Boeing P-8A
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Poseidon für Deutschland: Aus für MAWS?

Boeing P-8A
Boeing P-8A, © Boeing

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HAMBURG - Bei der Wahl eines Nachfolgers für die P-3C Orion der Marineflieger scheint alles auf die Boeing P-8 Poseidon hinauszulaufen. Das erscheint logisch. Doch was bedeutet solch ein Deal für das deutsch-französische Projekt eines Seefernaufklärers auf Basis der Airbus A320neo?

Die Zeit drängt: Spätestens 2025 braucht die Deutsche Marine Ersatz für ihre flügellahmen Orions. Acht Exemplare des Seefernaufklärers besitzen die Marineflieger – allerdings nur auf dem Papier, denn bereits jetzt ist nur ein Bruchteil davon einsatzfähig.

Ab 2023, so lauten die Prognosen, werden der Marine nur noch zwei flugbereite P-3C zur Verfügung stehen. Dabei sollten die Orions ursprünglich noch bis 2035 weiterfliegen – und damit den nahtlosen Übergang zu einem Nachfolger made in Europe ebnen: dem deutsch-französischen MAWS (Maritime Airborne Warfare System), das auf dem Airbus A320neo basieren soll.

Technische Schwierigkeiten und die "nicht mehr kalkulierbaren Gesamtkosten" für das Projekt waren der Grund, warum die Bundesregierung davon absehen will, die betagten Orions für eine längere Betriebsdauer zu rüsten. Gleichzeitig bleibt es allerdings dabei, dass das MAWS frühestens 2032 einsatzreif sein könnte.

Im besten Fall bleiben also sieben Jahre, die es zu überbrücken gilt, wenn die letzten P-3C 2025 in Pension geschickt werden. Die Regierung prüfte deshalb in jüngster Vergangenheit mehrere Alternativen, die als Zwischenlösung in Frage kämen – namentlich die kleineren Turboprops ATR 72 und Airbus C295 sowie die P-8A Poseidon von Boeing.

Zuguterletzt trat auch Frankreich auf den Plan: Die Franzosen boten Deutschland vier auf den neuesten Stand modernisierte Atlantique 2 an – wahlweise als Kauf oder via Leasing.

Zustand "nicht näher spezifiziert"

Daraus wird jedoch nichts: Auf Nachfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Christian Sauter erteilte der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Silberhorn dem französischen Angebot eine klare Absage: "Die Anzahl und der erwartete Klarstand der angebotenen Luftfahrzeuge werden die Anforderungen potenzieller zukünftiger Einsatzverpflichtungen sowie die Bedarfe zur Regeneration von Besatzungen und zur Durchführung von Übungs- und Aufklärungsflügen absehbar nicht abdecken können."

Frankreich habe den "Zustand der Deutschland angebotenen Zellen" nicht näher spezifiziert, so Silberhorn. Die betreffenden Flugzeuge seien jedoch bereits "ab dem Jahr 1984 produziert und ab dem Jahr 1989 an die Französische Marine ausgeliefert" worden.

P-8A als logische Lösung

Die beiden anderen Turboprop-Lösungen waren schon vorher durchs Raster gefallen, weil sie laut Analyse die geforderten Leistungen nicht erbringen können. Somit bleibt als letzter Trumpf die P-8A, für deren Beschaffung es aus den USA bereits im März grünes Licht gegeben hatte.

Die Marine hatte die P-8A von Anfang an favorisiert, gilt sie doch auch anderen NATO-Partnern und Verbündeten als einzig logischer Nachfolger für die P-3 Orion. Die Bundesregierung sieht das genauso.

Im April antwortete sie auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion, aus der die Website Behörden-Spiegel zitiert: "Die erforderlichen Fähigkeiten des Waffensystems P-8A Poseidon von Boeing entsprechen grundsätzlich denen der P-3C Orion."

Mit einem avisierten Kaufpreis von 1,48 Milliarden Euro für fünf werksneue Poseidons inklusive Missionsausrüstung und Service-Dienstleistungen ist der Zweistrahler, der auf der Boeing 737 basiert, alles andere als ein Schnäppchen. Mit Ausnahme der Kawasaki P-1 aus Japan gibt es auf dem Markt für Seefernaufklärer und U-Boot-Jäger allerdings derzeit nichts Besseres.

