Nouvelair 586, ich bestätige 04L", funkt der Tower den Piloten im Endanflug zu. "Short Final 04L", melden die Piloten zurück. Der Fluglotse gibt die Landung frei.

23:32:21 Uhr: Nouvelair 586 überfliegt Easyjet 4706 auf 04R. Der Höhenmesser der TS-INP springt von 39 Fuß erst auf 10 Fuß und dann auf 24 Fuß.

"Diese Abweichung in der Höhe des Funkhöhenmessers zeigt sehr wahrscheinlich den Überflug von TS-INP über OE-IJZ", hält die französische Flugunfallbehörde BEA in ihrem jetzt vorgelegten Faktenbericht (PDF) zu der Beinahekatastrophe fest.

Die A320 von Nouvelair ist in rund drei Meter Abstand über die A320 von Easyjet hinweggeflogen. Insassen der Easyjet-Maschine berichten von "spürbaren Vibrationen" im Flugzeug als die A320 von hinten über ihre Köpfe zieht.

Erst jetzt weist der Tower Nouvelair 586 zum Durchstarten an. Die TS-INP setzt nicht auf 04R auf, 15 Minuten später landet Nouvelair 586 sicher auf 04L.

In der weiteren Ermittlung will das BEA die Handlungen von Tower und Piloten nachvollziehen. Auch die ungünstigen Wetterbedingungen werden als Faktor geprüft.

04R nachts "sehr viel heller" als 04L

Das BEA geht im Eröffnungsbericht aber auch auf eine "unterschiedliche Helligkeit" der Landebahnen ein. Über eine Anflugbefeuerung verfügt der am Meer gelegene Airport nicht. 04R wird seit April 2022 nachts mit einer leistungsstarken LED-Befeuerung ausgeleuchtet, auf 04L funzeln noch Halogenstrahler. Das könnte die Verwechslung aus der Luft begünstigt haben. 

"Nachts sind die Lichter der Landebahn 04R sehr viel heller als die der Landebahn 04L", halten die Ermittler fest. In diesen Konstellationen habe es bereits in der Vergangeheit Verwechslungen gegeben.
© aero.de | Abb.: BEA | 25.10.2025 07:46

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Beitrag vom 29.10.2025 - 22:49 Uhr
Noch einmal kurz zum Thema ILS: Das wird in Nizza üblicherweise nicht benutzt wegen Lärmschutzregeln betreffend die Ortschaft Antibes, über die ein ILS-Approach auf die 04L erfolgt. - Eine sehr problematische Regelung, wie man bei diesem Vorfall drastisch sehen konnte. Eine "Lesson to Learn" aus ihm ist deshalb ohne Zweifel, zu einer Neuregelung des Anflugverfahrens zu kommen, so dass hier nicht der Lärmschutz zu Lasten der Sicherheit geht.

Eine weitere "Lesson to Learn" aus dem Vorfall ist sicherlich, so zeitnah wie nur irgend möglich die 04L mit LED nachzurüsten. So wie sich diese jetzt präsentiert war das bei nächtlichen Non-Precision-Approaches ein "Incident waiting to happen".

Trotzdem bleibt dann jedoch noch weiterer Klärungsbedarf. Wie aus ihrer Kommunikation mit dem ATC hervorgeht waren die Nouvelair-Piloten ja offenbar davon überzeugt, die korrekte, nämlich die 04L anzufliegen - obwohl sie in Wirklichkeit die 04R ansteuerten. Wenn man die 04R versehentlich für die 04L hält, dann müsste sich einem die Frage stellen, wo denn die 04R abgeblieben ist. - Mit anderen Worten: Jenseits der beiden offenkundigen Punkte Anflugverfahren und Beleuchtung ist hier an Bord der Nouvelair-Maschine offensichtlich noch mehr schief gegangen. Es ist deshalb zu hoffen, dass die weitere Untersuchung Aufschluss darüber geben wird, welche weiteren Faktoren mit hineinspielten (confirmation bias? tunnel view?), um eine Wiederholung des Irrtums vermeiden zu können.

Die Durchstartorder des ATC kam im Übrigen viel zu spät. Sie hätte den Crash nicht mehr verhindert. Auch hier gibt es wohl eine "Lesson to Learn". Der Easyjet-FO hat laut Preliminary Report zudem offenbar die ungewöhnliche Position der anfliegenden Maschine erkannt, nicht jedoch ihre Fehlausrichtung auf die 04R.

