Boom Overture
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Alles eine Frage der Mach-barkeit

Boom Overture
Boom Overture, © Boom Supersonic

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DENVER - American Airlines und United stellen Passagieren ein Überschallerlebnis in Aussicht. Die US-Branchenriesen stehen weit oben in der Warteliste für die Boom Overture - 2029 soll es soweit sein, verspricht das Startup aus Colorado. Daran gibt es berechtigte Zweifel - eine Luftnummer ist das Projekt deswegen trotzdem nicht.

Mach 1,7 über dem Meer und knapp unter Mach 1,0 über Land: Boom Supersonic wähnt die Zivilliuftfahrt vor einem Überschallalter 2.0. Seit 2014 arbeitet ein Team um Boom-Gründer Blake Scholl an einem legitimen Concorde-Erben. Gerade hat Boom die Grundkonstruktion ein weiteres Mal umgestrickt.

Auf der Farnborough Airshow zeigte Boom Renderings einer komplett überarbeiteten Overture. An stark nach hinten gezogenen "Möwen"-Schwingen aus Verbundwerkstoff sorgen jetzt vier statt zwei Turbofan-Triebwerke für den Knalleffekt beim Überschreiten der Überschallschwelle.

In der neuen Gestalt werde die Overture "unsere Einstellung zum Thema Entfernung für immer neu definieren", verspricht der Hersteller vollmundig. Das neue Design lehnt sich an die Boeing 2707 an. Und wie die Boeing-Überschallkonstruktion von 1966 wird auch die Overture wohl für immer eine Studie bleiben - zumindest, was die Zivilluftfahrt angeht.

Der frühere Amazon-Manager Scholl hat seit dem Projektstart vor acht Jahren 270 Millionen US-Dollar Investorengelder eingesammelt - und einige promienten Namen um sich geschart. Virgin Atlantic hat sich 2016 mit einer Option auf 10 Flugzeuge an das Projekt geheftet, eine weitere europäische Airline ist laut Boom an 15 Überschalljets interessiert.

Japan Airlines platzierte 2017 nicht nur eine Vorbestellung über 20 Boom-Jets - der Konzern beteiligte sich mit 10 Millionen US-Dollar direkt am Hersteller. United Airlines plant seit 2021 offiziell mit 15 Boom Overture - plus Optionen auf weitere 35 Flugzeuge. American Airlines zog gerade mit 20 Overture und 40 Optionen nach.

Beim Konkurrenten Delta kann man sich darüber nur wundern. "Ich sehe erheblich mehr Klärungsbedarf als Antworten", hinterfragte Delta-Chef Ed Bastian im US-Sender "Fox Business" die grundsätzliche Rentabilität von Überschallflügen. An der bestehen seit den Tagen der Concorde ebenso berechtigte wie grundsätzliche Zweifel.

Auf vielen potenziell interessanten Städtepaaren liegt entweder die Abflug- oder die Ankunftzeit mitten in der Nacht. Über Land kann ein Überschallflugzeug seinen Geschwindigkeitsvorteil schon aus Lärmschutzgründen nicht ausspielen. Boom bleibt - wie einst der Concorde - im Wesentlichen der Transatlantikverkehr.

Auf der Linie Miami - London verspricht Boom so auch Flugzeiten von "unter fünf Stunden". Zum Vergleich: ein Airbus A330 bewältigt die Strecke in 9:25 Stunden. Auf der Linie Los Angeles - Honolulu will Boom die Flugzeit auf unter drei Stunden drücken - Hawaii ist allerdings kein typisches Ziel, zu dem Passagiere besonderer Termindruck plagt.

Für Expresslinien zwischen Nordamerika und Asien fehlt der Overture Reichweite - nach spätestens 7.870 Kilometern sind die Tanks leergesaugt.

Mindestens siebenmal mehr Kerosin pro Passagier als ein konventioneller Jet wird die Overture durch ihre Triebwerke jagen, rechnete das Center for Biological Diversity der US-Luftfahrtbehörde FAA 2019 eine desaströse Umweltbilanz des Konzepts vor: "Die Welt brennt und Überschallflugzeuge blasen Kerosin ins Feuer. Das ist völlig verrückt."

Das ficht Boom nicht an. Die Overture werde "von Anfang an" auf den Betrieb mit 100 Prozent SAF ausgelegt, verspricht der Hersteller. Zum Stand jetzt geplanten EIS 2029 wird SAF allerdings kaum in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen - Airlines planen zu diesem Zeitpunkt mit Beimischquoten zwischen fünf und zehn Prozent.

Boom hat den Erstflug der Overture mehrfach verschoben, aktuell ist er für 2026 angesetzt. Bisher hat es allerdings nicht einmal der 2020 vorgestellte Testträger XB-1 in die Luft geschafft.

Eine Realisierung eines Overture-Prototypen für die zivile Zulassung würde zudem ein X-faches der Gelder verschlingen, die Boom derzeit aus Investoreneinlagen und Anzahlungen zur Verfügung stehen. Wie Boom den Anfang 2022 angekündigten Bau einer geplanten "Superfactory" für die Serienfertigung am Piedmont Triad International Airport in Greensboro (North Carolina) finanzieren will, ist ebenfalls noch offen.

