AOG Technics
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Skandal um Drei-Mann-Firma hält die Branche in Atem

CFM56
CFM56, © Safran

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PARIS -  Für die Großserientriebwerke CFM56 und CF6 sind mutmaßlich gefälschte Ersatzteile im Umlauf. Die Drei-Mann-Firma AOG Technics hat Kunden offenbar mit nachgeahmten Originalteil-Bescheinungen getäuscht. Der Triebwerksbauer Safran fordert Konsequenzen für den weltweiten Teilehandel.

An Flugzeugen von Boeing und Airbus wurden offenbar Triebwerksteile mit gefälschten Zertifikaten verbaut. Die US-Luftfahrtbehörde FAA warnte Fluggesellschaften und andere Unternehmen der Branche gerade erneut vor Ersatzteilen des britischen Unternehmens AOG Technics.

Die Behörde bezieht sich in ihrer jüngsten Mitteilung vom Donnerstag auf den Triebwerkstyp CF6 von General Electric (GE), der bei mehreren Großraumjet-Modellen wie älteren Boeing 747, 767 und Airbus A330 zum Einsatz kommt.

Ähnliche Fälle wurden bereits bei dem Triebwerk CFM56 entdeckt, das ältere Mittelstreckenjets von Boeing und Airbus antreibt.

AOG habe Buchsen für das CF6-Triebwerk mit gefälschten Lufttüchtigkeitszertifikaten und ohne Genehmigung des Triebwerksherstellers verkauft, schreibt die FAA. Dabei handelt es sich um Lager, die es Triebwerksteilen erlauben, sich ohne Schmiermittel zu drehen.

Die Warnung umfasst jedoch nur einen kleinen Teil der möglichen Fälle. Denn laut CFM - dem Gemeinschaftsunternehmen von GE und Safran - beziehen sich nur zwei der mutmaßlich gefälschten Dokumente auf den CF6-Antrieb.

Inzwischen sind mehr als 76 gefälschte Dokumente für das Triebwerk CFM56 aufgetaucht - allein daran könnte eine vierstellige Zahl von Ersatzteile hängen.

Die europäische Luftfahrtaufsicht EASA ist deshalb bereits seit Wochen alarmiert. Beim CFM56 handelt es sich um den meistverkauften Triebwerkstyp der Welt. Er kommt bei älteren Mittelstreckenjets der Modellfamilien Airbus A320 und Boeing 737 zum Einsatz.

Einem CFM-Sprecher zufolge beziehen sich die meisten der gefälschten Dokumente auf Standardteile wie Buchsen und Verbindungselemente.

Laut Safran-Chef Olivier Andriès wurden verdächtige Teile in bisher 96 Flugzeugtriebwerken gefunden. Das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. "Jeden Monat werden Hunderte CFM56-Triebwerke in 30 bis 40 Werkstätten auf der ganzen Welt gewartet", sagte Andriès. Es sei daher nicht auszuschließen, dass weitere "verdächtige Teile" fliegen.

Sein Unternehmen habe bisher keine Beziehung zu AOG Technics gehabt und sei erst durch eine Fluggesellschaft auf das Problem aufmerksam gemacht worden, die bei einem Ersatzteil Fälschungsverdacht hegte, sagte der Manager in Paris. "Wir wurden gebeten, zu prüfen, ob es sich um ein Originalteil handelt."

Der Skandal zieht seither rund um den Globus Kreise. "Wenn man darüber nachdenkt, ist es ein bisschen seltsam, dass ein Phantomunternehmen Ersatzteile mit falschen Zertifizierungsdokumenten liefern kann", sagte Andriès. "Der Ersatzteilmarkt ist vollkommen offen." Aus diesem Fall müssten Lehren gezogen werden.

Fluggesellschaften, Wartungsunternehmen und Aufsichtsbehörden in aller Welt haben ihre Unterlagen inzwischen nach Hinweisen durchsucht, um die Bauteile von AOG aufzuspüren.

Bislang haben die US-Fluggesellschaften United Airlines, Southwest Airlines und American Airlines, aber auch die portugiesische TAP und Virgin Australia verdächtige Teile an ihren Flugzeugtriebwerken entdeckt. Lufthansa hat nach eigenen Angaben keine Teile von AOG bezogen.

GE, Safran und das Gemeinschaftsunternehmen CFM haben rechtliche Schritte gegen AOG eingeleitet und vor dem High Court in London vergangene Woche einen ersten Erfolg erzielt: AOG muss offenlegen, in welchem Umfang mit CFM56- und CF6-Teilen Handel getrieben wurde und zu den Teilen entsprechende Bescheinigungen vorlegen.

Lukratives Teilegeschäft

Laut Handelsregistereinträgen beschäftigte AOG Technics in den Jahren 2021 und 2022 lediglich drei Mitarbeiter. Die Fäden laufen beim 35 Jahre alten Alleingeschäftsführer Jose Z. zusammen, der seit März 2022 "75 Prozent oder mehr Anteile" an AOG Technics auf sich vereint.

AOG Technics wurde 2015 gegründet. Zum letzten Bilanzstichtag am 28. Februar 2022 wies das Unternehmen einen Gewinnvortrag von rund 2,6 Millionen britischen Pfund aus.
© dpa-AFX, aero.de | Abb.: Airbus | 27.09.2023 13:04

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Beitrag vom 27.09.2023 - 23:42 Uhr
Mein Verständnis der Informationen ist, dass die Firme keine Zertifikate für die "Echtheit" der Teile nachweisen kann und diese damit nicht verbaut werden dürften. Was die Qualität angeht, so ist das jetzt das große Fragezeichen. Niemand weiß es wirklich und herausfinden durch Abwarten ist keine Option.
Beitrag vom 27.09.2023 - 21:33 Uhr
Da ja immer nur von Fälschungen von Zertifikaten die Rede ist: Heißt das die Teile selbst sind korrekt, für den EInbau in Triebwerke vorgesehen, aber der Verkäufer hätte sie mangels Zertifikat nicht verkaufen dürfen?
Oder Sind die verbauten Lager für andere Machinen/ andere Spezifikationen entwickelt worden und werden nun in Triebwerken zweckentfremdet?

D.h. geht es hier "nur" um Urkundenfälschung oder ist der Betrieb dieser Teile an sich ein Sicherheits-Risiko?
Beitrag vom 27.09.2023 - 14:30 Uhr
"AOG" ... Kannste Dir echt nicht ausdenken xD


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