Letztlich haben hier offensichtlich alle alles falsch gemacht. Dass es nicht zum Crash kam kann man reines Glück nennen oder auch religiös deuten, je nach eigener Überzeugung. Aber man sollte sich an diesem Airport in Zukunft nicht auf dieses Glück und die Schutzengel verlassen.
Beitrag vom 29.10.2025 - 15:09 Uhr
RNP Z war auf der ATIS und vorbereitet, RNP A wurde schließlich aufgrund von Wetterradarechos auf dem Final RNP Z geflogen. Diverse HDGs wegen Wetter sind dem Ganzen voraus gegangen.

Alles in allem ein anspruchsvoller Anflug mit viel Dynamik. Im Preliminary Bericht ist eine Karte zu sehen. Da kann man gut erkennen, wieviel kürzer der Anflug auf einmal geworden ist. Auch das trägt zur Dynamik bei.

Man kann ein Flugzeug im Lichtermeer eines Flughafens kaum, bis gar nicht erkennen. Da muss man Ruhe und Geduld haben, um in hunderten Lichtern die drei, vier Lichter zu erkennen, die da NICHT hingehören. Die einzige echte Chance hätten sie meiner Ansicht nach gehabt, wenn sie rausgeschaut hätten, als Easy den Line-up gemacht hat. (Man nimmt Bewegung besser wahr) Da waren die aber wahrscheinlich gerade mit Fliegen beschäftigt. Auch hätte man eventuell hören können, dass ein anderes Flugzeug eine Line-up-clearance bekommen hat. In Frankreich aber auch gerne mal auf französisch...

All diese Dinge gehen aber unter, wenn man glaubt, auf die "richtige" Bahn anzufliegen. Und nein, es gibt in den mir bekannten Unterlagen keinen Hinweis darauf, dass in NCE die Beleuchtung der Bahnen unterschiedlich ist.

Am Ende des Tages ist da so viel schief gelaufen, dass man froh sein muss, dass die im Cockpit, trotz der ganzen Fehler vorher, am Ende doch nach das Gas reingeschoben haben. Das hätte gut wie Haneda ausgehen können, mit dem Unterschied, dass ich dann in diesem Fall wesentlich mehr Opfer erwartet hätte.






Dieser Beitrag wurde am 29.10.2025 15:10 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 28.10.2025 - 22:49 Uhr
@mpilot
ja, Du könntest auch das TAF zitieren, dass sie für die Vorbereitungen des Fluges in TUN genutzt haben.
Das ganze war NICHT gegen 20:30 sondern eine Stunde später!!! Das was da von der ATIS (ev) noch passt ist die RWY...

@Heinzi
Also das würde ich nicht unbedingt so sagen.
Erwartung: Das helle ist die LANDEbahn.
Ich meine, warum sind in FRA schon welche den M angeflogen stett beim Swing die 25C?
Liegt halt schön in der Mitte....
Teneriffa: Ja, das wird meine Startfreigabe gewesen sein...

Tja, da hilft es dann immer seine Erwartungen mit der Realität, in diesem Fall, Kartenmaterial abzugleichen. Und Vorbereitung auf das, was man da so macht.

Sollte hätte wäre - ja, richtig. Denn so hätte es nicht laufen dürfen.

Wichtiger ist doch zu sehen, wie es nicht mehr passieren kann., der dann von der Crew wieder beiseite geschoben wurde.
Wichtiger ist es, die Löcher im Käse zu stopfen!

Da gebe ich Ihnen grundsätzlich Recht. In Fällen wie diesem hätte aber einfach gute Vorbereitung geholfen. Allerdings ist hier ja nun durchaus adäquat nachgefragt/gewarnt worden, durch Rückfragen des Lotsen. Spätestens da hat man schon mal den Deckel auf ein Loch geschoben, der dann durch die Crew wieder achtlos beiseite geschoben wurde. Man kann es am Ende auf die Beleuchtung schieben, um menschliches Versagen kaschieren.
Man könnte natürlich seitens der Flugsicherung auch einfach mal anfangen, bei möglichem, aber grenzwertigem Wetter das ILS anzuwerfen. Aber da geht Lärmschutz des Geldadels vor Sicherheit. So ist das halt. Da sind die Prioritäten gesetzt. Dann würde ganz viele Flickversuche von Käsescheibenlöchern sparen. Und dieses mal ist man durch alle Löcher gerast und nur Glück hat schlimmeres verhindert.


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