Tony Tyler
Älter als 7 Tage

"Regierungen haben festgestellt, dass sie Airlines brauchen"

Tony Tyler
Tony Tyler, © IATA, aero.de (boa) (Montage)

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HAMBURG - Die zukünftige Nachfrage nach Flugreisen ist die große Unbekannte, vor der Airline-Manager weltweit derzeit stehen. Der ehemalige IATA-Generalsekretär und frühere Cathay Pacific-Chef Tony Tyler sieht sie in Sachen Wiederaufbau der Luftfahrt in ungleicher Ausgangslage.

"Airline-Chefs (Red.) wissen nicht: ist das der Anfang vom Ende, oder das Ende der Anfangsperiode", sagt Tony Tyler, früherer Generalsekretär der IATA, zuvor Chef von Cathay Pacific aus Hongkong und heute unter anderem im Aufsichtsrat von Qantas. 

Um Flugpassagieren wieder ein sicheres Reisegefühl zu vermitteln bedürfe es einer Serie von Handlungen. "Lasst uns sinnvolle Maßnahmen zusammenstellen, mit denen jeder leben kann, die zwar jeweils allein nicht perfekt sind, aber insgesamt einen sicheren Flugbetrieb ermöglichen", forderte Tyler jetzt in einem von Aviation Week veranstalteten Webinar. 

Während Tyler sich für die etwa in Hongkong schon seit der SARS-Epidemie üblichen generellen Temperaturmessungen aussprach, ging er im Detail nur darauf ein, welche Maßnahmen für ihn nicht die richtigen sind. 

"Ich kann nicht sagen, warum es hilfreich gegen das Virus sein soll, das Handgepäck zu begrenzen. Und ein Flugzeug mit leeren Sitzen fliegen zu lassen, ist auch falsch, das ist keine Lösung und kann wirtschaftlich nicht funktionieren", erklärt Tyler. 

"Es ist außerdem nicht durchführbar, alle Flugreisenden auf das Virus zu testen, zumindest nicht mit den existierenden Testmethoden und der Zeit die es braucht, ein verlässliches Ergebnis zu bekommen."

Wenn überhaupt getestet werden müsse, dann mache es am ehesten vor dem Abflug Sinn um die Gefährdung anderer zu begrenzen. Hongkong testet derzeit alle Ankommenden auf Corona und kaserniert sie dafür bis zu zehn Stunden in einer Messehalle, anschließend müssen sie bei negativem Befund zwei Wochen in streng überwachte Quarantäne.

Cathay Pacific hatte jüngst von der Regierung in Hongkong die Zusage für eine Rekapitalisierung in Höhe von bis zu 5 Mrd. US-Dollar erhalten. "Das war nötig und ein sehr guter Deal für Hongkong, auch wenn damit eine Restrukturierung des Geschäfts und der Größe von Cathay einhergehen muss", so Tyler.

Obwohl Hongkong seiner Airline nicht so schnell so viel Geld gebe, wie die dortige Regierung in Singapore Airlines investiert, so sei die Summe wohl ausreichend, so Tyler. Singapur hatte seiner Fluggesellschaft bereits zum Beginn der Pandemie Zusagen über bis zu 10,1 Mrd. US-Dollar gemacht. 

"Das war eine ziemlich smarte Aktion, sie werden damit sehr stark aus der Krise kommen und sich vermutlich als die dominante Airline in Asien etablieren", vermutet Tyler. "Überall auf der Welt haben Regierungen jetzt festgestellt, dass sie Airlines brauchen, weil sie sonst ihre Wirtschaft nicht wieder aufbauen können." 

Allerdings würde die künftige Präsenz von Regierungsvertretern in den Aufsichtsräten die Bedingungen verändern. Etwa wenn sie starke Umweltauflagen verhängen. "So sehen für mich die Bedingungen sehr streng aus, die Austrian Airlines künftig in diesem Bereich zu erfüllen hat", sagt Tyler. 

Generell erwartet er, dass die Luftfahrtbranche in der Region Asien-Pazifik am schnellsten zu alter Stärke zurückfindet. "Die Menschen hier reagieren schnell und machen weiter", so Tyler, der Hongkong lebt.

Ungleiche Ausgangslage

Allerdings seien die Bedingungen sehr unterschiedlich für die Airlines weltweit. Während er Südamerika als Schlusslicht in der Erholung sieht geht er davon aus, dass die großen Netzwerk-Gesellschaften am Persischen Golf schnell wieder Fuß fassen. 

"Die unmittelbare Zukunft großer Drehkreuze wie Dubai und Doha ist relativ gut, weil Emirates und Qatar Airways als erste viele Strecken wieder eröffnen werden, das ist ihr Geschäftsmodell", so der frühere IATA-Chef. 

In Europa bescheinigt er auch Ryanair und Easyjet eine "relativ gute Position", während sich Billigflieger in Asien anhaltenden Problemen gegenüber sehen, weil viele Grenzen weiter geschlossen sind. 