Mit der P-8A würde sich Deutschland somit für eine echte Premium-Lösung entscheiden – was zugleich die Frage aufwirft, ob ein Festhalten am MAWS überhaupt sinnvoll wäre. Immerhin heißt es aus den USA zu einem möglichen Poseidon-Deal: "Der vorgeschlagene Verkauf wird es Deutschland ermöglichen, seine Seeüberwachungsflugzeuge zu modernisieren und für die nächsten 30 Jahre zu erhalten."

Was wird aus MAWS?

Zwar bezeichnen Staatssekretär Silberhorn und die Bundesregierung auch die P-8A offiziell weiter als "Interimslösung" und lassen die Tür für das MAWS damit demonstrativ offen. Trotzdem scheint auf der anderen Seite des Rheins der Glaube daran zu schwinden, dass aus dem gemeinsamen Projekt tatsächlich etwas wird.

Für den Jorunalisten Fabrice Wolf vom Portal "meta-defense.fr" sind die Bekenntnisse aus Berlin zum MAWS "nichts wert" – auch wenn er es für wenig überraschend hält, dass Deutschland sich für die P-8 entscheidet.

Sein Kollege Laurent Lagneau von "opex360.com" pflichtet ihm bei: "Offensichtlich hat die P-8A Poseidon einen klaren Weg zum Erfolg in Deutschland. Das sind keine guten Nachrichten für die Zukunft des MAWS-Programms." Die Tageszeitung Ouest France urteilt dagegen, das MAWS-Programm sei "zwar nicht untergegangen, hat aber gerade einen herben Rückschlag erlitten".

Gut für Deutschland

Tatsächlich würde ein Poseidon-Deal Deutschland auf absehbare Zeit in eine sehr komfortable Position bringen: Mit dem Zugriff auf ein hochmodernes Waffensystem wäre man auch dann nicht unter Druck, wenn sich MAWS, was wenig überraschend wäre, um mehrere Jahre verzögert.

Auf dem Gebrauchtmarkt dürften die deutschen Poseidons anschließend auf große Resonanz stoßen und könnten an weniger solvente Verbündete abgegeben werden. Scheitert das MAWS-Projekt komplett, könnte die Marine die P-8A noch viele Jahre weiterfliegen. Auch ein Parallelbetrieb beider Muster wäre denkbar.

Aus deutscher Sicht scheint die Entscheidung für den Boeing-Jet also tatsächlich die beste – und angesichts der möglichen Alternativen auch die einzig vernünftige, wenn man nicht sehenden Auges in eine neue Bredouille schlittern will.

Ob sie tatsächlich zustande kommt, werden wir wohl bald erfahren: Noch vor der Bundestagswahl soll das Thema vom Tisch sein, wie Staatssekretär Silberhorn unterstrich.
© FLUG REVUE - Patrick Zwerger | Abb.: US Navy | 20.05.2021 15:06

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Beitrag vom 21.05.2021 - 02:56 Uhr
Macht das irgendwie Sinn?

Nun, wenigstens fragen Sie nach. Oder war diese Frage rhetorisch gemeint?

Alleine, warum bruacht Deutschland Marinefernaufklärer, und dann davon 8 Stück?

Es würde genügen, sich die Aufgaben eines Seefernaufklärers vor Augen zu rufen. Er spürt U-Boote auf und bekämpft sie; identifiziert Schmuggler und Piraten; entdeckt Umweltverschmutzungen durch illegale Ölverklappung; hilft, Schiffe in Seenot zu finden.

Wer meint, dass die deutsche Marine solche Fähigkeiten nicht bräuchte, sollte sich darüber informieren, wie bspw. die Marinen Russlands und Chinas unsere Unterseekabel zu Spionagezwecken anzapfen. Oder er sollte sich mit dem Kürzel 2M39 vertraut machen.

Was sollen wir Ihrer Meinung nach tun, wenn ein Land, dessen Politiker im Staatsfernsehen prahlen, "den Westen" in einen "Haufen Asche" verwandeln zu wollen, eine Unterwasserkampfdrohne in Dienst stellt, deren Sprengkopf die größte Explosion von Menschenhand und einen atomar verseuchten Tsunami verursachen könnte?

Selbstverständlich benötigen wir Systeme, die derartige Bedrohungen aufspüren können. Allein schon, um nicht erpressbar zu werden. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit "Russophobie", oder irgendeinem Unsinn dieser Art, der in Deutschland so verbreitet ist.

Die Marine selbst hat doch im Grunde nurnoch ein paar Fregatten, ein paar Korvetten und 6 Uboote?

