Russland verkauft Anteil
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Der Suchoi Superjet wird jetzt arabisch – oder?

Azimuth Airlines SSJ100
Azimuth Airlines SSJ100, © Azimuth Airlines

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ABU DHABI - Der sanktionsgeplagte Suchoi Superjet soll in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu neuen Höhenflügen ansetzen. Ein Investor will den Airliner in Al Ain in Serie bauen - und kauft den Russen ihre Anteile ab. Damit ist der Superjet kein russisches Flugzeug mehr. Theoretisch.

Die Angestellten von Superjet International haben eine harte Zeit hinter sich. So richtig rund lief es für das Unternehmen mit Sitz im italienischen Tessera bei Venedig eigentlich nie - war es doch 2007 gegründet worden, um dem russischen Suchoi Superjet auf dem europäischen Markt, sowie in anderen Teilen der Welt zum Durchbruch zu verhelfen.

Das funktionierte bekanntlich nur in sehr beschränktem Rahmen. Doch mit der russischen Invasion in der Ukraine und den daraufhin gegen Russland verhängten Sanktionen gingen bei Superjet International mehr oder weniger die Lichter aus. Mehr als die Hälfte der Belegschaft musste man vor die Tür setzen, nach Firmenangaben sind von einstmals 250 Mitarbeitern heute noch 110 übrig.

Zu allem Überfluss fror die italienische Finanzpolizei im Mai 2022 auch noch große Teile des Vermögens ein und legte fünf Superjets an die Kette, die am Flughafen Venedig parkten.

UAC macht den Weg frei

Nun soll endlich alles wieder besser werden - dank des Investors Mark AB Capital, aber auch dank der russischen Flugzeugbau-Holding UAC. Die nämlich will ihre Anteile an Superjet International, immerhin 49 Prozent, an ebenjenen Investor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten verkaufen.

Russland wäre de jure damit raus aus dem gemeinsamen Projekt, an dem außerdem die Firma Studio Guidotti International aus Piacenza mit 41 Prozent sowie der Luft- und Raumfahrtkonzern Leonardo mit zehn Prozent beteiligt sind.

"Mit der Vollendung dieser Vereinbarung wird UAC das Superjet-Programm effektiv verlassen", schreibt Superjet International in einer Pressemitteilung vom 28. Februar. Das russische Luftfahrtportal aviation21.ru ergänzt: "Der Superjet wird nicht länger als russisches Flugzeug betrachtet."

Er wäre damit von der Last der Sanktionen befreit, wie Camillo Perfido, Chef von Superjet International, ausdrücklich hofft: "Diese Vereinbarung hat einen großen Wert für unser Unternehmen, da die Unterbrechung der industriellen und kommerziellen Beziehungen mit UAC es uns ermöglicht, nicht länger durch die Einschränkungen belastet zu werden, die sich aus den durch die Europäische Union festgelegten Sanktionsvorschriften ergeben."

Allerdings, das erwähnt Perfidos Unternehmen auch, müssen die italienischen und die russischen Behörden dem Deal erst noch zustimmen. Bis das geschieht, stehen alle Vereinbarungen unter Vorbehalt.

Markt für 240 Superjets

Sollte die Sache tatsächlich durchgehen, haben Superjet International und Mark AB in den Emiraten Großes vor. Denn das Engagement der Araber zielt darauf ab, den Superjet in einer eigens errichteten Fabrik selbst in Serie zu produzieren. 180 Millionen US-Dollar fließen laut Mark AB-Chef Abdullah Al Qubaisi in den Bau des Flugzeugwerks, das bis 2025 fertig sein soll.

Ab dann will Mark AB zunächst pro Jahr in den VAE zehn bis 15 Superjets bauen. "Eine Erhöhung der Produktionskapazität wird auf der Grundlage der eingegangenen Anfragen erfolgen", so Al Qubaisi gegenüber der Nachrichtenseite Gulf News.