Bei den Flotten geht er davon aus, dass die A320- und Boeing 737-Familien als erste wieder fliegen werden und die Betreiber dieser Flotten auch nicht kurzfristig auf kleinere Flugzeuge wie die A220 oder die Embraer E2 umsatteln wegen der schwächeren Nachfrage: das sei schlicht nicht praktikabel. 

Auf der Langstrecke, deren Wiedererstarken ihm zufolge noch länger dauern wird, würden zuerst A350 und Boeing 787 wieder an den Start gehen. "Die Aussichten für vierstrahlige Langstreckenjets wie die A380 oder Boeing 747-8 dagegen sind kurzfristig nicht gut", so Tony Tyler.
© Andreas Spaeth | Abb.: IATA, aero.de (boa) (Montage) | 22.06.2020 07:58

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Beitrag vom 23.06.2020 - 10:30 Uhr
Wie kommen denn die Wirtschafts-Deals zustande? Wie erreichen die Geschäftsleute, Techniker und Ingenieure ihre Firmen in Fernost, Afrika, Nord- oder Südamerika?

Zoom, Teams, Skype, ...
Es ist erstaunlich, was die letzten Monate hier an Gewöhnung gebracht haben...
 https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/dienstreisen-nach-corona-firmen-rechnen-mit-dauerhaftem-rueckgang-a-76b7682a-9fed-480d-a8a1-4d3440963278#ref=rss

Massentourismus klingt sehr nach Low Yield. Welche Airlines sprechen Sie damit an? Und würde das Ganze nicht dem LCC Modell widersprechen? Gerade diesem Marktsegment wird, vor allem in Europa, auch seitens der IATA eine schnelle "Recovery" prognostiziert.

Halte ich für Wunschdenken...

Schon faszinierend diese Angst, sich bei seinem "Nachbarn", ob im Supermarkt, im Restaurant, in Bus oder Bahn, zu infizieren, aber bei mehr als 3000 Verkehrstoten pro Jahr wieder mit dem Auto über die Landstraße zu rasen..

Gerade einige Lowcoster machen mir besonders Sorgen, da zB ein MOL Corona-Sicherheitsmaßnahmen öffentlich als "Bullshit" bezeichnet hat.
Das lässt für die interne Umsetzung dieser Maßnahmen Schlimmes ahnen...
Ich sehe daher eher die Gefahr, dass einige Airlines hier lauter kleine "Tönnies Filialen" in der Gegend rumschicken, und wir nach einer Wideraufnahme von mehr Flügen bald einen richtigen Shutdown brauchen um die Sache dann wieder in den Griff zu bekommen.

So könnte die Luftfahrt die Gasamtwirtschaft in eine Rezession zwingen, die sich gewaschen hat ...

Dieser Beitrag wurde am 23.06.2020 10:37 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 22.06.2020 - 23:19 Uhr
Wie kommen denn die Wirtschafts-Deals zustande? Wie erreichen die Geschäftsleute, Techniker und Ingenieure ihre Firmen in Fernost, Afrika, Nord- oder Südamerika? Nach China geht's wieder hoch zu Ross auf Marco Polo's Spuren über die Seidenstraße?
Wie wurde das denn in den letzten Monaten bewerkstelligt? Oder mussten Sie zwischenzeitlich auf eine Banane, einen MP3 Player oder ein günstig gefertigtes Kleidungsstück verzichten?
Schon faszinierend diese Angst, sich bei seinem "Nachbarn", ob im Supermarkt, im Restaurant, in Bus oder Bahn, zu infizieren, aber bei mehr als 3000 Verkehrstoten pro Jahr wieder mit dem Auto über die Landstraße zu rasen..
Das ist nicht meine eigene Entscheidung. Wenn man es morgen jedem selber überlassen würde ob er bei Aldi und Co eine Maske trägt, dann würde ich meine zuhause lassen. In Bus und Bahn das selbe. Wenn ich innerdeutsche Flüge wie gewohnt wahrnehmen könnte und man den Ängstlichen den PKW überlassen würde, Sie wissen schon. Blöderweise wäre das hochbrisant und andere treffen die Entscheidungen. Vielleicht besser so, aber ich muss aus meiner Perspektive reagieren. Das mache ich. Wieso muss man eigentlich rasen?
Beitrag vom 22.06.2020 - 22:32 Uhr
Wie kommen denn die Wirtschafts-Deals zustande? Wie erreichen die Geschäftsleute, Techniker und Ingenieure ihre Firmen in Fernost, Afrika, Nord- oder Südamerika? Nach China geht's wieder hoch zu Ross auf Marco Polo's Spuren über die Seidenstraße? Massentourismus klingt sehr nach Low Yield. Welche Airlines sprechen Sie damit an? Und würde das Ganze nicht dem LCC Modell widersprechen? Gerade diesem Marktsegment wird, vor allem in Europa, auch seitens der IATA eine schnelle "Recovery" prognostiziert.
Schon faszinierend diese Angst, sich bei seinem "Nachbarn", ob im Supermarkt, im Restaurant, in Bus oder Bahn, zu infizieren, aber bei mehr als 3000 Verkehrstoten pro Jahr wieder mit dem Auto über die Landstraße zu rasen..


Dieser Beitrag wurde am 22.06.2020 22:32 Uhr bearbeitet.


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