Kritik an Quarantäneregeln
Älter als 7 Tage

"Ein zweiter Lockdown wäre fatal für die Flughäfen"

FRA Terminal 2
FRA Terminal 2, © Fraport

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FRANKFURT - Pläne zur verschärften Quarantäne von Reiserückkehrern haben in der Luftfahrt zu massiven Protesten geführt. BDL und ADV nannten die Maßnahmen "unverhältnismäßig", weil eine mindestens fünf Tage lange Quarantäne mit einem abschließenden negativen Corona-Test einen erneuten Lockdown des Flugbetriebs bedeute.

Der Gründer der Pharmafirma Centogene, Arndt Rolfs, schlug am Freitag einen Doppeltest vor: "Alternativ zur fünftägigen Zwangsquarantäne, an deren Ende ein negatives Testergebnis stehen muss, um die Quarantäne verlassen zu können, sollte vernünftigerweise die Möglichkeit einer Testung am Tag der Einreise und nach 5 Tagen angeboten werden, um damit der Zwangsquarantäne entgehen zu können."

Nach den Beschlüssen der Ministerpräsidenten der Länder vom Donnerstag wird für Rückkehrer aus Risikogebieten die alte Regelung eines Pflichttests bei der Einreise mindestens noch bis zum 1. Oktober weiter bestehen. Für die übrigen Heimkehrer sollen die kostenlosen Tests ab dem 16. September entfallen.

BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow wies darauf hin, dass die positiv getesteten Reiserückkehrer nur in einem sehr geringen Ausmaß aus Gebieten kämen, wo die Menschen das Flugzeug für ihre Reise nutzen. "Die übergroße Mehrheit der positiv getesteten Reisenden kam aus Kosovo und anderen Balkanländern, wo der wesentliche Reiseverkehr nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto stattfindet."

"Ein zweiter Lockdown wäre fatal für die Flughäfen", warnte auch Ralph Beisel vom Flughafenverband ADV. "Es wäre besser, die etablierte Testinfrastruktur an den Flughäfen weiter zu nutzen und Reisende aus Risikogebieten schnell zu testen." Während der Diskussion hatten sich auch Manager der Lufthansa und des Flughafenbetreibers Fraport gegen schärfere Quarantäneregeln für Rückkehrer ausgesprochen.

Der BDL appellierte an die Bundesregierung und die Länder, die verbleibende Zeit bis Oktober zu nutzen, um den Lockdown zu vermeiden. Es könnten ausreichende Testkapazitäten bereit gestellt werden, die sinnvoll und effizient eingesetzt werden müssten. Von Randow schlug zudem vor, bei der Risikoanalyse auch außerhalb Europas die einzelnen Regionen der Herkunftsstaaten in den Blick zu nehmen. Es müssten nicht immer ganze Länder zu Risikogebieten erklärt werden.

"Entscheidender Beitrag"

Sein Unternehmen werde in jedem Fall die Zentren in Frankfurt und Hamburg aufrechterhalten, kündigte Centogene-Chef Rolfs an. "Das Testen in den Symbolen der Mobilität - und das sind die Flughäfen - ist ein entscheidender Beitrag im Kampf gegen die Pandemie." Kurzfristig rechne er mit einer Abnahme der Testzahlen bei Umsetzung der Länderpläne, sagte der Neurologe.

"Mittel- und langfristig werden sie aber ohne Zweifel weiter ansteigen, weil Tests noch lange Zeit unverzichtbar sein werden. Den Impfstoff wird es nicht innerhalb der nächsten zwei Jahre flächendeckend in guter Qualität geben."

Die Centogene-Zentren hatten anfangs ausschließlich gegen Entgelt Corona-Tests durchgeführt. Auch künftig werde man Testkapazitäten vorhalten - beispielsweise für Kunden, die bei der Einreise nach China oder Israel einen frischen Corona-Test vorlegen müssen. Auch für die Ankommenden müssten die Tests am Flughafen einfach zu erreichen sein. "Der Test muss zum Anwender kommen."