Superjet International geht nach eigenen Angaben von einem Markt für mindestens 240 neue Flugzeuge aus, die nicht nur als Airliner, sondern auch als VIP-Jet und Frachter abheben sollen. Der Plan sieht vor, dass alle neuen Superjets in den Emiraten entstehen und dann als "grüne" Flugzeuge nach Venedig fliegen, wo sie ihre jeweilige Einrichtung erhalten.

Hauptsitz des gemeinsamen Projekts bliebe Venedig, die Fabrik soll am Flughafen der Stadt al-Ain entstehen und einmal rund 400 Mitarbeiter beschäftigen. Venedig wäre dann auch fürs Marketing zuständig, außerdem für die (Wieder)-Zulassung des Musters nach den Standards der europäischen Luftfahrtbehörde EASA und der italienischen ENAC.

Arabische Zulieferer?

Superjet International ergänzte, die geplanten 240 Flugzeuge seien vorrangig für die VAE bestimmt, aber auch beispielsweise für Märkte wie Indien - sofern die Inder nicht auf Russlands Angebot eingehen, den Superjet ebenfalls selbst im eigenen Land zu bauen. Auch Zulieferer aus den Emiraten sollen laut Superjet International zum Zug kommen.

Die dortige Luftfahrtindustrie konnte in dieser Rolle bereits Erfahrung sammeln. So fertigt etwa das Unternehmen Strata, ebenfalls in al-Ain, seit Jahren Teile für diverse westliche Airliner – darunter Airbus A330 und A350 sowie Boeing 777, 777X und 787.

Zwei Flugzeugmuster

Mit dem in Russland vorangetriebenen Projekt "Superjet-NEW", das für den russischen Markt entwickelt wird und einen Austausch westlicher Komponenten gegen russische Pendants zum Ziel hat, haben die Entwicklungen rund um Superjet International übrigens nichts zu tun

Hier plant UAC weiter, den ersten Superjet-NEW im laufenden Jahr in die Luft zu bekommen - und diese Variante künftig für russische Airlines in großer Stückzahl zu fertigen. Der originale und der "russifizierte" Superjet wären dann zwei unterschiedliche Flugzeugmuster, die zumindest rechtlich nichts mehr miteinander zu tun hätten - bis auf den Namen.

Ob dieser Plan tatsächlich aufgeht und wie er sich schließlich im Detail gestalten wird, bleibt abzuwarten.
© FLUG REVUE - Patrick Zwerger | Abb.: UAC | 01.03.2023 14:07

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Beitrag vom 01.03.2023 - 19:52 Uhr

Die Meldung wäre mal was für den 1. April gewesen.

Al Ain ist 1001 Nacht pur, bombastischer Sternenhimmel, Kamelrennbahn und der grösßte Kamelmarkt der Welt(!?), absolut sehenswert und interessante arabische Reinkultur - keine Ähnlichkeit mit Dubai.
Strata baut dort vornehmlich Fairings in Sandwichbauweise und es fliegt dort militärisches Gerät Probe.

Wie mann in dieser Wüstenoase allen Ernstes bis 2025 eine FAL errichten will, inklusive Infratstruktur, Logistik, Vorrichtungen, Mitarbietern und den notwendigen Zulassungen, bleibt nicht abzuwarten, sondern ist schlichtweg utopisch.
Man braucht dafür schon etwas mehr, als nur Geld und mindestens 5-7 Jahre.

Gruß, 25.1309
Beitrag vom 01.03.2023 - 19:47 Uhr
Wie hoch ist der Anteil russischer Zulieferteile am Superjet abseits von Triebwerken und Avionik?

Ein Superjet aus den VAE wäre wohl in etwa so arabisch wie das russische Öl, das erst nach Indien und von da aus weiter auf dem Weltmarkt verkauft wird, während der Tanker direkt von Russland aus das letztendliche Ziel anläuft.

Immerhin sieht es so aus, als hätte im Bereich High-Tech die Alles-muss-raus-Phase der russischen "Spezialoperation" begonnen.
Beitrag vom 01.03.2023 - 15:21 Uhr
Geschickter Schachzug, aber dumm nur wenn rauskäme, daß die russische Gelder verwalten.


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