Der Zusammenhang ist …? Allein schon aufgrund verbesserter Sensorik und Waffenreichweiten kann ein modernes Schiff die Aufgabe von mehreren früherer Klassen übernehmen. Die Flottengröße gibt Ihnen keine Auskunft darüber, wie viele Seefernaufklärer Deutschland braucht oder nicht braucht.

Alleine das man 3 Fregattenklassen betreibt, F123 - 125,macht schon keinen Sinn.

Es ergibt durchaus Sinn. Die F123 dient hauptsächlich der U-Boot-Bekämpfung. Dies ist unsere Hauptaufgabe innerhalb der NATO: die Sicherung der Ostsee. Die F124 hingegen hat den Schwerpunkt Luftverteidigung.

Es zielen nachweislich allein von der rusisschen Exklave Kaliningrad zwanzig nuklear bestückte Raketen auf Deutschlands Städte. Ebenfalls dort stationiert sind weitreichende Anti-Schiff-Flugkörper, die Finnland und das Baltikum von der Ostsee abschneiden könnten.

Die F125 dient hauptsächlich dazu, die anderen beiden Klassen in Einsätzen niederer Intensität, z.B. der Piratenjagd, zu entlasten. Als "Exportweltmeister" haben wir selbstverständlich ein Interesse an sicheren Seewegen.

Auch ist es tatsächlich billiger, eine eigene Klasse für solche Aufgaben in Dienst zu stellen, als die anderen Schiffe zu verschleißen. Denn das wäre in etwa so, als hätte man die Concorde als Zubringerflugzeug genutzt.

Warum also dann für einen Seeaufklärer 10 Mrd. in die Hand nehmen?

Niemand nimmt so viel Geld in die Hand.

Und warum braucht man davon 8?

Modernes Militärgerät ist hochkomplex und wartungsintensiv. Statistisch gesehen befindet sich für jedes Luft- oder Wasserfahrzeug, das im Einsatz ist, ein zweites in der Wartung und ein drittes in der Ausbildung der Besatzungen.

Dieser Beitrag wurde am 21.05.2021 02:58 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 21.05.2021 - 02:03 Uhr
Man kann grundsätzlich alle Entscheidungen, die das Militär betreffen, in Frage stellen.

Brauchen wir wirklich 53 Airbus A400 Transportflieger? Was machen die den ganzen Tag lang, und vor allem was transportieren sie irgendwo hin, zumal alle größeren neuen Fahrzeuge wie Puma oder Boxer nur bedingt Platz finden, aufgrund des hohen Gewichtes.

Der Boeingflieger scheint sehr gut für die Aufgabe der Fernaufklärung, und vor allem der U-Boot- Überwachung(ggf. Bekämpfung) geeignet zu sein.

Da Deutschland mit Nord- und Ostsee zwei Gewässer zu überwachen hat, würde mir persönlich die Anschaffung der Poseidon mehr einleuchten, als zum Beispiel die weitere Entwicklung eines neuen Kampffliegers mit den Franzosen, fast ausschließlich nach deren Vorgaben.
Schonmal was von Aufgaben innerhalb der NATO gehört? Oder Katastrophenschutz? Oder Katastrophenhilfe ? Oder, oder, oder...
die Aufgaben des lufttransportkommandos sind etwas vielfältiger als sie sich das vorstellen können und gehen über den reinen Materialtransport deutlich hinaus. Deswegen schafft man zusätzliche Kapazitäten durch weitere Hercules.
Wenn die Chinesen erstmal mit ihren Ubooten I. Nord und Ostsee vordringen, sollten Sie froh sein, dass die Marine seefernaufklärer betreibt. Desweiteren kommen die P-3C sowie auch die P-8A auch bei SAR Einsätzen zum tragen.
Beitrag vom 20.05.2021 - 17:12 Uhr
Da Deutschland mit Nord- und Ostsee zwei Gewässer zu überwachen hat, würde mir persönlich die Anschaffung der Poseidon mehr einleuchten, als zum Beispiel die weitere Entwicklung eines neuen Kampffliegers mit den Franzosen, fast ausschließlich nach deren Vorgaben.

Einen Nachfolger für den Eurofighter alleine zu bauen wird zu teuer, deswegen bleibt nur eine Kooperation wenn man die Produktsionsfähigkeiten erhalten will. Mag sein, das die Franzosen einige zusätzliche Anforderungen haben, die den Preis hochtreiben. Insgesamt wird es aber immer noch guenstiger sein.


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