Auch das Testzentrum des Deutschen Roten Kreuzes am Flughafen Frankfurt werde bis auf Weiteres regulär weitergeführt, teilte eine Sprecherin mit. Man sei weiterhin vom Land Hessen beauftragt, kostenlose Tests für Reiserückkehrer anzubieten, die aus Risikogebieten mit dem Flugzeug am Frankfurter Airport ankommen. Seit der Eröffnung am 30. Juli wurden in dem DRK-Zentrum 55 000 Tests durchgeführt, von denen rund ein Prozent eine Infektion mit dem Covid-19-Virus anzeigte.
© dpa-AFX | Abb.: Flughafen Hamburg | 28.08.2020 16:10

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Beitrag vom 29.08.2020 - 09:21 Uhr

Tatsächlich bergen die Forderungen der Airlines nach ungebremsten Reisen auch in Risikogebiete und die Beschränkung auf Tests mit bekannt hohen false-negative Raten die Gefahr eines tatsächlichen zweiten Wirtschaftlichen Lockdowns für die gesamte Wirtschaft, wie wir es im April erlebt haben.

wie hoch sind denn die "bekannt hohen" false-negative-Raten?

 https://www.sciencedaily.com/releases/2020/06/200610094112.htm

Direkt nach der Infektion 100%
4 Tage nach der Infektion 67%
Bei Einsetzen der Symptome 38%.
Bei voll entwickelter Infektion 3 Tage nach Einsetzen der Symptome 20%

Danach wird die Erkennung mit abnehmender Virenlast wohl wieder schlechter.
Ab wann exakt ein Patient nicht mehr infektiös ist, kann so über diese Tests auch schlecht bestimmt werden.

D.h. selbst in einem für den Test "idealen" Anwendungsfall, spät im Verlauf der bereits ausgebrochenen Krankheit werden nur 80% der bestehenden Infektionen durch diese Tests erkannt.
Bei einem Test am Tag der Einreise liegen die erkannten Infektionsraten abhängig vom Zeitpunkt der Infektion dann zwischen 0% (Infektion im Flugzeug auf dem Rückflug) und ~50% (Schon 5-7 Tage infiziert, zB direkt nach Ankunft, aber noch keine Symptome)

Dieser Beitrag wurde am 29.08.2020 11:06 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 29.08.2020 - 09:09 Uhr

Tatsächlich bergen die Forderungen der Airlines nach ungebremsten Reisen auch in Risikogebiete und die Beschränkung auf Tests mit bekannt hohen false-negative Raten die Gefahr eines tatsächlichen zweiten Wirtschaftlichen Lockdowns für die gesamte Wirtschaft, wie wir es im April erlebt haben.

wie hoch sind denn die "bekannt hohen" false-negative-Raten?
Beitrag vom 29.08.2020 - 08:56 Uhr
Um das mal klarzustellen:

Die Verteter der Luftfahrt-Lobby bezeichnen hier eine Quarantäne von 5 Tagen für Reiserückkehrer (noch dazu ohne Verdienstausfall) als "zweiten Lockdown" für sich.

Das ist ein Schulbuchbeispiel für  Framing

_Sehr_ verkürzt zusammengefasst: Eine Maßnahme wird mit einem negativ vorbesetzten Begriff belegt, um dagegen Stimmung zu machen, auch wenn die Maßnahme mit dem Begriff gar nichts zu tun hat.

Tatsächlich bergen die Forderungen der Airlines nach ungebremsten Reisen auch in Risikogebiete und die Beschränkung auf Tests mit bekannt hohen false-negative Raten die Gefahr eines tatsächlichen zweiten wirtschaftlichen Lockdowns für die gesamte Wirtschaft, wie wir es im April erlebt haben.

Sollten die Infektionen über Reiserückkehrer weiter so ansteigen wie in den vergangenen Wochen, dann sitzen wir wieder bald alle im 2. Lockdown Zuhause und der wirtschaftliche Schaden für die Gesamtwirtschaft wäre nochmal so immens wie im 2. Quartal.

Die Forderungen von BDL und ADV sind rein egoistisch motiviert und komplett verantwortungslos gegenüber den Menschen die das in Gefahr bringt.
Und gegenüber der gesamten restlichen Wirtschaft Deutschlands, die alles andere als einen tatsächlichen zweiten Lockdown gebrauchen kann.

Dieser Beitrag wurde am 29.08.2020 11:11 Uhr bearbeitet.


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