Vor allem fehlt Boom derzeit noch ein Triebwerkspartner. Um eine mögliche Projektteilhabe von Rolls-Royce ist es still geworden - der britische Konzern hat derzeit andere Sorgen als die Entwicklung eines Überschalltriebwerks.

Kooperation mit Northrop-Grumman

Selbst beim Neukunden American Airlines will man nicht so recht an das Projekt glauben. "Boom muss die branchenüblichen Betriebs-, Leistungs- und Sicherheitsvorgaben sowie den sonstigen üblichen Bedingungen von American nachweisen, bevor die Overtures ausgeliefert werden", baute American eine mögliche Exitstrategie in die Pressemitteilung ein.

Die verfehlte ihre Wirkung ansonsten allerdings nicht - das Thema Überschall ist immer für eine Story gut.

Und auch wenn die Overture aus diversen Gründen den Sprung von der Idee zur Serie nicht schafft, sind Forschung und Entwicklung berechtigt.

Das zeigt eine andere Kooperation, auf die Boom während der Farnborough Airshow mehr am Rande hinwies: Northrop-Grumman sieht Chancen für eine Militärversion der Overture. Die müsste nicht nur mit niederschwelligeren Umweltauflagen fertig werden, sondern könnte auch neue Geldgeber von der Überschallidee begeistern. Das scheint mach-barer.
© aero.de | 28.08.2022 07:47

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Beitrag vom 29.08.2022 - 04:21 Uhr
Ich bin ganz sicher, dass es technisch möglich sein wird, einen Concorde Nachfolger zu bauen, der erheblich weniger Sprit verbraucht, und den Überschallknall reduziert.

Was heisst erheblich weniger? Wir sind 2 Triebwerksgenerationen weiter, vlt auch 3.
Wenn man die Pax Effekte etc. raus rechnet, mit denen man sich die neuen Modelle immer schön rechnet, sind wir was, 25-30% besser bei den spezifischen Verbräuchen?

Die Frage wird sein, wie lange es dauern wird, so ein Flugzeug zu zertifizieren, wenn z.B. Boeing schon für eine Überarbeitung der B777 fast 10 Jahre braucht.
Hier soll ein Hersteller, der bisher keinerlei Erfahrung mit zivilen Verkehrsflugzeugen, geschweige denn mit Überschallflugzeugen hat,
Eine Zulassung in weniger la 10 Jahren erreichen?
Und grundsätzlich, es gibt ja bisher noch nicht mal einen Triebwerkhersteller, der solche Triebwerke entwickelt, und dann noch evt für eine begrenzte Zahl an Fliegern?
Wie lange braucht RR noch für eine Zulassung ihres Ultrafans?
Und dann noch die begrenzte Reichweite, die noch nicht mal einen Flug über den Pazifik möglich macht?
Von den Auswirkungen auf die Umwelt mal gar nicht zu sprechen, was glaubt ihr, was gerade in D los sein wird, wenn bekannt wird, dass pro Passagier auf so einem Flug 5-7 mal so viel Sprit verbraucht wird?
Dass es genügend Passagiere geben wird, die sich so einen Flug leisten können, ist schon klar, aber ob die das überhaupt wollen, oder nicht doch lieber in der First gemütlich schlafen.

Einen Markt gibt es sicher, es gibt viele Menschen für die Zeit ein sehr knappes gut ist.
Nur was spart einem das auf den gesamten Trip gesehen, wenn man statt 7-8h halt ca. 3,5-4h fliegt?

Und schlussendlich wurden 20 gebaut. Was rechtfertigt da eine Neuentwicklung?
Beitrag vom 28.08.2022 - 20:09 Uhr
Wie wäre es denn mit einem Elektro-Überschall-Flieger ? (Ironie Ende)

Ganz ohne Ironie, das ist machbar

Mittels Mikrowellen wird komprimierte Luft zu einem Plasma erhitzt und durch die Ausdehnung des Plasmas wird Schub erzeugt. Ein Prototyp davon gab es bereits 2020 in China. Der erzeugt Schub ist mit dem von klassischen TW vergleichbar. Einziges manko die Akkus müssten leichter werden und mehr Kapazität haben. es würde die selbe Menge an Energie gebraucht wie bei Kerosin.

 https://www.spektrum.de/news/mikrowellen-sollen-elektrisches-duesentriebwerk-antreiben/1732468


Ok wer gründetet mit mir einen Flugzeugbauer der einen mittels Mikrowellen angetriebenen Überschallprivatjet baut. 10Pax und Mach 3 mit reichweite von 15000Km. Ich rendere auch gern einen Entwurf;-)

Dieser Beitrag wurde am 28.08.2022 20:13 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 28.08.2022 - 20:07 Uhr
Die Airlines sehen das sicher als kostengünstige Werbung…
Warum niemand an einem Überschall- privat Jet arbeitet verstehe ich nicht… genug Bedarf würde es da evtl. Geben… ?!

Vielleicht haben mögliche Investoren bei einem derartig "hausbackenen" Vorschlag schlicht nicht genug Dollar-Zeichen in den Augen um den Blick auf die physikalische und finanzielle Realität zu versperren.
Dazu braucht es schon große Visionen wie die von der "Überschall-Disruption im weltweiten Luftverkehr" von Overture...



Dieser Beitrag wurde am 28.08.2022 20:33 Uhr bearbeitet.


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